Wer schweigt, schützt Täter!
Egal welchen Geschlechts: Wer hatte beim Fall rund um Collien Fernandes und Christian Ulmen auch direkt diesen erstaunten Reflex zu denken: „Der doch nicht“? Ich habe mich jedenfalls bei diesem Gedanken ertappt, als jetzt bekannt wurde, was Ulmen seiner damaligen Frau angetan hat. Gisèle Pelicot hat den Satz geprägt, dass die Scham die Seite wechseln muss. Jau, es ist höchste Zeit!
Wer nicht weiß, worum es in dem Fall geht: Schon lange hat Fernandes darüber gesprochen, dass pornographische Deepfakes von Ihr durchs Netz geistern. Sie hat selbst in Reportagen über das Thema geredet, aber der Abgrund, in den man sie gestoßen hat, ist noch viel tiefer und abartiger: Jemand hat Menschen aus ihrem Umfeld in ihrem Namen angeschrieben, hat Deepfakes verbreitet, die vermeintlich die nackte Collien Fernandes zeigen sollen, hat selbst vor Telefonsex nicht zurückgeschreckt und reale Sex-Treffen in Aussicht gestellt.
Das solle über zehn Jahre lang so gegangen s ein, die Person, die sich als Fernandes ausgab, soll teils mit 30 Personen gleichzeitig in dauerhaftem, intensiven Kontakt gestanden haben. Im Spiegel steht die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin jetzt zum Thema Rede und Antwort. Dort verrät sie, dass sie den Täter kennt, und er aus ihrem engsten Umfeld kommt: Es handelt sich um keinen Geringeren als ihren Ex-Mann Christian Ulmen, der zu den Tätern gehört.
Im Text klagt sie ihn an mit den Worten: „Du hast mich virtuell vergewaltigt“ (Text hinter der Paywall). Natürlich gilt auch hier die Unschuldsvermutung. Dem Spiegel zufolge solle Ulmen ihr sein Tun aber persönlich gestanden haben und es liegen dem Spiegel wohl auch entsprechende Mails der Strafverteidigung vor, die Ulmens Taten bestätigen. Fernandes und weitere Zeugen haben eine eidesstattliche Versicherung vorgelegt. In diesem Clip wird der Fall von einem Rechtsanwalt aufgerollt:
Ich habe gestern vor dieser Story gesessen und tatsächlich gedacht: „Der doch nicht“. Dieser begabte, lustige Schauspieler, dem ich so gerne zugesehen und in Podcasts gerne zugehört habe, soll zu so etwas fähig sein? Aber ja, genau das ist der Punkt, bzw. genau dieses erstaunte „der doch nicht“ ist das Problem! Und damit bin ich das Problem. Ich, und eigentlich auch jeder andere, der sich nicht zum Thema äußert. Jeder, der nicht den Fehler im maskulin geprägten System sieht. Jeder, der nicht den Opfern beisteht. Jeder, der vielleicht sogar reflexhaft als Erstes an der Aussage von Frauen zweifelt.
Es ist nun mal so, dass Täter in den seltensten Fällen die offensichtlichen, direkt erkennbaren Monster sind. Täter sind oft einfach nicht mehr als Ehemänner, Väter, Onkel, Nachbarn, Kollegen, Vorgesetzte, Vertrauenspersonen. Wir schauen den Menschen eben einfach nur vor den Kopf. Ein Täter kann ein unfassbar beliebter Kerl sein. Einer, der perfekt in sein Umfeld integriert ist, zu dem man vielleicht sogar aufblickt, ihn als erfolgreich und ja, als sympathisch einordnet. „Täter“ ist nichts, was einem auf die Stirn tätowiert geschrieben steht.
Das ist an sich ein Problem, weil eben auch hier kein bloßes Schwarz-Weiß-Denken hilft. Der Täter kann beides sein: Mobber und liebevoller Vater, Vergewaltiger und liebender Ehemann, Sympathieträger und gewaltbereiter Schläger.
Reden ist Silber, Schweigen zu wenig
Und ja, genau da kommen wir, liebe Männer, ins Spiel. Also diejenigen von euch, die sich bei „es gibt natürlich auch gute Männer“ angesprochen fühlen. Würde ich mich selbst als „einen von den Guten“ bezeichnen? Logisch! Wir alle, oder? Dennoch ist dieses ewige „not all men“ ziemlicher Bullshit! Frauen sind ja nicht behämmert – die sind schon pfiffig genug zu wissen, dass nicht jeder Mann ein Schläger, Vergewaltiger und/oder Mörder ist. Das werfen uns Frauen übrigens auch gar nicht vor.
Was sie uns vorwerfen, und wobei ich mich auch ertappt fühle: Wir halten zu oft und zu sehr die Schnauze, wenn solche Dinge publik werden. Wir machen unsere Witzchen, wir relativieren viel zu oft – und ja, meistens halten wir eben die Fresse. Das liegt auch daran, dass wir uns unserer Privilegien oftmals gar nicht bewusst sind. Rollenbilder, unsere Sprache und Machtstrukturen – die Welt um uns herum wurde zumeist von Männern geformt.
Das ist jetzt nicht unsere „Schuld“, wir wurden halt auch da hineingeboren. Aber wir sind die Profiteure dieses Systems und ich finde, dass das mit einer Verantwortung einhergeht, die wir übernehmen müssen. Deswegen ist es mir wichtig, dass der männliche Teil meiner Leserschaft mich auch richtig versteht: Ich will niemanden vorverurteilen und ich will uns auch keine Kollektivschuld andichten.
Aber wenn wir wirklich Bock auf eine faire, gerechte und gleichberechtigte Welt haben, müssen wir uns bewegen, bestenfalls auch das Maul aufmachen. Es sollte Gegenrede geben, wann immer ein vermeintlicher Comedian wie Pocher sein Maul aufmacht, um misogynen Scheiß abzusondern. Wir sollten uns auch angewöhnen, über die Opfer mehr als über die Täter nachzudenken. Klar, natürlich darf Pocher öffentlich darüber spekulieren, dass Ulmens Karriere jetzt am Arsch ist. Aber normal und richtig sollte sein, dass wir zuerst nicht über seine Karriere nachdenken, sondern über das, was Collien Fernandes ein ganzes Jahrzehnt lang ertragen musste. Was sie jetzt ertragen muss, und wie wohl die Teenager-Tochter damit zurechtkommt, was jetzt auf die Familie einbricht.
Eigentlich wollte ich gar nicht so viel schreiben übers Thema. Und ich wollte auch nicht Raum in Anspruch nehmen, der vielleicht jetzt besser den Frauen zustände. Aber vielleicht darf ich abschließend die Frauen wenigstens um Hilfe bitten: Ich fordere hier ein, dass Männer sich lauter verhalten und deutlicher gegen all das positionieren, was Männer Frauen oder egal welchem Menschen antun. Bin ich da auf dem richtigen Weg, oder habt ihr andere Ideen, wie wir euch unterstützen können? Lasst mich das gerne wissen!
Und am Ende möchte ich auch noch einmal auf die Unschuldsvermutung zu sprechen kommen. Natürlich gilt die auch für Christian Ulmen und natürlich bin ich auch meiner vorschnellen Einschätzung bei Gil Ofarim noch bestens bewusst. Aber wir sollten es richtig gewichten: Erzählt uns eine Frau, dass sie Opfer geworden ist, nehmen wir das gefälligst erst einmal uneingeschränkt zur Kenntnis. Ohne uns zuerst Gedanken zu machen, ob sie möglicherweise lügt. Nicht nur dann, aber eben erst recht gilt das, wenn es eine seriöse Recherche gibt, der auch anwaltliche Mails und eidesstattliche Erklärungen zugrundeliegen. Erst danach und frühestens dann können wir den Motiven der Männer oder Auswirkungen auf ihre Karrieren nachgehen.
PS: Liebe Männer! Ich hoffe auch inständig, dass ich niemandem von euch ans haarige Bein gepinkelt habe. Ich will unser Geschlecht nicht einer kollektiven Mitschuld an so circa allem aussetzen. Ich persönlich weiß aber, dass ich vom Patriarchat profitiert habe. Und ich weiß auch, dass ich selbst Frauen gegenüber in manchen Situationen scheiße gehandelt habe. So hab ich selbst eine Weile gebraucht, bis ich kapiert habe, wie sich Frauen nachts in den Straßen fühlen. Es geht darum, dass wir uns gerade machen müssen und den Frauen zur Seite stehen, wenn es drauf ankommt. Und gerade kommt es darauf an, glaubt mal. Deswegen schließe ich auch mit Colliens eigenen Worten, die in ihrem Instagram-Posting schreibt:
Sexualisierte Gewalt ist kein über der Realität schwebender Diskurs. Sie ist bittere und knallharte Realität, findet tagtäglich unter uns, sogar in den eigenen Schtzräumen, statt! In unseren Zuhauses, in denen wir uns sicher wähnten … Es reicht!
Artikelbild: KI-generiert mit Google Gemini. Ich fand ein Selfie-Motiv passend für den Artikel, weil grundsätzlich jeder ein Täter sein kann. Wir sehen es den Leuten von außen nicht an. Ich kann wissen, dass ich niemandem was tue. Die Frau, die mich sieht, kann das nicht wissen.