Boycott Qatar 2022: Lasst uns bitte die Fußball-WM in Katar boykottieren!

In etwa zehn Monaten startet die Fußball-WM in Katar. Und ganz ehrlich: Ich weiß immer noch nicht, was mich mehr irritiert – dass die WM tatsächlich in diesem Wüstenstaat stattfindet, der mit Fußballbegeisterung weniger am Hut hat als ich mit dem Absolvieren eines Triathlons? … oder, dass man tatsächlich Ende Januar schreiben muss, dass es noch zehn fucking Monate sind, bis das Turnier beginnt. Ich will es immer noch nicht wahrhaben, dass die WM 2022 etwa zu dem Zeitpunkt beginnt, wenn in Deutschland die ersten Weihnachtsmärkte aufmachen.

In dieser Woche jedenfalls ging der Vorverkauf der Tickets los bzw. die Bewerbungsphase für Karten. Ich wünschte, es würde nicht passieren. Aber so ist es nun mal und jetzt kann ich nur hoffen, dass möglichst wenige Fußballfans sich um diese Tickets bemühen. Am Schönsten wäre es, wenn die Stadien einfach leer blieben. Werden sie aber nicht. Selbst, wenn – was ich nicht glaube – zu wenig Tickets verkauft würden, wären die Ränge voll. Besetzt mit irgendwelchen „Freiwilligen“, mit Klatsch-Vieh, welches vorgaukelt, an Fußball interessiert zu sein. Wieso sollte ausgerechnet das Land, welches Tausende Menschen für den Bau der Stadien in den Tod gehen ließ, Probleme damit haben, Menschen zu finden, die sich da für 90 plus X Minuten hinsetzen und Begeisterung heucheln?

Aber ich hoffe inständig, dass es außerhalb der Stadien ¬ in den Medien und auf den sozialen Plattformen und in den Kneipen und in den Familien – deutlich ruhiger als da auf den Rängen zugehen wird. Es wird von Befürwortern der WM ja gerne angeführt, dass man das Turnier dafür nutzen will, auf Schwierigkeiten hinzuweisen und dass man nur Dinge ändern könne, wenn man dort ist und dafür sorgt, dass wir alle hinsehen. Halte ich für Quatsch. Eine abgesagte WM, DAS wäre ein Zeichen gewesen. Dieses TV-Monster, welches milliardenfach herbeigesehnt und verfolgt wird – einfach abgesagt oder in ein anderes Land vergeben. Ohne Rücksicht auf finanzielle Einbußen.

Das wäre ein Signal gewesen und hätte dafür gesorgt, dass der ganze Planet nach Katar blickt. Und auf Funktionäre und Organisationen, die im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen, damit ordentlich Kohle reinkommt. Noch bevor der Ball rollt, muss schließlich der Rubel rollen. Diese Leute würden plötzlich im Fokus stehen, würde man so ein wichtiges Turnier einfach absagen – oder würde es von den Nationalmannschaften schlicht boykottiert. Aber es sieht nicht so aus, als würde es eine breite Unterstützung der Teams für so einen Boykott geben.

Sie nennen es Sport und Fußball, ich nenne es den Tanz auf den Gräbern mehrerer Tausend toter Zwangsarbeiter. Und ja, ich würde mir wünschen, dass ganz, ganz viele Fußballfans sich entschieden, nicht vor Ort zu sein und nicht den Fernseher einzuschalten, wenn die Spiele laufen. Würde das Turnier auf diese Weise ignoriert, bin ich überzeugt davon, dass dieses Schweigen der Mehrheit so viel lauter sein würde als jeder inszenierte Jubel auf den Rängen in irgendeinem Wüsten-Stadion im Dezember.

Ausgerechnet Fußball soll der weiße Ritter sein, der in Katar für Menschenrechte kämpft?

Ich schrieb es weiter oben schon: Die WM soll helfen, dass wir hinschauen, dass Finger in die Wunden gelegt werden können und richtige Entwicklungen in Katar auf den Weg gebracht werden. Bullshit! Wir sollten aufhören, uns von Funktionären erzählen zu lassen, dass der Fußball der weiße Ritter ist, der mit glänzender Rüstung und hoch zu Ross durch katarischen Wüstensand trabt mit einem ehrenvollen Auftrag. Dort wird nicht die Welt gerettet und der Weltfußball ist sicher auch keine Institution, für die das Bild des ehrenhaften Ritters geeignet wäre.

Der Fußball ist kaputt! Gier, Kapitalismus und Korruption haben diesen Sport wie eine schlimme Art von Krebs fast komplett ausgehöhlt. Vor ein paar Tagen haben spanische Teams den spanischen Supercup ausgespielt: In Saudi-Arabien! Spieler wechseln Clubs für dreistellige Millionenbeträge, die Topspieler der Welt haben mittlerweile Ausstiegsklauseln, laut denen mehr als eine Milliarde (!) Euro fällig werden für einen vorzeitigen Vereinswechsel! Scheichs und Oligarchen kaufen sich Top-Clubs, Spieltage werden auf mehrere Tage ausgewalzt und wir wissen im Zweifelsfall manchmal gar nicht mehr, welcher Sender wo für welchen Betrag ein Spiel überträgt.

Und nein, das bekommen wir nicht kompensiert dadurch, dass „Die Mannschaft“ sich Instagram-tauglich mit T-Shirts ablichten lässt, auf denen für „Human Rights“ geworben wird. Schon einmal gar nicht, wenn auf vielen Vereinstrikots dieser Spieler für viel Geld das Logo von Qatar Airways prangt. Also nein: Fußball ist nicht der weiße Ritter, der in Katar dafür sorgen kann, dass durch bloße Aufmerksamkeit alles gut wird in diesem merkwürdigen Land. Die mindestens 15.000 Toten, von denen die Rede ist, werden tot bleiben.

Auch die Menschenrechte für zum Beispiel Frauen und queere Menschen werden sicher nicht dadurch ins aktuelle Jahrtausend gehievt, weil da vier Wochen lang gepöhlt wird – und auch die Pressefreiheit in diesem Land wird vorerst ein kühner Traum bleiben. Und unser Ritter ist allenfalls die Crack-verseuchte, heruntergekommene Abklatsch-Version eines weißen Ritters. Vergesst übrigens nicht, dass es nicht nur um den Bau der Stadien geht – über zwei Millionen Gastarbeiter sind dort im Einsatz und wir können nur erahnen, wie es in den Bereichen aussieht, wo die Weltöffentlichkeit nicht hinschaut wegen eines Turniers.

Genau das ist ja auch das Problem mit der Behauptung, dass die ganze Welt nach Katar schaut wegen der WM. Natürlich schauen dort sehr, sehr viele Menschen wegen der WM hin – aber sie blicken nur auf eine Fassade. Auf das Bild von Katar, von dem die Mächtigen dort wollen, dass wir es sehen. Damit hätte es sogar einen negativen Effekt, wenn wir auf die ganz zarten Pflänzchen der Verbesserung schauen und uns entspannt zurücklehnen im Irrglauben, dass es in dem Land wirklich vorangeht.

Wieso ich Euch das überhaupt erzähle? Weil ich Euch bitten, ja anflehen möchte: Schaut es Euch nicht an. Boykottiert die WM in Katar. Hisst schwarze statt schwarz-rot-goldene Flaggen. Schaut nicht die Übertragungen, Zusammenfassungen und Talk-Runden im TV. Kommuniziert es in den sozialen Medien, dass Ihr es nicht schaut und nennt die Gründe! Verbreitet Hashtags wie #BoycottQatar2022 oder ähnliche und zeigt, dass das nicht der Sport und nicht die Fußball-WM ist, die wir gerne sehen möchten. Dass das Maß endlich randvoll ist!

Für so manchen Spieler tut es mir leid. Nicht für einen Neuer, Messi oder Mbappé, ehrlich gesagt. Selbst ein Manuel Neuer soll 18 Millionen im Jahr verdienen und ist in der Auflistung damit der absolute Hungerleider dieser Drei. Denen geht es also gut, die sammeln neben Kohle auch sportliche Erfolge und haben es sich auf der Sonnenseite des Lebens bequem gemacht. Nicht falsch verstehen, das ist keine Missgunst. Wenn ich der Beste der Welt in irgendwas bin und es dafür einen Markt gibt, wird eben entsprechend gezahlt. Damit komme ich klar. Ich meine nur, dass es solche Spieler verschmerzen könnten, auf dieses Turnier zu verzichten.

Wenn ich meine, dass mir so mancher Spieler leid tut, dann sind das eher diejenigen, die medial nicht so im Rampenlicht stehen, noch lange nicht finanziell ausgesorgt haben und für die es vielleicht der größte Traum ist, ein einziges Mal bei einer WM auf dem Rasen zu stehen. Lassen wir dabei mal außen vor, ob dieser Traum auch so aussah, dass sich der erwähnte Rasen in Katar befindet. Aber dennoch: Auch, wenn mir diese „kleinen“ Spieler leid tun, denke ich, dass das ein Preis ist, den sie zahlen sollten.

Jeder Spieler, der von sich aus erklärt, dass er das Turnier boykottiert; jede Nation, die sich dazu durchringt, nicht nach Katar zu fliegen, jeder Sponsor, der sich da kooperativ zeigt und ja, auch jeder Fußballfan, der auf die WM verzichtet, trägt einen Teil dazu bei, dass sich Dinge ändern. Das sehen wir doch auch in anderen Bereichen, zum Beispiel beim Verzicht auf Fleisch: Es gibt nicht den großen Knall und auf einmal werden Tiere nicht mehr von einem Tag auf den anderen für unsere Ernährung misshandelt und getötet. Stattdessen wird die Nachfrage nach veganen Produkten und das Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei uns Konsumierenden immer größer, auch Fleischfresser wie ich denken in kleinen Schritten um und final stellt sich die Industrie drauf ein. So kann der Wandel auch in anderen Bereichen funktionieren – egal, ob wir über die Menschenrechte in einem fernen Land sprechen, oder über eine Sportart, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Von daher würde ich mich freuen, wenn sich so viele Fußballfans ebenso wie ich dazu entscheiden könnten, in diesem Winter auf das Spektakel zu verzichten. Die WM 1978 in Argentinien war die erste, die ich bewusst erlebt und mitverfolgt habe und ich hoffe inständig, dass das Turnier 2018 in Russland nicht das letzte war, bei dem ich mitgefiebert habe. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich die WM-Endrunde in Katar in diesem Winter boykottieren werde. Wie sieht’s mit Euch aus?

Artikelbild-Collage: Selbst zusammengeklöppelt aus den Bildern von Michal Jarmoluk und Mark Thomas auf Pixabay

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