Boycott Qatar 2022: Ihr habt mir die WM gestohlen (2)

Wie angekündigt, befasse ich mich noch ein weiteres Mal mit dieser unseligen WM in Katar. Es ist zu Beginn dieses Artikels die Nacht auf Dienstag, vier Begegnungen wurden aktuell gespielt. Es ist merkwürdig, dass man die Tore nur zufällig mitbekommt, wenn sie irgendwann in den Nachrichten gezeigt werden. Fühlt sich nicht richtig an irgendwie, wo ich doch den Fußball so liebe und vor allem diese Groß-Events immer so zelebriert habe.

Diesen Text teile ich in zwei Teile auf. In den Fußball-Fan-Teil und in den „ich beschimpfe den eierlosen DFB“-Teil. Ich glaube, ich fange mit ersterem an – auf diese Weise besteht zumindest theoretisch noch die Hoffnung, dass ich mich bis zum zweiten Teil dieses Artikels wieder ein bisschen beruhigt habe.

Fußball ist unser Leben, der König Fußball regiert die Welt

Wer hat diese Zeilen seinerzeit gesungen? Genau, unsere 1973er Nationalmannschaft, die ein Jahr später zum ersten Mal seit dem Wunder von Bern 1954 wieder den Weltmeister-Titel holte. Die WM in Deutschland 1974 war auch die letzte, die ich nicht gesehen habe. Also glaube ich zumindest – die Erinnerungen, was ich so mit drei Jahren gemacht habe, sind echt überschaubar.

Ab 1978 war ich dann aber Feuer und Flamme. Damals liebte ich es, die druckfrische Hörzu zu lesen, wenn sie uns ins Haus schneite. Damals – lange vor dem Internet – hab ich dort erfahren, wenn Fußball im TV läuft. In der Hörzu gab es immer so einen Rahmen aus Fußbällen um den Beitrag, der ein solches Spiel ankündigte. Und zur WM 1978 sah ich es zum ersten Mal im Leben, dass da Tag für Tag Berichte mit diesen Fußball-Rahmen zu finden waren – sogar mehrere am Tag.

Club-Fußball war damals nicht so meine Welt, aber Deutschland drückte ich natürlich schon die Daumen. Ich kann mich sogar auch noch an die Schmach von Cordoba erinnern, als uns Österreich besiegte. Verdammter Krankl! Ich weiß auch noch, dass ich da angefangen habe, Fußballbilder zu sammeln. Ich hatte das Album – und wie so viele Alben danach bekam ich auch dieses selbstverständlich nicht voll. Drei Bilder gab es pro Tüte für zehn Pfennig. Darf man heute gar keinem erzählen sowas.

1982 war für mich nicht nur musikalisch ein wichtiges Jahr, weil ich damals Depeche Mode für mich erkannte und so viele Bands und Künstler mehr. Es war auch das Jahr, wo ich einer WM entgegenfieberte und ziemlich geknickt zusehen musste, wie wir im Finale von Italien 3:1 besiegt wurden. Das entscheidende dritte Tor schoss übrigens Altobelli 😀

Damals entwickelte ich auch eine Sympathie für den FC Bayern. Ein Satz, für den ich mir gerade am liebsten die Finger abhacken möchte. Aber die meisten guten Spiel „Breitnigge“ hieß das Duo, dass die Gegner damals schwindelig spielte. Dremmler, Augenthaler, Del Haye, der Flügelflitzer, Pfaff in der Bude und so viele mehr – gefühlt waren die Bayern Mitte der Achtziger das Maß aller Dinge. Damals war noch gar nicht abzusehen, wie dominant der Club später noch werden dürfte.

Meine Leidenschaft für den Vereinsfußball verkümmerte flott wieder. Wenn mich jemand fragte, welcher mein Club sei, hab ich aus Reflex Bayern gesagt. Aber eigentlich hat mich damals die Nationalmannschaft einfach deutlich mehr interessiert als irgendein Verein.

Das änderte sich dann, als ich auf der Höheren Handelsschule war. Wir hatten da einen ganz feinen Kerl in der Klasse: Ullrich. Hatte ganz brave Pullover an ständig, war deutlich intelligenter als wir anderen Trunkenbolde zusammen – und als wir dann anfingen, ihn auch zu Partys mitzunehmen, stellte sich heraus, dass der Kollege auch ordentlich was am Glas konnte.

Er äußerte das mal beiläufig, dass ich doch ruhig mal mitkommen könnte „auf Schalke“ – die Stimmung wäre immer super, Bier gibt es auch. Müsste ich unbedingt mal erlebt haben, fand er. Und so kam es dann, dass ich mich auf einmal auf Schalke wiederfand in der Nordkurve – und mir ein Spiel gegen Fortuna Köln anschaute. Und was soll ich sagen: Schalke gewinnt das Spiel, sichert sich den Aufstieg und der damals noch ansehnlich schlanke Drees findet sich auf einmal auf dem Rasen wieder. Platzsturm, fremde Menschen liegen sich heulend in den Armen, ich wuschel auf einmal Alex Ristic in den Haaren. Verrückt. Seitdem Blau-Weißer. Wie man so schön sagt: Den Club sucht man sich nicht aus, der Club findet Dich. Hat bei mir ne Weile und Umwege gebraucht, aber so isses jetzt halt.

Sympathisant war ich irgendwie aber schon vorher, muss ich zugeben. Einfach, weil im Freundeskreis ein paar Blaue waren, mit denen wir gerne feierten. So auch bei der WM 1990. Unfassbares Turnier. Höre ich die WM-Hymne von damals, bekomme ich heute noch Gänsehaut.

Rudelgucken gab es irgendwie noch nicht. So saß ich brav mit der Familie im Wohnzimmer und schaute mir das Finale gegen Argentinien an. Ja, schon wieder Argentinien. Auch 86 standen diese Teams im Finale, mit dem besseren Ende für die Gaucho-Truppe. Darf man die überhaupt noch so nennen? 1990 waren wir jedenfalls an der Reihe. Kurz telefoniert und verabredet (über Festnetz, is klar) und dann nen Treffpunkt ausgemacht. Wir wollten in die Stadt, genauer gesagt in unsere Stammkneipe, Deutschland feiern, den Titel feiern.

Da habe ich es zum ersten Mal gesehen, dass Fußballfans einfach mal den kompletten Verkehr lahmgelegt haben. Wir kamen in Unna auf dem Ring an und trafen dort auf sehr viele Gleichgesinnte. Wir feierten, tanzten, tranken und jubelten auf der Straße, viele Stunden lang. Irgendwann im Suff wurde dann auch eine folgenschwere Entscheidung getroffen: Wir fahren nach Frankfurt und begrüßen unsere Jungs am Römer! Taten wir auch. Zwei Autos vollgemacht und ab dafür. Ich hatte das mal irgendwo auf Video, weil man bei den Bildern vom Römer irgendwo meine Birne sehen konnte. Damals mit schwarz gefärbten Haare übrigens.

Ich glaube, ich könnte noch stundenlang weiterschreiben jetzt. Wie wir 96 durch so ein Eiertor in Wembley den Europameistertitel holten. Oder wie wir Blauen plötzlich Europapokal spielten und wir in irgendeiner Nacht plötzlich in den Straßen Valencias eine gigantische Party mit den spanischen Fans feierten. Und an meinem Geburtstag 1997 stand ich dann im Giuseppe Meazza Stadion in Mailand und versuchte heulend zu begreifen, dass die Verrückten da unten gerade den Europapokal gewonnen haben.

2002 standen wir dann wieder mal mit Deutschland im Finale. Damals gab es dann sogar schon Public Viewing. Fand ich atemberaubend, außerhalb des Stadions mit so vielen anderen Fans zu feiern. Viel zu feiern gab es am Ende des Finales natürlich nicht, wie wir alle wissen. Dann das Sommermärchen in Deutschland. Wenn man verstehen möchte, wieso Fußball so eine Faszination ausüben kann und so viel völkerverbindendes an sich hat, musste man sich das Spektakel damals einfach nur anschauen.

Wir hatten hier in Dortmund ein paar Mannschaften zu Gast. Beispielsweise die sehr trinkfreudigen Schweden und die herrlich positiven Menschen aus Trinidad und Tobago. Wir feierten mit Brasilianern, Argentiniern und was weiß ich noch alles. Ich bin einfach jeden Tag nach der Arbeit nach Hause, hab die Brocken in die Ecke geschmissen und bin direkt wieder los auf den Friedensplatz, wo alle Spiele übertragen wurden und jeden Tag Fan-Fest war. Sagenhaft einfach!

Und an 2014 erinnern wir uns ja irgendwie noch alle: „MACH IHN MACH IHN – ER MACHT IHN“ Mario Götze mit diesem Irrsinns-Tor in der Verlängerung des Finales. Wieder einmal gegen Argentinien. Unvergessen natürlich auch das Halbfinale gegen Brasilien. 7:1 haben wir denen da das eigene Stadion unterm Arsch weggeschossen. Wusstet Ihr, dass „7:1“ es in Brasilien in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat? Sowohl „7:1“ als auch „Tor für Deutschland“ wird dort auf portugiesisch als geflügeltes Wort verwendet, wenn mal wieder irgendwas richtig Kacke gelaufen ist.

Groß fand ich übrigens damals, wie sich die Deutsche Mannschaft dort präsentiert hat beim ganzen Turnier. Sie beschäftigten sich dort u.a. auch mit den Indigenen, besuchten Kinder und nicht zuletzt beim 7:1 fiel mir auf, dass man nicht überschwänglich jubelte nach dem Spiel, sondern erst einmal die Brasilianer tröstete.

Genau so liebe ich meinen Fußball und genau so funktioniert es heute leider irgendwie nicht mehr. Das hat viele Gründe, die WM in Katar ist nur ein weiterer. Damit kommen wir jetzt zum Teil 2 dieses Artikels, quasi der kalten Dusche, nachdem ich bisher nur in schönen Erinnerungen schwelgte.

Ihr habt mir die WM gestohlen!!

Ja, Ihr habt mir die WM geraubt. Betrügt mich um Public Viewing Events bei sengender Hitze und den Grill-Partys mit Freunden. Glückselig und angetrunken meinen Buddies in den Armen liegen, feiern, singen und auf den großen Titel hoffen. Aber es geht mir nicht hauptsächlich um Sommer oder Winter (auch, wenn ich es krank finde, dass sorgfältig aufeinander abgestimmte Spielpläne weltweit verworfen werden, weil man plötzlich merkt, dass es im WM-Land im Sommer zu heiß zum Pöhlen ist!).

Vielmehr geht es um das, was ich vor Monaten schon über die WM schrieb bzw. in meinem letzten Artikel am Sonntag. All das halt, was den Fußball so kaputt gemacht hat über die Jahre. Aber darüber würde ich mich jetzt gar nicht nochmal groß auslassen wollen, wäre gestern nicht das passiert, was eben passiert ist.

Der DFB ist in Sachen One-Love-Binde so dramatisch eingeknickt, dass es schwierig wird, ein schlimmeres Einknicken in der Geschichte des Fußballs zu finden. Weil die FIFA relativ abstrakt mit sportlichen Konsequenzen gedroht hat, haben sich die Nationen, die diese Binde tragen wollten, beratschlagt und sind zu dem Schluss gekommen, dass man lieber doch ohne dieses Zeichen für Respekt und Menschenrechte antritt! Das ist das absolut Eierloseste, was ich seit langem gesehen habe – und ich sehe in diesen Zeiten wirklich viele eierlose Dinge.

Erinnert ihr euch noch daran, wie wir darüber lästerten, dass diese peinliche One-Love-Binde zum Einsatz kommen soll? Wir waren uns doch alle sicher, dass selbst eine Regenbogenarmbinde ein eher überschaubares Zeichen ist, aber eben immer noch deutlich wirkmächtiger als die behämmerte One-Love-Nummer mit ihren Fantasie-Farben. Aber was soll ich sagen: Der DFB hat es tatsächlich hinbekommen, dass diese Binde nun doch in aller Munde ist und ein sehr starkes Zeichen aussendet. Allerdings ein Zeichen genau in die verkehrte Richtung. Sie ist jetzt Symbol für eierlose Fußballverbände, für Dampfplauderer, Schönredner und für Menschen, die vor einem augenscheinlich übermächtigen Fußballweltverband FIFA peinlich einknicken.

Damit will ich gar nicht mal die Fußballer selbst angehen, die gerade verzweifelt versuchen, den Fokus auf den Sport zu lenken. Ich fände es richtig, würden sie sich deutlich von der FIFA distanzieren, klare Worte über Katar und diese ganzen Falschheiten dieses Turniers finden und auch auf dem Platz Zeichen setzen. Aber ich kann auch nachvollziehen, dass so ein Turnier für viele Sportler einen absoluten Lebenstraum darstellt, auf den man lange hingefiebert hat. Dass man diesen Traum nicht aufgeben will, weil es die FIFA damals verkackt hat, als ein Youssoufa Moukoko ganze fünf Jahre alt war, verstehe ich.

Aber alles andere verstehe ich eben nicht. All die großen Worte von Strafen, die man in Kauf nimmt, entpuppen sich seit gestern als leere Worte. Der DFB findet sich ja sogar damit ab, dass man noch nicht einmal weiß, was die Konsequenz wäre. Wir wissen ja nicht einmal, ob es vielleicht mit einer gelben Karte sogar getan wäre, oder ob tatsächlich Punktabzüge oder gar ein Turnierausschluss droht.

Heute könntet Ihr unsterblich werden

Aber es ist ja noch nicht zu spät. Ich schreibe diese Zeilen hier, eineinhalb Stunden vor Anstoß. Unsere Elf kann immer noch ein Zeichen setzen … Wenn Manuel Neuer nämlich gleich einfach diese verkackte Binde überstreift. Oder am besten sogar noch die Regenbogenarmbinde! Einfach, um uns alle Lügen zu strafen – als Teil ihrer sensationellen Strategie, die FIFA und das Land Katar in Sicherheit zu wiegen, um sich dann als strahlender weißer Ritter zu präsentieren. Aber das wird nicht passieren, machen wir uns nichts vor.

Dabei könnten die elf Mann auf dem Platz heute Helden werden und sich in die Geschichtsbücher des Fußballs eintragen. Dafür muss man nicht das wichtigste Turnier der Welt gewinnen, das schönste Tor aller Zeiten schießen oder Rekorde brechen. Man muss sich lediglich ein klein wenig zusammenreißen und abwarten, wie die FIFA tatsächlich reagiert, sollte diese vermaledeite Binde getragen werden. Was ist denn das Schlimmste, was passieren kann? Eine gelbe Karte? Doch, würde ich riskieren an Manuel Neuers Stelle. Aber ganz ehrlich: Selbst ein Punktabzug oder auch ein Turnierausschluss (was ich für sehr unwahrscheinlich halte) wäre kein wirklicher Grund, es nicht zu tun.

Stellt Euch vor, ein Spiel wird gegen uns gewertet, mit Punktabzug bestraft oder gar nicht erst angepfiffen, weil Neuer diese Binde nicht ablegen möchte. Die Bilder und die Message würden um die ganze Welt gehen. So wie die Bilder der iranischen Nationalmannschaft, die bewusst die eigene Hymne nicht mitsang und dadurch ein brutal starkes Zeichen gegen das Regime im eigenen Land aussendete. Ein Zeichen, das Gefängnis bedeuten kann. Ein Zeichen, auf das die Spieler vermutlich mit peinlichen, erzwungenen, öffentlichen Entschuldigungen reagieren müssen. Ein Zeichen, welches auch die Familien der Spieler in Gefahr bringt.

Genau so wirksam könnten die Bilder sein, wenn die FIFA sich gleich so deutlich gegen Respekt, gegen Menschenrechte, gegen Solidarität und alles andere stellt, was null mit Politik und ganz viel mit Menschlichkeit zu tun hat. Ich glaube, dass die FIFA sich dessen bewusst ist, welchen Schaden sie bereits angerichtet hat und wie viel stärker der Schaden durch solche Bilder noch werden könnte. Deshalb bin ich auch sicher, dass harte Konsequenzen ausbleiben.

Aber wie gesagt: Das darf nicht in den Köpfen stecken bei der Entscheidung, das Richtige zu tun. Die One-Love-Binde, ich bleibe dabei, ist in ihrem Symbolcharakter eigentlich ein Witz. Bedeutung bekommt es gerade durch das unsägliche Verhalten der FIFA und eben auch, wie die nationalen Verbände damit umgehen. Tragt die Binde heute und Eure Nation wird Euch feiern. Ihr werdet sehen, dass Ihr zuhause wie Helden empfangen würdet und da wäre es scheißegal, ob ihr einen Pokal mitbringt oder ein Aus in der Vorrunde.

Sorgt dafür, dass die Guten gewinnen. Und nicht ein Infantino, der sich nicht entblödete, sich selbst in seiner Rede als Araber, als Migrant und als Jana aus Kassel zu fühlen. In den Geschichtsbüchern steht unter K wie Katar heute schon, dass es die furchtbarste WM der Welt ist, jenseits aller sportlichen Aspekte. Aber welche Kapitel noch hinzugefügt werden können – das haben die Teams vor Ort immer noch selbst in der Hand. Und auch, wenn ich wenig Hoffnung habe: Ich wünsche mir sehnlichst, dass es die Deutsche Mannschaft ist, die ein ganz strahlendes Kapitel schreiben, am besten schon heute gegen Japan.

Allen, die es schauen, wünsche ich viel Spaß – ich bin guter Dinge, dass ich alles relevante dazu auch nachträglich noch erfahre. Ob ich Euch dann nochmal mit einem weiteren WM-Artikel auf den Sack gehe, überlege ich mir noch.

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