Angekommen im neuen Jahr – alles bleibt anders

Wann ist der Zeitpunkt, zu dem man sagen kann, dass man im neuen Jahr angekommen ist? Am ersten Januar, nachdem man den Rausch ausgeschlafen hat? An dem Tag, an dem man realisiert, dass man den ersten seiner guten Vorsätze bereits gebrochen hat? Oder an dem Tag, an dem man zum ersten Mal auf Anhieb beim Datum die richtige Jahreszahl nennt? Ich hab keine Ahnung, ob es solche bestimmten Momente braucht, um sich als im Jahr angekommen zu fühlen.

Ich glaube, ich bin sehr schnell im neuen Jahr 2021 angekommen. Gefühlt war ich schon Ende Dezember da, weil so viele Menschen darüber sprachen, wie furchtbar 2020 war und dass man nun froh sei, dass es endlich endet. Als ob mit einem dicken Knall dann plötzlich ein Pandemie-freies neues Jahr startet, es für alle Geld regnet und alle Probleme Geschichte wären. Ich fürchte, diese Leute leiden noch immer unter diesem Kater, der zur Abwechslung mal nichts mit Alkohol zu tun hat, sondern damit, dass man plötzlich realisiert, dass 2021 im allerbesten Fall ähnlich Scheiße und kompliziert wird wie das letzte Jahr.

Im Moment wird die Impf-Sau durchs Pandemie-Dorf getrieben, schrieb ich ja gestern bereits was zu. Ich denke, dass sich das innerhalb der nächsten 1-2 Monate komplett legen wird, wenn erkennbar ist, dass das Impfen auch in Deutschland zügig vorangeht. Der Kater wird aber bleiben, denn wir haben so unfassbar viele schwierige Aufgaben vor der Brust, dass man gar nicht weiß, wo man wirklich anfangen soll. Lassen wir die Geflüchteten in Bosnien sich die Ärsche abfrieren und hoffen, dass die Meldungen rechtzeitig in Vergessenheit geraten, bevor Ertrinkende im Mittelmeer das Thema wieder auf die Agenda hieven? Und schlimmer noch: Wollen wir tatsächlich einen Menschenfeind wie Merz zum Kanzler machen, der diese Probleme dann „vor Ort“ gelöst wissen will? Bitte nicht!

Wird die Regierung im nächsten Herbst wieder erklären müssen, wieso wir weder bei den Schulen, der Digitalisierung oder den Pflegekräften auch nur einen kleinen Schritt nach vorne gemacht haben? Werden jemals wieder die Arbeitsbedingungen bei Tönnies ein Thema sein oder Massentierhaltung insgesamt? Wird es uns irgendwann in diesem Jahr wieder einfallen, dass der Klimawandel nicht weggeht, nur weil wir ihn 2020 in Grund und Boden ignoriert haben? Werden Querdenker sich vielleicht zur Abwechslung mal mehr auf „Denken“ statt auf „Quer“ konzentrieren? Wie gehen wir mit China um bezüglich der Uiguren oder Menschenrechtsverletzungen in China generell? Und was ist mit Syrien? Dem Jemen? Bekommen wir den wirtschaftlichen Wandel in der Mobilität hin? Bekommen wir als Folge daraus unsere Städte reformiert und das vielleicht sogar gleichzeitig mit der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum? Wollen wir weiter Länder mit Tonnen von Waffen beliefern und uns wundern, dass die Leute nach Europa drängen, denen man die Hütten unterm Arsch weggebombt hat?

Keine Panik, ich sehe das nicht als einen Frontalangriff auf unsere Regierung, auf die EU oder so. Es gibt genügend Dinge, um die wir uns in Europa alle zusammen zu kümmern haben und selbst, wenn die Politik durch falsche oder fehlende Entscheidungen zu vielen dieser Probleme beigetragen hat, wird niemand allen ernstes erwarten, dass man all das binnen weniger Monate in den Griff bekommen kann. Vielmehr möchte ich festhalten, dass die Baustellen im Jahr 2021 dieselben sein werden wie im Jahr 2020 — eventuell abzüglich des Brexits, wobei ich denke, dass selbst der uns weiterhin auf Trab halten könnte.

Die Pandemie wird uns auch nicht den Gefallen tun, einfach mit einem Knall verschwunden zu sein. Wenn man sich anschaut, dass Tausende auf Raves in Spanien und Frankreich ins neue Jahr gefeiert haben — natürlich ohne Masken und ohne Abstand — und sich die Bilder der „Wintersport-Fans“ in Deutschland anschaut, weiß man auch, dass sie lange nicht verschwinden wird. Solange Schwachköpfe in Berlin „ein bisschen SARS muss sein“ singen und andere Idioten unter dem Hashtag #Wirmachenauf ankündigen, dass sie auch unerlaubt ihre Läden wieder aufmachen wollen, haben wir traurige Gewissheit, dass 2021 ein harter Brocken wird.

Allerdings gibt es auch Hoffnung. Wenn man zum Beispiel sieht, dass #Wirmachenauf mittlerweile gekapert wurde, um die exakt selbe Aussage nicht auf widerrechtlich geöffnete Läden, sondern auf Aufnahmebereitschaft bei Geflüchteten umzumünzen. Hoffnung macht, dass in wenigen Tagen ein weiterer Impfstoff kommen wird und noch im ersten Quartal wohl ein dritter Impfstoff die dritte Testphase abschließt. Hoffnung machen auch viele Menschen, die ebenfalls von Querdenkern angewidert sind, die sich selbstverständlich impfen lassen wollen und die noch in der Lage sind, Dinge reflektieren und realistisch einordnen zu können.

Über all das hab ich mir eben meine Gedanken gemacht, als ich durch die Gegend marschierte. Zuvor hatte ich mich mit Krücke getroffen, sowas wie mein einziger Real-Life-Kontakt hier in den letzten Monaten. Auch die Schlender-Runden und die guten Gespräche mit ihm werden 2021 andauern, ebenso wie die unermessliche Menge an Scheiße, die wir labern und uns dabei vermutlich lustiger finden, als wir tatsächlich sind. 😀

Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, drehte ich noch eine Runde durch die Innenstadt — Schritte machen. Ja, auch der Kampf gegen meine fette Pauke wird 2021 in eine neue Runde gehen, verbunden mit den täglichen Schritten, die ich absolvieren werde. Als ich eben marschierte, sprach mich ein ziemlich heruntergekommenes Pärchen an, ob ich ein Paar Cent übrig hätte. Auch 2021 werde ich für diese Menschen stehenbleiben und nach Kleingeld suchen — und vermutlich werde ich mir auch in diesem Jahr oft genug Vorwürfe machen, dass ich schon so abgestumpft bin, dass ich mir ihre Erklärungen für die Bettelei nur mit einem halben Ohr anhöre. Ich hatte nur eine Münze — ein zwei-Euro-Stück. Finde ich irgendwie viel und noch vor ein paar Wochen hätten sie mir selbst bitter gefehlt. Dass das übrigens gerade nicht so ist, verdanke ich auch euch und euren PayPal-Spenden — bis vor etwa einem Monat war hier nämlich wirklich Land unter.

In solchen Situationen sieht man dann auch die ganzen Obdachlosen plötzlich mit ganz anderen Augen. „Werde ich auch bald auf der Straße leben?“ habe ich mich nicht nur einmal gefragt in den letzten Monaten. Auch eben fiel mir wieder auf, wie stark die Anzahl an Obdachlosen in der Fußgängerzone nach oben geschossen ist in den letzten ein, zwei Jahren. Auch ein Problem, welches uns sicher nicht nur 2021 beschäftigen wird.

Die Stadt hat in den letzten Jahren ihr Gesicht verändert. Ich meine nicht, was die Shops und die Zahl der Filialisten angeht. Ich meine zum Beispiel diese Obdachlosen, die sich in allen erdenklichen Ecken ihre kleinen Betten-Höhlen bauen und zumeist morgens wieder wie von Zauberhand verschwunden sind. Zum veränderten Stadtbild gehören aber auch die überall geparkten E-Scooter, die viel häufiger durch die Fußgängerzone patrouillierende Polizei und die orangenen Lieferando-Fahrer auf ihren Bikes. Wie muss sich das für die heimatlosen Menschen wohl anfühlen, wenn im Minutentakt diese orangenen Essenslieferungen an ihren Nasen vorbeirollen?

So viel steht mal fest: Auch in 2021 werde ich vermutlich nicht aufhören können, immer und immer wieder über all das nachdenken zu müssen und ich werde mich auch weiterhin so viel über unsensible, empathielose Schwachköpfe im Netz echauffieren (wie mir bereits nach drei Tagen im neuen Jahr aufgefallen ist). Wir haben ganz viel selbst in der Hand, um dieses Jahr besser als das letzte zu machen, stehen aber auch vor ebenso vielen Problemen wie im letzten Jahr. Letztendlich können wir nur versuchen, durchzuhalten — mit der Hoffnung auf eine bessere zweite Jahreshälfte, vielleicht sogar erst ein besseres Jahr 2022. Das ist eine ziemliche Strecke, die wir gehen müssen. Die wir gehen werden. Vielleicht können wir uns irgendwie gegenseitig stützen auf diesem Weg — hat doch schließlich 2020 auch oft ganz gut geklappt. Ich glaub jedenfalls, dass ich im neuen Jahr angekommen bin. Es präsentiert mir jede Menge mehr vom Selben, alles bleibt anders. So, genug geschrieben für heute — der Tag ist fast vorbei und ich muss tatsächlich noch ein paar Schritte machen.

PS: Ich habe wieder ein Artikel-Bild von meinem Asien-Trip Ende 2019 ausgewählt. Weil es einfach eine gute Zeit war und ein bisschen auch, um mich selbst unter Druck zu setzen und endlich in dieser Woche den zweiten Teil von meinem Asien-Trip zu schreiben. 😉

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