Die Causa Ofarim: Sterne, Unschuldsvermutungen und Double Standards

Es ist der 17. Oktober und wir reden in Deutschland wieder einmal über Antisemitismus. Wir reden aber auch über Opfer, die womöglich keine sind und über Unschuldsvermutungen. Fairerweise sollten wir auch über Double Standards reden, oder auf gut Deutsch: Doppelmoral oder zweierlei Maß.

Bevor wir weiter reden und ich erkläre, worauf ich mit diesem Beitrag hinauswill, muss ich wohl oder übel nochmal kurz zurückblicken auf mein Facebook-Posting vom 5. Oktober:

Die Geschichte muss ich Euch ja nicht nochmal erzählen, oder? Gil Ofarim wendet sich per Instagram-Video an die Öffentlichkeit und beklagt, dass er im Westin-Hotel in Leipzig antisemitisch beleidigt worden wäre. Konkret ging es um die Aufforderung an ihn, seine Kette mit Davidstern abnehmen/verstecken zu sollen.

Mittlerweile sind Aufnahmen veröffentlicht worden, die Ofarim im Hotel offensichtlich ohne besagte Kette zeigen. Was haben wir damit unterm Strich? Einen jüdischen Sänger, der womöglich eine falsche Geschichte erzählt hat, Überwachungsvideos, die ihn offenbar der Lüge überführen und wir haben meine Aussage auf Facebook, die sagenhaft schlecht gealtert ist.

Was wir noch haben, ist eine Aussage von Gil Ofarim, die er gegenüber der BamS getätigt habe. Darin sagt er, dass es nicht darum ginge, ob die Kette im Hotel zu sehen war. Stattdessen ginge es darum, dass er antisemitisch beleidigt worden wäre. Der Satz mit dem Stern wäre von hinten gekommen, meint er zudem. „Es geht hier nicht um die Kette. Es geht eigentlich um was viel Größeres.“

Machen wir uns nichts vor: Wenn ich erst erzähle, dass ich wiederholt gebeten wurde, meine Kette zu verbergen und später bei der Polizei aussage, dass ich mich nicht erinnern kann, ob ich die Kette überhaupt offen sichtbar getragen habe, stehe ich so ein bisschen auf verlorenem Posten. Sollte sich herausstellen, dass er hier tatsächlich eine Geschichte frei erdacht oder sie zumindest unangemessen aufgebauscht hat, hat er nicht nur seinen Namen und seine Karriere nachhaltig beschädigt, sondern auch der deutsch-jüdischen Gemeinde einen Bärendienst erwiesen.

Shame on me

Aber lasst uns doch kurz noch über mich sprechen, statt über Gil Ofarim. Ich weiß leider nicht mehr genau, wo ich es geäußert habe, aber irgendwo auf Facebook, wo wir schon am 5. oder 6. Oktober über den Vorfall und über das Thema „Unschuldsvermutung“ diskutierten, rechtfertigte ich mich dafür, dass ich so vorschnell Konsequenzen gefordert habe. Schließlich schrieb ich ja davon, dass ein Antisemit nicht so einen Posten in einem großen Hotel innehaben sollte.

Ehrlich gesagt denke ich das immer noch und eigentlich würde ich mir sogar wünschen, dass kein Arbeitgeber auf der Welt überhaupt Antisemiten beschäftigt. Aber ich bin halt vorgeprescht und habe so getan, als wäre es schon erwiesen, dass der Vorgang exakt so stattgefunden habe, wie es Gil Ofarim schildert. In besagter Diskussion, die ich oben erwähne, schrieb ich auch sinngemäß, dass mir kein Zacken aus der Krone bricht, sollte sich herausstellen, dass die Geschichte eben doch anders gelaufen ist.

And here we are: Ich habe für die Zwischenüberschrift „Shame on me“ gewählt, weil ich da eben zu vorschnell war. Es ist vermutlich menschlich, sich auf eine Seite zu schlagen und zumindest drauf zu vertrauen, dass der vermeintlich Gute in der Story schon keinen Mist erzählt. Aber das ändert nichts daran, dass man einen Vorfall wie dem vom 5. Oktober zwar zur Kenntnis nehmen muss, sich aber mit einer endgültigen Bewertung doch tunlichst zurückhalten sollte. Habe ich heute wieder einmal gelernt. Die liebe Verena liegt also richtig mit ihrem Tweet:

Zu meiner Verteidigung möchte ich allerdings noch sagen, dass ich ganz sicher keine Menschen anpöble, die darauf aufmerksam machen, dass die Unschuldsvermutung gilt. Ebenso möchte ich anmerken, dass ich nicht grundsätzlich Menschen vorverurteile und in der Regel schon ziemlich darauf achte, dass ich mich seriös informiere, bevor ich meine Meinung bilde. Diese die Regel bestätigende Ausnahme ist wohl eher meiner Naivität geschuldet. In meiner Welt existiert sowas nämlich einfach nicht, dass man sich so eine Geschichte ausdenkt und damit an die Öffentlichkeit geht.

… und die Doppelmoral von der Geschicht‘

In der Headline spreche ich ja vom Davidstern und der Unschuldsvermutung – beides hab ich oben im Text abgefrühstückt. Fehlen also noch die Double Standards. Dieser Doppelmoral sind wir uns oft nicht bewusst. Wir selbst können uns davon oft nicht freisprechen. Wir alle neigen dazu, uns auf der „guten“, der „richtigen“ Seite zu verorten. Und das lässt uns dann manchmal eben auch den Fehler begehen, nicht die Standards zu beherzigen, die wir anderen abverlangen.

Wir schimpfen kopfschüttelnd auf die AfD, wenn sie sich wieder einmal unflätig und unredlich geäußert hat. Gleichzeitig vergeben wir aber unsere Likes und Herzchen und rufen „richtig so“, wenn Anhänger dieser Rechtspopulisten in den Kommentarspalten von „unseren“ Leuten beschimpft werden. Maß halten gilt auch für uns, ist keine Einbahnstraße. Das nur mal als eingeschobenes Beispiel zum Thema Doppelmoral.

Diese Doppelmoral gilt aber auch für die Causa Ofarim: Das betrifft mich selbst natürlich – ich kann nicht immer wieder fordern, dass wir unsere Quellen checken und nicht vorschnell urteilen, nur um es dann selbst nicht zu beherzigen. Das tut mir leid und ja, das kann ich normalerweise besser.

Aber – und das ist ein fettes „aber“ – wir dürfen jetzt aber nicht sofort wieder ins genaue Gegenteil verfallen und Gil Ofarim lautstark abwatschen. Ja, das sieht gerade nicht sonderlich vorteilhaft für ihn aus, keine Frage. Dennoch werde ich mir lieber die Zunge abbeißen, als einem Springer-Medium blind zu vertrauen. Andere Medien wie die Tagesschau sind da völlig zu recht eher im Konjunktiv unterwegs und ordnen die Geschehnisse realistisch ein. So wird im Bericht beispielsweise darauf verwiesen, dass die in der BamS getätigte Aussage Ofarims, dass er sich nicht erinnern könne, ob er die Kette getragen habe, von der Polizei so noch nicht bestätigt wurde.

Wir haben jetzt also schwammige Fotos, auf denen augenscheinlich Gil Ofarim diese Kette nicht trägt. Zeitlich eingeordnet werden die Bilder also nicht, so dass wir gar nicht wissen, ob die Kette zwischenzeitlich an- oder abgelegt wurde. Nachdem wir gerade bemerkt haben, wie schnell man auf dem falschen Dampfer landet, wäre es doch jetzt nur logisch, dass wir auch in diesem Fall erst einmal abwarten, wie die Sache endgültig aufgelöst wird, oder nicht?

Witzigerweise ist Twitter heute voll gewesen von Leuten, denen es echt nicht zu blöd ist, von Doppelmoral zu reden und von Unschuldsvermutung – um dann verbal auf Ofarim einzuprügeln, der ja zweifellos auch ein Anrecht auf diese Unschuldsvermutung hat. Nochmal: Ich denke auch, dass sich die Situation für ihn sehr unglücklich darstellt und ihm noch jede Menge Ärger einbringen könnte. Aber pfiffig ist es jetzt, einfach mal die Bälle flachzuhalten und abzuwarten, was die Polizei ermittelt und dann verkündet.

Ganz unabhängig davon bleibt natürlich Antisemitismus ein Riesenthema in Deutschland. Das bekommen wir aber nur in den Griff, wenn wir uns mit Vorverurteilungen zurückhalten und uns auch eingestehen, dass nicht automatisch immer derjenige Recht hat, dessen Positionen wir auch vertreten, oder dessen Geschichte uns besser gefällt. Und ja, der Autor dieser Zeilen fasst sich bei dieser Erkenntnis schön an die eigene Nase – mit beiden Händen, groß genug ist sie ja schließlich.

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