Impfneidneid

Ich gebe es zu: Ich bin hart neidisch! Neidisch auf all diejenigen, die derzeit Impfneid verspüren und dies auch laut und regelmäßig kundtun. Die davon reden, dass es die Nation spalten würde, wenn jetzt Geimpfte eher in ein normaleres Leben zurückkehren dürfen, während Ungeimpfte noch die vollen Corona-Maßnahmen berücksichtigen müssen. Das macht mich neidisch, weil diejenigen von euch, die diesen Neid verspüren, gleich zwei, oder nee, sogar drei Fliegen mit einer Klappe schlagen:

  • Ihr lasst euren Frust raus und verschafft Euch somit mal so richtig Luft.
  • Ihr habt eine Erklärung für eure Wut, denn während man auf ein Virus nicht wirklich überzeugt wütend sein kann, kann man es natürlich umso besser auf eine Regierung schieben, die die Pandemie vermeintlich beschissen meistert und jetzt auch noch einen Keil zwischen die Bürger treibt.
  • Ihr habt einen gefälligen Schuldigen dafür gefunden, dass die deutsche Bevölkerung so gespalten ist.

Nicht nur Neid auf Impfneider – ich bin auch neidisch auf all die Schlicht-Almans da draußen

Ja, das macht mich wirklich neidisch. Manchmal wäre ich gerne mehr wie ihr Impfneider. Aber nicht nur auf euch bin ich neidisch. Ich wäre einfach so gerne auch manchmal jemand, für den die Welt so einfach, so schwarz und weiß wäre, dass selbst ich stets mit Leichtigkeit auf Facebook darüber referieren könnte, was genau jetzt zu tun ist. Okay, sagen wir es, we es ist: Ich wäre gerne so dumm wie Ihr. Ich hätte auch gerne das Gefühl, dass ich das Wissen als Einziger mit Löffeln gefressen habe und alle anderen nur ungebildete Idioten sind. Schönen Gruß an die Herren Dunning und Kruger an dieser Stelle.

Wenn ich nur dumm genug wäre, dann wäre ich auch wieder bereit für den Tanz durch die Kommentarspalten. Mit Häme und Polemik könnte ich Leute anpöbeln, die eine eigene, andere Meinung zu haben die Dreistigkeit besitzen. Ich könnte sie belehren, würde sie mit Memes und ebenso verkürzten wie falschen Phrasen zu komplexen Problemen regelrecht zuscheißen.

Hach, was wäre das schön, wenn ich auch so einfach strukturiert wäre. Dann wüsste ich vermutlich, dass es nur „denen da oben“ zu verdanken ist, dass es mir schlecht geht. Dann könnte ich auch wegen Corona von morgens bis abends die Regierung durchbeleidigen, weil es mir gar nicht in den Sinn käme, dass so eine Pandemie nicht zufällig so heißt und sie ein weltweites und kein deutsches Problem darstellt.

Ich könnte mir Spruchbilder suchen, um politische Gegner zu diskreditieren und würde mich an jeder missverständlichen Aussage und jedem Versprecher dieser politischen Gegner hochziehen. Weil ich selbst ja unfehlbar bin, zumindest würde ich das glauben, wenn ich so wäre wie ihr. Ja, das wäre toll, denn dann könnte ich mich ständig lustig machen über all diese Drostens und Lauterbachs und Baerbocks der Welt. Meine allzeit bereite Waffe wäre das „Haha“-Emoji. Ich bräuchte nicht mal die Artikel lesen. Allein die Headline reicht völlig aus. Taucht da irgendwas mit Grünen, Baerbock, Corona, Regierung, Klimawandel, Elektromobilität oder ähnliches auf, kann man bedenkenlos auf dieses „Haha“-Emoji tippen und schon wüssten alle anderen, was ich für eine intellektuell überlegene Person ich wäre.

Aber leider …

Tja, aber leider bin ich nicht so. Ich denke lieber über das nach, was die mit anderer Meinung sagen, statt mich nur auf die zu konzentrieren, die exakt so denken wie ich. Ich bin einer dieser Zeit-Verschwender, die die Artikel, über die sie sich auslassen, tatsächlich vorher noch lesen. Ich begehe den Anfängerfehler, andere Meinungen als meine zu durchdenken und mir zu überlegen, ob die andere Person da nicht vielleicht doch gerade einen Punkt hat. Schade, Schokolade!

Ich halte mich nicht für besonders klug. Dafür weiß ich von viel zu vielen Dingen viel zu wenig. Aber ist nicht dieses Wissen gerade das elementarste? Also das Wissen um eigene Unzulänglichkeiten, verbunden mit der sich daraus ergebenden Gewohnheit, ständig die eigene Sicht zu reflektieren? Ich glaube schon.

All den Idioten da draußen mit den lauten, selbstbewusst vorgetragenen, verkürzten Lösungsansätzen für sehr komplexe Probleme möchte ich zurufen: Probiert das auch mal! Unterdrückt einfach mal (erstmal nur für einziges Posting, nur nicht übertreiben) diesen Reflex, den Menschen mit anderer Meinung direkt zu beschimpfen oder auszulachen. Versucht einfach nur theoretisch den Gedanken zuzulassen, dass der andere eine Meinung hat, die richtiger ist als die meine – oder zumindest ebenfalls richtig genug ist, um eine Alternative zu meiner präferierten Idee darzustellen.

Und wenn ihr soweit seid, dann zündet die nächste Stufe: Redet mit dem anderen und ja: Ich meine richtig reden: konstruktiv und ergebnisoffen mit dem tatsächlichen Wunsch, eine mögliche Problemlösung voranzutreiben. Wäre das nicht irre? Einfach mal zuhören und die Ideen des anderen sacken lassen, anstatt ihm zu sagen, dass er sich gefälligst „mal informieren“ soll. Oder auch mal „kritisch hinterfragen“ soll.

Was ist das überhaupt für ein Unsinn? Diese Aufforderung zum „kritischen Hinterfragen“ kann ich nur als die Unfähigkeit einordnen, anderen kritisches Hinterfragen zuzugestehen. Habt Ihr irgendwann mal, nur ganz kurz, schon mal überlegt, dass auch andere Leute kritisch hinterfragen, dabei aber zu anderen Schlüssen gelangen? Nicht, dachte ich mir.

Und bist du nun neidisch, Drees?

Meine Fresse, nein – natürlich nicht. Ich bin manches Mal neidisch, klar. Neidisch, wenn jemand eine wundervolle Partnerin an seiner Seite hat, statt wie ich, hier ständig allein zu hocken. Auch Neid, weil jemand anders gerade eine besondere Party erlebt, ein besonderes Konzert oder an einem besonderen Ort sein darf. Aber ganz sicher verspüre ich keinen „Impfneid“! Es ist doch so: Jeder einzelne geimpfte Mensch, jede verabreichte Impfdosis, jeder Piekser sorgt doch dafür, dass wir dem Ende der Pandemie einen klitzekleinen Schritt näher gekommen sind. Wie soll man auf sowas neidisch sein?

Übrigens bin ich fest davon überzeugt, dass die tatsächlichen Impfneider gar nicht neidisch sind, sondern missgünstig. Es geht für viele gar nicht primär darum, selbst geimpft zu werden. Wichtig ist nur, dass es der andere ebenfalls nicht ist, denn wir würden es nicht ertragen, wenn wir hier in den eigenen vier Wänden langsam zu Staub verfallen, während die Schwobetzkys von nebenan fleißig ihre brandaktuellen Mallorca-Fotos posten.

Ich verstehe Menschen, die sehnsüchtig auf ihre Impfung warten. Ich wäre auch gerne lieber heute als morgen dran, aber so ist es jetzt nun mal. Täglich kommen so viele Menschen dazu, sodass sich die Situation im Land auch dann verbessert, wenn ich immer noch drauf warte, dass jemand die Plörre in meinen Arm jagt. Deswegen freut es mich auch, dass in meinem Freundeskreis jetzt schon so einige Geimpfte dabei sind. In der Zwischenzeit warte ich darauf, dass mir sofort-impfen.de eine Impfung anbietet, aber ganz ehrlich: Die restliche Zeit halte ich jetzt nach über 14 Monaten Pandemie auch noch aus, wäre doch gelacht …

Artikel-Bild von Pete Linforth auf Pixabay

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