Privates

Es lebt sich, die Welt dreht sich …

Hey Mama,

meine Güte, Du bist jetzt schon seit 19 Jahren tot. Ich kann es nicht glauben, dass das schon so lange her sein soll. Manchmal träume ich immer noch von Dir und dass ich wieder bei Dir in Unna wohne. Und das fühlt sich warm und richtig an – und dann wird man wach und braucht ein paar Sekunden, um zu realisieren, was hier gerade passiert ist. Glaub mal, das ist eine unschöne Erkenntnis.

Heute vor 19 Jahren war vermutlich der schlimmste Tag meines Lebens. Ich denke noch oft daran, und generell denke ich auch immer noch oft an Dich. Unsere Telefonate fehlen mir, auch wenn wir manchmal nur irgendwelchen random Kram geredet haben, der nicht weit über „und? was gibt’s bei Dir heute zu essen“ hinausgeht. Apropos Essen: Du wirst es nicht glauben, aber McDonald’s nimmt den McRib aus dem Programm. Unverschämt, oder?

Merkste? Ich werfe hier wieder YouTube-Links rein mit Liedern, die ich mag und die Du auch mochtest. Während ich das hier alles schreibe, höre ich meine Playlist „Sunday afternoon tunes“ – da sind viele von diesen Songs drin. Ich hab das Gefühl, dass jedes Lied wie eine kleine Zeitmaschine sein kann. Wenn ich diese Playlist dann anhöre, erinnere ich mich daran, wie wir alle zusammen gesessen haben an diesen typischen Sonntagen. Wir haben irgendwelche Western oder sonst was geschaut und haben uns dazu Deinen unfassbar köstlichen Apfelkuchen reingedonnert. Gute alte Zeit …

Und heute? Sonntage sehen irgendwie anders aus als damals. Aber hey, immerhin denke ich sonntags nicht mehr „Scheiße, schon wieder ein Wochenende vorbei“, weil ich mittlerweile arbeitslos bin und montags nicht maloche. Aber nicht falsch verstehen: Ich würde gerne wieder arbeiten, weiß aber gerade nicht so recht, wo ich mit mir, meinen Vorstellungen und meinen Wünschen und meinen Möglichkeiten hin soll. Eigentlich möchte ich unbedingt weiter schreiben, weil mich nichts beruflich so erfüllt, wie über „meine“ Themen zu reden bzw. zu schreiben. Aktuell vergammle ich viel zu häufig einfach auf meiner Couch. Aber mach Dir keine Sorgen – da wühle ich mich auch wieder raus, versprochen.

Apropos Schreiben: Du weißt ja noch gar nicht, dass Björn mittlerweile ein eigenes Buch veröffentlicht hat und an seinem zweiten arbeitet. Bin echt stolz auf ihn und er kann das tatsächlich richtig gut. Aber ich bin auch ein bisschen stinkig, dass ich es nicht hinbekommen hab, vor ihm ein Buch zu veröffentlichen 😀 Und ja, ich schreibe an meinem Roman selbst schon seit Jahren und schaffe circa eine Seite pro Jahr. ^^

Die bucklige Verwandtschaft

Und wenn wir schon von Björn reden: Ich sagte ja letztes Mal schon, dass ich mit dem ein oder anderen aus der Familie wieder etwas mehr Kontakt habe. Das hat sich durchaus verfestigt über die Jahre. Wir haben jetzt sogar eine kleine WhatsApp-Gruppe, in der wir öfter schreiben. Das ist cool, weil man so auf einmal wieder weiß, was bei den anderen so los ist. Wir haben uns auch öfters wieder gesehen, aber dummerweise sind die Anlässe manches Mal unschöne. Ich erspare Dir jetzt die Info, von welchen lieben Menschen wir uns in den letzten Jahren verabschieden mussten. Aber hey, vermutlich weißt Du das eh schon, weil die ganze Bande oben bei Dir hockt und die jetzt den Apfelkuchen verputzen, der eigentlich für mich gedacht sein sollte.

In der WhatsApp-Gruppe sind nicht nur die „Kids“ wie Anke, Kristin und all die anderen, sondern auch Bernd, Angelika und natürlich Karin. Und weißt Du was? Das ist wirklich cool. Irgendwie ist mir der Draht zur Verwandtschaft über die Jahrzehnte abhanden gekommen. Und dann sind sie auf einmal alle wieder irgendwie da und eh man sich versieht, misst man dem eigenen Fleisch und Blut plötzlich wieder eine ganz andere Bedeutung bei. Das sind echt alles wundervolle Menschen, und solange ich die habe, hab ich auch Dich noch irgendwie hier in der realen Welt.

Okay, alles ist natürlich auch nicht so super in so einer Gruppe. Es gibt zu viel BVB-Content zum Beispiel 😀 Dafür reißt es Bernd mit seinen Dad-Jokes wieder raus – Du hättest Deine helle Freude in dieser Gruppe, glaub mal. 🙂

Was gibt es sonst so Neues? Ich glaube, Du würdest Dich echt erschrecken, wenn Du plötzlich wieder da wärst. Die Menschen sind zu einem viel zu großen Teil so behämmert geworden. Es fällt uns anscheinend immer schwerer, vernünftig miteinander zu sprechen. Alle schreien sich nur noch an, gerade im Internet. Und wir haben wirklich schwierige Zeiten. Dazu gehört auch, dass wir mittlerweile künstliche Intelligenz haben. Das bedeutet so circa, dass unsere Computer auf einmal wirklich deutlich mehr können als zu Deinen Zeiten. Ich kann mich mit einem Computer heute wie mit einem Menschen unterhalten. Mit dem Unterschied, dass die künstliche Intelligenz oft die klügeren Antworten gibt.

Es ist wirklich verrückt, was man damit alles machen kann. Zum Beispiel hab ich mal ein altes Foto von Opa genommen und hab das nicht nur mit der Hilfe der KI optisch deutlich verbessern können, sondern konnte daraus sogar ein kurzes Video machen. Das bedeutet, ich habe jetzt einen kurzen Clip, an dem Dein Papa freundlich in die Kamera lächelt und uns zuwinkt. Das müsstest Du echt sehen, sonst glaubt man es nicht. Okay, wie Du Dir denken kannst, mach ich auch jede Menge Scheiße mit dieser Technologie. Sie lässt uns auf Knopfdruck ganze Lieder komponieren und sie verwandelt mich in so ziemlich alles, was ich auf einem Bild sein möchte. Schau mal – hier bin ich zum Beispiel auf einem Foto mit Columbo. 😀

Ein Selfie, das mich in Lederjacke zusammen mit Lieutenant Columbo zeigt.

Ich hab auch Selfies mit Madonna, Michael Jackson, Bud Spencer und Terence Hill und natürlich mit Depeche Mode. Zeig ich Dir bei Gelegenheit alle mal, ich Angeber. Aber mal im Ernst: Ganz viele Leute haben auch aus gutem Grund Angst vor dieser Technologie. Sie wird genutzt, um Fakes herzustellen und KI kann ja noch viel mehr als nur Bilder und Videos basteln. Sie kann uns dabei helfen, tödliche Krankheiten zu heilen, aber gleichzeitig könnte sie irgendwelchen Schurken auch dabei helfen, Banken zu hacken, Biowaffen zu erschaffen und noch viel düstere Dinge.

Aber wir haben noch andere, ähnlich große Probleme: Wir richten unseren Planeten zugrunde zum Beispiel. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was für eine Affenhitze hier in Deutschland mittlerweile in jedem Sommer herrscht. Und unsere Systeme funktionieren nicht mehr. Unser Katastrophen-Kanzler versucht gerade, das Rentensystem umzubauen. Dabei kapiert er aber anscheinend nicht, dass es nicht mehr funktioniert, dass die jungen Arbeitnehmer den alten Ex-Arbeitnehmern die Renten finanzieren.

Weißt Du was? Leute glauben, dass genau wegen dieser Probleme über kurz oder lang niemand mehr wirklich arbeiten muss. Wir überlassen die ganze Maloche den Maschinen und bekommen einfach so Kohle aufs Konto. Ich glaub auch daran, dass es so kommt, aber bis dahin gehen wir alle noch durch echt schwere Zeiten leider.

Nicht falsch verstehen: Ich wünsche mir so oft, dass Du noch da wärst, aber sollte es nur etwas halbwegs Gutes an Deinem Tod geben, dann die Tatsache, dass Du das hier gerade alles nicht mehr mitmachen musst. Ich glaube, Dein großes Herz würde daran verzweifeln, wie Menschen miteinander umgehen, wie ungerecht Geld und Wohlstand verteilt ist und wie unersättlich Milliardäre sind. Ich bin sicher, dass ich Dir davon noch einige Updates geben werde in den nächsten Jahren.

Aber mal was ganz anderes: Weißt Du noch, dass ich früher meine eigenen Songs geschrieben habe? Eins hab ich geschrieben, das hieß „Es lebt sich“. Ich hab da über eine Ex-Freundin gesungen. Ich sag nicht welche, das wäre jetzt komisch. ^^ Jedenfalls habe ich mir ausgemalt, wie es wohl wäre, wenn man der plötzlich wieder gegenüber stehen würde. Sie würde mich fragen, wie es mir geht und dann würde ich antworten: „Es lebt sich, die Welt dreht sich“. Im Song mach ich ihr klar, dass es lange wehgetan hat, aber ich mittlerweile gut ohne sie zurecht komme.

Als ich eben darüber nachdachte, wie ich diesen Beitrag hier nennen soll, kamen mir diese Zeilen wieder in den Sinn. Ganz ehrlich? Hier hin passt der Titel irgendwie viel besser, glaube ich. Ich würde gerne von Dir gefragt werden, wie es mir geht. Und dann würde ich Dir antworten: „Es lebt sich, die Welt dreht sich“. Du würdest wissen, dass es mir nicht perfekt geht, aber ich auch gar nicht darüber reden möchte, und dass es mir im Grunde echt okay geht. Du würdest wissen, dass Du Dir um mich keine Sorgen machen musst. Und dann würden wir eine Minute später wieder darüber reden, was es heute bei uns zu essen gibt.

Ich mag die Vorstellung, dass wir uns über unser Mittagessen unterhalten, deutlich mehr, als dass ich in dem Song einer Ex-Freundin vorgaukle, dass bei mir alles bestens ist. Gerade ist eine gute Zeit, sich schlechte Gefühle abzutrainieren. Ich muss nicht mehr trotzig Ex-Freundinnen irgendwas vorspielen. Die wichtigsten Menschen, die ich als Partnerinnen an meiner Seite hatte, sind auch heute noch (oder wieder …) meine Freundinnen, mit denen ich mich blendend verstehe.

Also ja: Ich stelle mir deswegen lieber vor, dass ich Dir diese Antwort gebe. Und danach gehe ich einfach zur Tagesordnung über, weil ich ja tief im Herzen genau weiß, dass ich Dir keine Romane über KI oder Politik oder unsere Familien-WhatsApp-Gruppen erzählen muss, weil dazu ja auch morgen noch Zeit ist … oder übermorgen. Ich glaube, das vermisse ich mit am meisten: Dass ich mit Dir Zeit verschwenden kann und über Nebensächlichkeiten spreche, statt Dir zu sagen, wie viel Liebe für Dich ich im Herzen trage. Ich hätte einfach das Gefühl gerne zurück, dass Du selbstverständlich immer, mein ganzes Leben lang da sein wirst. Ich hätte gerne nochmal so unendlich viel Zeit mit Dir für diese Kleinigkeiten.

Ach so, übrigens: Bei mir gab es heute so eine asiatische Nudelpfanne. Und abends ’ne Pizza. Beides nur so semi-lecker, behaupte ich mal. ^^ Vielleicht sollte ich mal lernen, wie man einen ordentlichen Apfelkuchen macht, oder so.

Artikelbild: Ein eigenes Foto, welches ich neulich von der Burgruine Hohensyburg geknipst und tatsächlich null bearbeitet habe.