Lahmer Dschungel

Nicht unzufrieden prüft er sein Spiegelbild. Frisch geduscht steht er vor dem Badezimmerspiegel und muss zugeben, dass er sich für fast fünfzig Jahre verdammt gut gehalten hat. Okay, die Haare sind schon lange verschwunden und er wiegt auch ungefähr einen Zentner zu viel. Seine linke Hand formt sich zu einer Pistole und in der Sekunde, in der er so tut, als würde er einen Schuss auf sein Spiegelbild abgeben, zwinkert er sich selbst zu. Doch, Du hast es immer noch drauf, denkt er sich.

Er schlüpft in seinen Bademantel (Danke, Karo!) und verlässt fröhlich pfeifend das Bad. Er schmeißt sich auf sein nagelneues Sofa und schnappt sich blind die Fernbedienung. Er verbringt so viel Zeit auf dieser Couch, dass längst jeder Handgriff sitzt. Er schaltet RTL ein und wirft schnell nochmal einen prüfenden Blick auf den Tisch. Ja, alles da: Die Turnierpackung Pick Up von Bahlsen liegt vor ihm, außerdem steht da eine große Pulle Tri Top Waldmeister, die er sich angerührt hat.

Los geht’s: Die erste Dschungel-Show des Jahres 2021 wird ausgestrahlt und Blogger, Lebenskünstler, Erfinder der Podcast-Sprachnachricht und Dschungelcamp-Fan Casi quiekt vergnügt, als er die bekannten Gesichter von Sonja und Daniel sieht — wie hat er sie vermisst.

Wie viele wundervolle Jahre haben sie schon zusammen erlebt — also so was ähnliches wie „zusammen“. So viele abgehalfterte Stars, so viel verspeiste Dschungel-Happen und nach all den Jahren kann man nicht mehr auseinanderhalten, was davon rückblickend betrachtet ekelhafter war.

RTL wird das schon machen, sagt Casi zu sich selbst und dann lehnt er sich zurück mit einer Mischung aus Vorfreude und Spannung. Wie es weitergeht, erfahrt ihr nach der Werbung — das geht schnell, nur ein Spot.

***

Okay, machen wir uns nichts vor. Das ist ungefähr der schlimmste Anfang der schlimmsten Kurzgeschichte, die jemals geschrieben wurde. Außerdem hab ich viel gelogen, denn ich hab trotz jahrelanger RTL-Dschungel-Indoktrination weder Pick Up noch Tri Top im Haus. Aber was will man machen? Wenn man schon keinen Dschungel glotzen kann, muss man sich anders behelfen. Ich war latschen und zwar im Schnee, dann hab ich ein paar Minuten Dschungel-Show geschaut und mich dann doch lieber für Heute Journal/Sportstudio entschieden, bis ich mich dann letzten Endes zum Bloggen durchringen konnte.

Also sitze ich jetzt hier mitten in der Nacht und schreibe ein paar Zeilen zum Dschungel-Quatsch, der da auf RTL läuft. Ich schrieb ja bereits, dass ich es RTL nicht vorwerfe, dass man aufgrund der Pandemie ein anderes Konzept entwerfen musste. Von daher ist dem Sender nichts vorzuwerfen, dass man die „Stars“ dieses Jahr nach Kölln verfrachtet. Aber was sich RTL da ausgedacht hat, finde ich dann doch ziemlich enttäuschend.

Und bevor sich jemand wundert: Ja, natürlich hab ich mir die erste Sendung angeschaut. Gestern Nacht, quasi aus der Konserve. Schließlich darf man erst dann schimpfen, wenn man auch weiß, worüber man redet. Dennoch gab es kein Facebook-Posting von mir, aber auch keinerlei Stimmung von RTL. Lediglich beim Auftritt von Thorsten „Kasalla“ Legat jubelte ich kurz, das war es dann aber auch schon. Für mein Empfinden hat RTL echt so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Die Moderatoren und Dr. Bob sind mit von der Partie, es gibt Dschungelprüfungen und die Gag-Autoren liefern auch ab — aber das war es leider auch schon.

Über dieser erstaunliche Nicht-Star-Level der vermeintlichen „Stars“ (ich ziehe das jetzt bis zum Ende des Artikels durch mit den Anführungszeichen) habe ich mich ja bereits im letzten Beitrag echauffiert. Das ist für mein Empfinden der erste Fehler — wobei man natürlich nicht weiß, ob man vielleicht einfach keine anderen bekommen hat. Aber ich denke mir: Wir befinden uns in einer Pandemie, die Leute können also in der Regel nicht abhauen, auch die Promis nicht. Und abgehalfterte Stars, die finanziell nicht (mehr) auf Rosen gebettet sind, müssten doch eigentlich in einer Pandemie noch klammer sein als sonst, oder? Da wäre doch so eine Teilnahme am RTL-Dschungel sowas wie ein Jackpot.

Aber weiter im Text: Die ersten drei Kandidat:innen treffen sich in Köln in der Nähe des Studios und kommen allesamt aus der Quarantäne. Nur der Vollständigkeit halber: Bei den Dreien handelt es sich um Mike Heiter, „berühmt“ geworden als Ex-Freund einer ehemaligen Dschungel-Teilnehmerin, dazu GNTM-Teilnehmerin und kratzbürstige Reality-TV-Teilnehmerin Zoe Salomé Saip und Frank Fussbroich, Reality-Urgestein und der einzige Mensch, der so große Augenringe hat, dass er für die einen eigenen Personalausweis beantragen musste.

Alles läuft natürlich streng Corona-konform. Dann ziehen die drei nach einem sehr knappen Briefing in ihr Tiny House ein. Das verlassen sie dann später einmal, um zur Dschungelprüfung anzutreten und das war’s auch schon. Keine weiteren Kandidaten, kein Lagerfeuer, kein gar nichts. Die Dschungelprüfung wirkt noch einigermaßen authentisch und es kommt ein bisschen Dschungel-Feeling auf. Aber die Idee, lediglich drei Menschen da rein zu verfrachten und drei Tage später andere drei Leute, finde ich ziemlich behämmert.

Hat man sich in der Nacht übrigens bei Twitter umgeschaut, wurde schnell deutlich, dass so ziemlich niemand die Regeln verstanden hat bzw. wie das nun laufen soll mit den vier Dreier-Grüppchen und den Halbfinals. Hat man bei RTL wohl auch eingesehen, denn heute hat man eingangs diese Regeln nochmal ausführlich erklärt. Aber nach ein paar Minuten heute, also in der zweiten Folge der Staffel, war für mich dann tatsächlich der Spaß vorbei. Ich zappte in der Werbepause weg und hatte null Verlangen, danach wieder zurückzuschalten.

Die Sendung gestern ging zwei Stunden lang. Drei Kandidat:innen, zwei Stunden, eine Dschungelprüfung. Könnt ihr euch allein daran schon ausmalen, wie viel Spannung das verspricht. Da RTL uns die drei Menschen nicht 120 Minuten am Stück zumuten möchte, muss also Füllmaterial her. Also hat man sich mit Julian F. M. Stoeckel und Melanie Müller zwei Ex-Dschungelcamp-Sternchen eingeladen. Der Stoeckel — aka die „Joan Collins von Westberlin“ — ist so unfassbar drüber, dass er tatsächlich schon wieder unterhaltsam und liebenswert ist. Hier fällt mir gerade ein, dass ihr euch durchaus mal den Podcast „Ditt und Datt und Dittrich“ geben solltet mit der lieben Verena, die auf n-tv oft und gerne über Trash-TV schreibt und das äußerst unterhaltsam. In dieser Folge ist nämlich auch besagter Julian F. M. Stoeckel zu Gast.

Schaut man sich die gute Frau Müller an, wird schnell klar, dass der eben gewählte Begriff „Füllmaterial“ auch komplett anders ausgelegt werden kann. Man sollte sich nicht an optischen Merkmalen aufhängen, klar — aber zu den unansehnlichsten Kunst-Hupen hat sich anscheinend mit der Zeit auch ein neues Gesicht gesellt. Jeder soll machen, womit er happy ist, aber es tut mir in der Seele weh, das zu sehen, weil sie vorher ein sehr schönes, natürliches Mädchen war.

Es wird jedenfalls gequatscht und man schwelgt in Erinnerungen. Kann man machen, ist aber nicht sonderlich unterhaltsam, ehrlich gesagt. Das bringt mich wieder zum wenig nachvollziehbaren Konzept der Show. Man sieht kaum was von den Dreien im Tiny House, von den anderen Neun sieht man gar nichts. Stattdessen Rückblenden und flacher Studio-Talk. Das muss man nicht allabendlich auf so lange Zeit dehnen.

Was ich nicht raffe: 18 m² Tiny House — wieso stellt man sich nicht vier von den Butzen nebeneinander und holt alle 12 Mann rein in den Bums? Dann kann man die da tagsüber zusammenhocken lassen, nachts kommt dann ein bisschen Big-Brother-Atmosphäre auf. Man hätte wild durchmischen können — mal diejenigen zusammen, von denen man weiß, dass sie nicht miteinander können, mal diejenigen, bei denen es vielleicht ein wenig knistert. Das Dschungelcamp lebt doch auch stark von der Dynamik innerhalb der Gruppe. Die entsteht aber nicht, wenn vier mal drei Tage lang je drei Leutchen in der Hütte sitzen und dann für die finalen drei Tage Halbfinals und Finale anstehen.

RTL hätte aus der Pandemie mit all den dadurch notwendig gewordenen Änderungen doch eine Tugend machen können. Eine große Halle mit allen 12 Promis, darunter am besten welche, die den Namen „Promi“ auch verdient haben und dann feiert man zwei Wochen ebenso Dschungelcamp, wie man das sonst auch gemacht hat. Interessiert doch im Endeffekt tatsächlich keinen Menschen, ob man die pürierten Känguru-Hoden im Dschungel oder Köln-Hürth säuft, oder? Für mein Empfinden hat RTL die Mega-Chance liegenlassen, ein Studio-Dschungel-Spektakel just in dem Jahr aufzuziehen, indem wir alle Pandemie-bedingt mit dem Arsch zuhause sitzen und fast gar nicht anders können, als die Glotze anzumachen. Stattdessen hat man sich für diese lahme Sparflammen-Version entschieden. Schade, Schade.

Ach doch — es gibt tatsächlich was, was man positiv hervorheben kann: Wieder einmal wurde tolle Musik ausgewählt und der Song zur Show ist dieses Mal richtig klasse. Okay, da kann man sich jetzt fragen, ob man sich über das Lied freuen soll oder darüber, dass uns RTL in diesem Jahr sogar das genommen hat, dass man sich nicht mal über den „Kack Song“ aufregen kann, wie es längst Tradition geworden ist in unserer süßen, kleinen Dschungel-Familie.

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