#allesdichtmachen – Alle noch ganz dicht?

Wenn ich einen Artikel schreiben würde, der von der AfD und den Ken Jebsens und Roland Tichys dieser Republik abgefeiert würde – dann wüsste ich, dass ich richtig Scheiße gebaut habe. In der Folge würde ich mir vermutlich freiwillig einen spitzen, heißen Stock ins Auge stechen (wie ein Freund sagen würde) in der Hoffnung, dass mich das davon abhielte, nochmal so einen Unsinn zu schreiben.

Zum Glück habe ich in meinem Leben so etwas noch nie geschrieben und – Stand jetzt – werde ich das auch nicht. Dass ich mir darüber aber gerade Gedanken mache, ist natürlich nicht aus der Luft gegriffen. Leider ist es das nicht!

Denn es haben sich über 50 deutsche Schauspieler:innen aus Deutschland zusammengefunden, um sich mal ein bisschen Luft zu verschaffen. Das ist grundsätzlich ja keine blöde Idee. Blöd wird es erst, wenn man sich unter den Hashtags #allesdichtmachen #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer versammelt und sich dann über die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung lustig macht.

Könntet Ihr bitte das Maul #niewiederaufmachen?

Nanu? Wieso ist der Drees denn so aggressiv plötzlich? Hält er das nicht aus, wenn andere Leute mal eine andere Meinung haben und darf man nicht mit gutem Gewissen die Corona-Maßnahmen kritisieren? Doch, jeder soll seine Meinung haben – die wiederum darf ich dann aber auch Scheiße finden. Und ja, man darf die Corona-Maßnahmen kritisieren – muss man meiner Meinung nach sogar. Wer sich lieber in den Wahlkampf stürzt, statt sich um die Scheiß-Pandemie zu kümmern, wer Inzidenzgrenzen und Ausgangssperren-Zeiten auswürfelt, wer Woche um Woche verschenkt, statt Entscheidungen zu treffen, den kann man logischerweise auch für sein Tun kritisieren.

Aber darum geht es nicht bei dem Protest, der sich unter #allesdichtmachen versammelt. Es geht bei der Aktion darum, die Corona-Maßnahmen der Regierung mit überschwänglichen, natürlich ironisch gemeinten Reaktionen abzufeiern und sowohl die deutsche Politik als auch die hiesige Presselandschaft an den Pranger zu stellen. Beispiel? Gerne:

Danke an alle Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört: nämlich ganz, ganz oben, und dafür sorgen, dass kein unnötiger, kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung. In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass einige Zeitungen damit beginnen, alte, überwunden geglaubte Vorstellungen von kritischem Journalismus wieder aufleben zu lassen. Dagegen müssen wir uns wehren. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir sollten einfach nur allem zustimmen und tun, was man uns sagt. Nur so kommen wir gut durch die Pandemie.

Jan-Josef Liefers

Der das sagt, heißt Jan Josef Liefers, begeistert u.a. im Münster-Tatort Millionen und freut sich plötzlich über Beifall aus einer ganz merkwürdigen Ecke. Wie gesagt: Es gibt gute Gründe, gegen die Politik zu wettern und auch die Presse hat sich nicht durchgängig mit Ruhm bekleckert. Aber wer sich hinstellt und so tut, als würden die Dinge in Deutschland schlechter laufen als in allen anderen Ländern und wer allen Ernstes behauptet, dass wir nur eine weichgespülte, linientreue und gleichgeschaltete Medienlandschaft haben, hat mindestens mal ganz arge Defizite im Bereich Medienkompetenz.

Ich kann mir Debatten im TV anschauen, live und ungeschnitten. Ich höre also eins zu eins, was die Politiker sagen, egal ob vom linken oder rechten Rand oder aus der Regierungskoalition. In den letzten Wochen und Monaten wurde wie noch nie auf die Politik eingedroschen, so dass man wohl unmöglich dem Journalismus in Deutschland vorwerfen kann, dass er regierungshörig wäre.

Wenn ich scheiße informiert bin, dann gibt es exakt einen Menschen, der daran die Schuld trägt: Ich selbst! Aber wenn sich jetzt Liefers und Konsorten hinstellen und in all ihrer „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-haftigkeit so tun, als gäbe es keine ausgewogene Medienlandschaft, dann wanzt man sich nur ganz billig an genau die Menschen ran, die eh ungesehen auf alle regulären Medien des Mainstreams scheißen und sich ihr gefährliches Halbwissen (Betonung auf gefährlich und halb, sicher nicht auf Wissen) auf YouTube , bei Tichys Einblick und den Facebook-Seiten von AfD-Ortsverbänden zusammenstümpern.

#lockdownfürimmer

Es sind große Namen, die sich versammeln. Namen von geschätzten Künstlern wie eben Liefers, wie Wotan Wilke Möhring, Ulrich Tukur, Ulrike Folkerts, Meret Becker und viele mehr sind dabei und jeder einzelne davon ist ein Arschtritt in meinen fetten, weißen Hintern. Ein noch deutlich fetterer Arschtritt ist es aber für die vielen Pfleger:innen und jede andere helfende Hand, die sich seit einem Jahr an vorderster Pandemie-Front den Arsch ab malocht, egal ob im Krankenhaus oder an der Supermarktkasse. Es ist ein saftiger Arschtritt für die Angehörigen von mehr als 80.000 Corona-Toten allein in unserem Land.

Während sich an einem einzigen Tag in Indien 300.000 Menschen mit Covid-19 infizieren, entblöden sich am selben Tag 53 deutsche Künstler nicht, die Vortänzer für genau all die Empörten zu geben, die auch bis zum jüngsten Tag nicht kapieren werden, dass es ihre Maskenverweigerung und ihre Ignoranz der Gefahr ist, die die in Deutschland herrschenden Schmuse-Lockdowns verlängert. Nachdem sich der ganze Querdenker-Tross aufgemacht hat, die Seite allesdichtmachen.de zu bestaunen, war der ganze Bums ’ne Weile down, weil die Seite angesichts der großen Nachfrage die Grätsche gemacht hat. Jetzt ist sie wieder zurück und ich möchte wetten, dass viele der Besucher das unten prangende #FCKNZS gar nicht wahrnehmen werden. Wer sich von euch den ganzen Irrsinn geben möchte und Bock drauf hat, ebenso wie ich vorhin von so geschätzten und bewunderten Schauspieler:innen bitter enttäuscht zu werden, findet die Videos auch allesamt auf YouTube.

Mir ist die Lust vergangen, aus noch mehr Videos zu zitieren, die Stoßrichtung ist eh immer dieselbe: Der Bürger wird kleingehalten in dieser Pandemie und soll nur noch unkritisch gehorchen – und die Medien unterstützen das mit ihrer regierungstreuen Berichterstattung noch. Noch immer bin ich geschockt, was für Menschen sich von der Tonalität so sehr auf Querdenker-Kurs begeben. Ich frag mich auch immer noch, was man sich von dieser Aktion erhofft hat. Mal ein Zeichen setzen? Mal so richtig einen raushauen und allen verdeutlichen, dass wir uns in einer Scheiß-Situation befinden?

Überraschung: Das mit der Pandemie wussten wir alle schon seit mehr als einem Jahr – und die meisten von uns raffen sogar, dass das Virus dafür sorgt, dass unsere Leben gerade irgendwie anders laufen als sonst und nicht die Regierung. Nochmal: Mir geht so vieles gerade richtig auf den Piss, was da in Berlin entschieden wird bzw. was da in Berlin über Wochen verschleppt wird. Aber Fakt ist doch, dass wir alle uns längst wieder mit unseren hässlichen Ärschen gegenseitig ins Gesicht springen dürften, wenn wir jemals einen wirklich harten Lockdown gehabt hätten.

Die Politik kuscht vor einem lauten und wütenden Volk und trifft daher – meines Erachtens – falsche Entscheidungen. Während dieser laute Teil des Volkes nun mit einem Schlag 53 neue Querdenker-Ikonen gewonnen hat, bekommen die meisten irgendwie gar nicht mehr mit, dass wir mittlerweile 3,5 Millionen Menschen pro Woche impfen und man im Grunde den Nährboden bereitet für einen Sommer, der Lockerungen verspricht. Aber das ist mittlerweile eben der heiße Scheiß: Schimpfen wir über die Politiker, zeigen wir uns von unserer besten Seite , also als Teilzeit-Virologen, -Epidemiologen und -Politiker, die es alles von Anfang an besser gewusst haben.

So gruselig ich das alles finde, was sich da unter #allesdichtmachen zusammenbraut, so bin ich gleichzeitig auch happy, dass sich da so eine breite Front an Leuten bildet, die sich klar dagegen positioniert. Jetzt müssen wir unsere Nasen eben auch in den eisigen Wind halten und verhindern, dass sich die ganzen geistigen Low-Performer und Schwurbel-Schwachköpfe mit ihrer Ignoranz, Lautstärke und dem bemerkenswerten Fehlen von Empathie, Fakten und Solidarität durch diese 53 Pappköppe auch noch bestätigt und bestärkt fühlen.

Wir müssen weiter der Politik auf die Finger schauen und hauen und müssen das Augenmerk auf eine komplett im Stich gelassene Kultur-Branche richten. Aber ganz sicher müssen wir nicht auf den Querdenker-Zug aufsteigen, in dem 53 Menschen sitzen, die zu großen Teilen finanziell so herausragend gut gebettet sind, dass ihr Protest noch einmal erbärmlicher wirkt. Ich würde so gern in die Köpfe von diesen 53 Enttäuschungen schauen können, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was das Ziel dieser Initiative sein soll.

Glaubt man, dass man damit Inzidenzen nach unten oder Impfzahlen nach oben treibt? Glaubt man, dass der Rewe-Mitarbeiter oder die Pflegekraft vor Erleichterung tanzen, weil jetzt diese tapferen Schauspielerhelden und -heldinnen endlich mal „den Mut“ aufbringen, sich zu äußern? Das ist auch so ein Ding: Wieder und wieder lese ich es gerade in den Kommentarspalten – Liefers und Konsorten wären ja so unglaublich mutig, weil sie diese brisanten Aussagen treffen. Meine Fresse, die Kommentarspalten sind so randvoll zugeschissen mit so unendlich viel von diesem „nichts mehr sagen dürfen“, dass man sich verwundert fragt, wie voll diese Kommentarspalten erst mal wären, würde man ihnen wieder erlauben, all das zu sagen, was sie zu sagen haben.

Ich könnte mich vermutlich noch stundenlang weiter aufregen für diese Volldeppen-Aktion von Möhring, Makatsch und all den anderen Luftpumpen, aber dummerweise klingelt irgendwann der Wecker. Also breche ich das jetzt an dieser Stelle ab – und statt euch möglicherweise noch eines dieser #allesdichtmachen-Schwurbel-Videos zu zeigen, zeige ich Euch lieber einen schönen, neuen Song von Drangsal. Mir egal, ob ihr den mögt, aber mir hilft er beim Runterkommen. Vor dem Video aber noch ein paar Tweets von Menschen, die ebenso wie ich einfach nur angewidert sind von dieser sagenhaft stumpfen, asozialen, empathielosen und sinnfreien Aktion, die ungefähr NICHTS bewirken wird – außer, dass die Querdenker noch mehr mobilisiert werden.

So, jetzt aber Drangsal: Erinnert mich auch irgendwie daran, dass ich schon seit Wochen keinen Song-der-Woche-Text mehr geschrieben habe. Na ja – kommt Zeit, kommt Artikel!

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