Hey, U2: Willkommen zurück in meinem Herzen
Als Depeche-Mode-Fan der ersten Stunde weiß ich, dass Bands, die in den Achtzigern (oder gar vorher) aufblühten, eine unfassbare Strecke zurücklgelegt haben – und dabei am Wegesrand auch den ein oder anderen Fan enttäuscht zurück ließen. Geschmäcker ändern sich. Nicht nur bei Musikliebhabern wie mir, sondern auch bei den Künstlerinnen und Künstlern.
Wenn ich mich aber einmal in ein Album oder einen Song verliebt habe, dann ist das eigentlich eine Liebe für immer. Wenn ich sage, dass Marillions Misplaced Childhood für mich immer einen besonderen Stellenwert haben wird, dann kann ich das mit guter Gewissheit behaupten. Im Gegensatz zum zwischenmenschlichen Äquivalent passiert es mir bei so einem Werk eben nicht, dass diese Liebe irgendwann erlischt.
Und das sagt nichts darüber aus, ob ich den Weg einer Band weiter verfolge, oder mich ganz anderen musikalischen Welten zuwende. Manchmal enttäuscht mich eine Band, manchmal wird sie einfach unauffällig belanglos für mich. Manchmal ist es auch viel profaner: Wenn ein Streamingdienst mir ständig 100 Millionen Tracks anbietet und ich somit quasi auf alle Musik der Welt zugreifen kann, dann wird es für mich eben schwierig, jedem neuen Album von alten Wegbegleitern die verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Manchmal fange ich sogar gar nicht erst damit an, bei Band-Dinosauriern wie beispielsweise den Eagles nachzuforschen, was deren Oeuvre jenseits von den mir bekannten drei oder vier Songs zu bieten hat. Da stolpert man immer mal wieder zufällig über einen Track, der einen daran erinnert, dass die Truppe um Don Henley durchaus mehr Songs zu bieten hat als lediglich „Hotel California“ – den hier zum Beispiel:
Hurra, sie leben noch!
Okay, hab ich nicht kommen sehen, dass ich hier jetzt über die Eagles quatschen würde. Einer Band, die schon etwa so lange existiert wie ich, und die ihr erstes Best-of-Album veröffentlichte, bevor ich eingeschult wurde, könnte man ja auch vermutlich leicht unterstellen, dass sie gar nicht mehr am Start ist. Aber hey, auch ohne den längst verstorbenen Glenn Frey spielt die Truppe immer noch live – aktuell sind über 70 (!) Konzerte in der Sphere in Las Vegas geplant. Jener Donnerkuppel, die wohl derzeit eine der angesagtesten Konzert-Locations überhaupt darstellen dürfte.
Und wer spielte die ersten Konzerte überhaupt in dem Bums mit der überdimensional großen LED-Wand? Ganz genau: U2! Wusste ich doch, dass ich irgendwann in einem Artikel über diese Band nochmal auf die Kapelle aus Irland zu sprechen kommen würde. 😁
Lange Rede, kurzer Sinn: Ja, ebenso wie die Eagles und zahlreiche andere Bands, die scheinbar seit immer existieren, gibt es auch sie noch. Ich hab sie leider noch nie live gesehen, auch wenn ich ein paar mal nah dran war. Vielleicht ergibt sich das ja noch einmal – ich würde mich ärgern, wenn mir das nicht gelänge. Aktuell sehe ich das allerdings noch nicht. Diese Woche startete der Vorverkauf – mit satten fünf (!) verschiedenen Presales vor dem eigentlichen Vorverkaufsstart. Ein leergefegtes Konto in Kombination mit einem Preisschild von knapp 200 Euro und der üblichen Dynamic-Pricing-Scheiße, die diese Preise nochmals weiter hochjazzt, verhinderte jedenfalls meinen Ticketkauf. Aber über Ticketpreise rege ich mich ein anderes Mal weiter auf.
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, U2: In meiner Erinnerung wurden sie mit dem 87er-Album „The Joshua Tree“ zu Superstars, aber auch vorher schon hatten sie Nummern, die sich für immer in mein Herz tätowiert haben. „Pride (in the Name of Love)“, „New Year’s Day“, „Sunday Bloody Sunday“, „The Unforgettable Fire“ und noch mehr haben wir schon in der ersten Hälfte der Achtziger abgefeiert.
Aber mit Songs wie „With or Without You“ legten sie die Messlatte auf die Höhe, bei der einem als Music-Lover die Kinnlade herunterklappt. Nach „Rattle and Hum“ konnten U2 dieses unglaubliche Niveau noch einmal mit „Achtung, Baby“ bestätigen. Zooropa hab ich mir auch noch gekauft, auf dem Album „Pop“ von 1997 gefiel mir dann nicht mehr besonders viel.
Und danach? Habe ich wahrgenommen, dass die Band existierte, war aber bei jedem Auftritt oder jeder Hörprobe irgendwie stets unterwältigt. Nur einmal – mit „Beautiful Day“ – gelang den Iren noch einmal eine dieser unzerstörbaren Hymnen. Also klar – betrachtet aus meinem ganz subjektiven Blickwinkel. Aber ja, sie leben immer noch, ich hatte sie irgendwie immer auf dem Schirm. Auch, als jüngst eine EP erschien, die ich sogar mindestens mal okay fand, und die mich schon bei ein, zwei Songs an alte Zeiten denken ließ.
Aber jetzt – und mit jetzt meine ich vor etwa zwei Wochen – brachten sie dann einen Song heraus, der mich seit dem ersten Hören nicht mehr los lässt, und der tatsächlich all das mitbringt, was es braucht, um sich direkt in mein Herz zu schleichen und meine alte U2-Liebe wieder wachzuküssen. Der Song heißt The Greatest Show On Earth.
The Greatest Show On Earth
Ich weiß gar nicht, was exakt zuerst meinen U2-Spinnensinn erklingen ließ: Ist es diese allererste Einstellung, die mir weites, recht dürres Land und eine endlose Weite effektvoll in Schwarz-Weiß präsentiert, sodass jeder Pixel laut „Anton Corbijn“ schreit? Oder ist es die direkt im Intro erklingende, so unendlich typische Gitarre von „The Edge“, deren Delay nicht nur angenehm vertraut mein Ohr kitzelt, sondern mein Herz auch als musikalischen Muskel aus einem jahrzehntelangen U2-Schlaf erweckt? So eine Art Muscle Memory der besonderen Art für einen Muskel, den ich, was U2 angeht, längst vergessen hatte: Du hörst diese Töne und bist direkt wieder der 16-jährige Bengel, der beim Hören der Joshua Tree vor Begeisterung die Kinnlade gar nicht mehr hoch bekommt.
Mit dem wundervollen Gesang von Bono (wann hatte er das letzte Mal so eine starke Melodie und so viel Ausdruck in seiner Stimme?) setzt dann auch ein wundervoll warmer Flächensound ein. Der wurde übrigens von Mitkomponist Brian Eno eingespielt. Also ja: U2 in kompletter Originalbesetzung mit Larry Mullen und Adam Clayton, dazu Brian Eno und das Ganze bebildert von Anton Corbijn – irgendwie klar, dass da meine Nostalgie-Synapsen begeistert in die Hände klatschen. Es ist so wie beim Fahrradfahren, das man auch nie verlernt: Rühr mir die richtigen musikalischen Elemente zusammen, und ich verliere mich automatisch in einer Musik, die mich in die späten Achtziger bzw. frühen Neunziger entführt.
Da darf dann auch ein starker Chorus nicht fehlen, der genau diese Hymnenhaftigkeit mitbringt, die all die letzten Jahre so gefehlt hat. Brachiale Edge-Gitarre mit seinem typischen Infinite-Guitar-Sound, der treibende Bass von Adam und der wiedergenesene Rückkehrer Larry Mullen. Er versteht es mit seinem Schlagzeugspiel einem Song ein Gerüst zu bieten und ihm einen Stempel aufzudrücken, aber auf eine unauffällige Art. Er muss nicht ständig flexen und spielt eher zurückhaltend – ein seltener Skill bei Drummern, der beispielsweise einem Gastmusiker einer Kapelle mit Wurzeln in Basildon ebenfalls sehr gut zu Gesicht stehen würde!
All das wird so typisch von Corbijn in Szene gesetzt, wie es sich – wie auch bei Depeche Mode – für ein U2-Video gehört. Das Konzept „Person läuft mit unüblichen Utensilien durch die Gegend“ erinnert mich auch direkt ans Enjoy-The-Silence-Video, aber in diesem Punkt bin ich vermutlich einfach befangen.
Der Text: Abrechnung mit einer Liebe, Blick auf eine Bandgeschichte, oder gar ein Abschied?
Jetzt lasst uns mal auf die Lyrics schauen. Ich muss zugeben, dass ich den anfangs echt vernachlässigt habe. Die Musik hat mich zu sehr gecatcht, erst danach hab ich über die Lyrics nachgedacht. Vielleicht veröffentliche ich den Text auch erst so spät: Weil ich eine Weile brauchte, um mir diesen Text zu erschließen, und um Ideen ein wenig reifen zu lassen.
Beim ersten flüchtigen Durchlesen ein klassischer Love-Song, oder? Es fühlt sich an, als ob da jemand auf seine Liebe zu einem Menschen blickt, vielleicht mit einem traurigen, wehmütigen Blick.
If this is love don’t act surprised when you get hurt
Even if our dreams lay in the dirt
We were once the greatest show on earth
Ich überlege, was diese „Größte Show auf Erden“ sein könnte, wenn man es auf eine Liebesgeschichte bezieht. Ist eine Beziehung bzw. eine Liebe irgendwann an einem Punkt angekommen, an dem sie nur noch ihr eigener Abklatsch ist? Eine Erinnerung an oder eine Vision von Liebe, wie sie einst war? Oder unterstellt da jemand seinem Partner, nur eine Show zu spielen, während er selbst aufrichtig liebt? Oder erkennt er, dass er selbst damit beschäftigt ist, eine Art der Liebe zu spielen, die er so längst nicht mehr fühlt?
Es könnte eigentlich alles sein, wenn ihr mich fragt. Aber als jemand, der durch die harte Songwriting-Schule des Martin Gore gegangen ist, bin ich natürlich skeptisch, ob diese offensichtliche Deutung einer Liebesgeschichte überhaupt die ist, die hier gemeint ist.
Mindestens eine andere Ebene fällt mir ein: „And if I couldn’t sing you my life Hiding here in the spotlight“ – was, wenn Bono hier gar nicht über eine Beziehung singt, sondern über eine Band? Eine Band wie U2 zum Beispiel. Auch hier kann eine Liebe zwischen Fan und Künstler entstehen, sich abkühlen oder abnutzen, und auch hier steht am Ende vielleicht die Erkenntnis, dass man nur noch eine Show aufführt, die echte Gefühle vorspielt.
Gleichzeitig muss ich aber auch daran denken, dass die Musik, die diesen Song begleitet, so sehr nach „guter, alter Zeit“ klingt. Vielleicht klingen sie nicht zufällig so. Vielleicht ist das das gleiche Kalkül wie das von Liebenden, die sich an gute Zeiten erinnern, und versuchen, einfach all das irgendwie aufleben zu lassen. So, wie man vielleicht einfach wieder in die Stadt fährt, in der „damals“ alles anfing. Sich wieder diese eine Band anscbaut, zu deren Musik man sich verliebte. Kann doch sein, dass U2 genau das im Sinne gehabt haben: Nicht den alten Achtziger-/Neunziger-Sound als nackten Fan-Service, sondern als aufrichtigen Versuch, eine einst glühende Fanliebe neu zu entfachen und sie ins „Jetzt“ zu transportieren.
Diesen Gedanken finde ich übrigens sehr versöhnlich, egal, ob wir über eine Band sprechen, oder über eine Beziehung zwischen Liebenden: Beide Seiten versuchen mit allen Mitteln, etwas Wertvolles zu erhalten oder wiederzubeleben, selbst, wenn es sich augenblicklich möglicherweise nicht so wertvoll anfühlt. Vielleicht interpretiere ich hier gerade einfach zu viel hinein, aber mir gefällt die Vorstellung, dass das Fokussieren auf etwas Altes, auf etwas einst perfekt Funktionierendes, dazu beitragen kann, eine ganz neue Flamme zu entfachen. Eine Beziehung auf ein neues Level zu hieven. Meine U2-Flamme konnten die vier Jungs jedenfalls neu entfachen.
Aber gleichzeitig denke ich noch über weitere Interpretationen des Textes nach. Vielleicht ist es eine brutale Abrechnung mit sich selbst? Weil man erkannt hat, dass man seinen Anhängern und vielleicht auch sich selbst all die Jahre nur eine Show vorgespielt hat? Dass man eine ambitionierte Rockband war, bevor man dann irgendwann einfach ein Business wurde? Eine Band, die mit ihrem Gigantismus neue Maßstäbe setzte, sich dabei aber selbst verlor, und vielleicht auch den Draht zu den Fans? Eine Band, die Emotionen, starke und hymnische Melodien vernachlässigte zugunsten von zu verkopftem Schleifen am perfekten Sound?
Und ich weiß, der Text hier ist schon wieder übertrieben lang, aber irgendwie kann ich mir auch noch eine andere Interpretation vorstellen, wieder analog zu Depeche Mode. Depeche haben mit Memento Mori auch ein Album abgeliefert, das nicht nur musikalisch an gute, alte Zeiten anknüpft, sondern auch textlich zurückblickt. Martin und Co. setzten sich auf dem bislang letzten Album mit Vergänglichkeit auseinander, mit dem Tod und dem Weg dorthin, und mit den Verlusten, die uns auf diesem Weg begleiten.
Auch ein paar Passagen im Text lassen mich darüber nachdenken, ob U2 hier schon einmal ganz vorsichtig zum Abschied winkt. „Was, wenn ich nicht mehr singen kann?“ oder auch „Wir waren mal die größte Show der Welt„. Oder der Satz: „I was some of your best work„. Vieles klingt ein bisschen wie ein Rückblick, wie ein zumindest vorläufiges Fazit. Aber ja, vielleicht ist es auch einfach ein wenig weit hergeholt.
Apropos Fazit …
Gerade muss ich daran denken, dass ich mich in ellenlangen Sprachnachrichten mit einem lieben Freund (ich winke Dir zu, Marko), auch ganz viel über Musik austausche. Wir reden darüber, was Musik in einem auslösen kann. Auch, was Konzerte mit einem machen können. Musik kann eine Zeitreise sein, ein verbindendes Element und vor allem auch eine akut notwendige Ablenkung.
Ich mache keinen Hehl daraus, dass es mir gerade mies geht. So mies, dass man Ablenkung dringend benötigt. Die hole ich mir, indem ich mir Serien anschaue und unendlich viele Dokumentationen und Reportagen über ferne Länder. Aber klar – ich hole sie mir auch in der Musik und da gerade mit Songs wie „The Greatest Show on Earth“. Es ist ein Song, der mich mit seinen ersten Tönen ganz sanft in eine andere Welt entführt. In eine Welt, in der alles irgendwie noch in Ordnung war, oder sich zumindest so anfühlte.
Es ist eine Musik, die sich um mich legt wie eine wohlige, warme Decke. Oder die über meine Haut streicht wie die ersten kräftigen Sonnenstrahlen im Frühling. Ein Song, der sich in meinem Hirn festsetzt wie der Duft des Parfüms eines ganz besonderen Menschen. Ein Mensch, der mich berührt und dessen Duft noch lange an meiner Haut haften bleibt.
Ja, ich laber zu viel, ich weiß. Aber eine der großen Liebesgeschichten meines Lebens ist nun mal die Liebe zur Musik, und so ein bisschen hab ich mich nun mal in diesen Song verliebt. Also danke für den Song, U2. Schmorrt in der Ticket-Hölle zusammen mit all den Ticketmasters und Eventims der Welt, aber ja – danke für diesen Song.
Artikelbild: Screenshot aus dem U2-Video „The Greatest Show on Earth“