Leberwurst-Träume

Manchmal macht man Dinge, die man schon fünf Sekunden später nicht versteht. Und mit „man“ meine ich natürlich mich. Neulich bin ich beispielsweise durch die Fußgängerzone nach Hause gegangen, wo am Ende mit der „Wurstkultur“ eine ständige Bedrohung auf mich wartet.

Die Bude ist ein Damoklesschwert aus Currywurst und Pommes und baumelt ständig über mir. Ich will nicht sagen, dass diese Bude Schuld ist, dass ich so ’ne fette Pauke habe, aber sie ist definitiv mitschuldig. Nicht selten kommt man mit wirklich bewusst eingekauften, gesunden Lebensmitteln an der Bude vorbei und zack – Currywurst Pommes Mayo!

Aber ich schweife ab. Als ich da neulich dran vorbei kam, hielt ich direkt Abstand – so etwa zehn Meter, damit ich bloß nicht wieder in Versuchung gerate. Irgendwie schaute ich trotzdem rein und sah diese nette, blonde Bedienung. Die meisten Personen, die in der Bude arbeiten, sind irgendwas zwischen griesgrämig und spürbar professionell freundlich, sie hingegen ist immer so herzlich freundlich. Wenn ich es mir genau überlege, ist damit eigentlich ja sogar sie Schuld an meinem Gewicht, weil ich tendenziell eher was kaufe, wenn sie gerade arbeitet. Ja, ich weiß – niemand außer mir ist Schuld an meinem Gewicht, ich mach ja nur Spaß 🙂

Ich gehe also an der Bude vorbei, erblicke sie und sie erblickt mich und sie sagt wieder so herzlich freundlich Hallo zu mir. Ich hatte Kopfhörer auf und trug meine Maske, was kommunikativ echt ein Desaster ist. Ich höre nämlich nur meine Musik und nichts von meiner Umwelt und auf irgendeine schräge Art lässt mich diese Kombination aus Maske und Over-Ears glauben, dass man mich ebenso wenig hören kann, obwohl das natürlich Quatsch ist.

Ich gehe also davon aus, dass sie mich ebenfalls nicht hören kann und deute nur ein stummes „Hallo“ an. Mir fällt direkt auf, dass sie mein angedeutetes „Hallo“ vermutlich nicht bemerken wird, da ich ja wie gesagt die Maske trage. Also beschließe ich umgehend, ihr als alternative Serviceleistung mit den Augen mein „Hallo“ zu signalisieren. Genauer gesagt versuche ich ihr zu signalisieren: „Hallo, schön Dich zu sehen. Ich freue mich, dass Du mich grüßt, obwohl ich gar nicht an der Bude stehe, um was zu kaufen, sondern einfach nur vorbeigehe. Hallo zurück – hab einen schönen Tag!“

Für ein Signal meiner Augen ist diese Nachricht tatsächlich ziemlich komplex und deshalb scheitere ich auch kolossal mit diesem Unterfangen. Ich kann mich erfreulicherweise in solchen Situationen nicht von außen betrachten, aber es fühlte sich an wie eine Mischung aus einem kessen Zuzwinkern, einem Schlaganfall und „Scheiße, mir ist schon wieder die Sonnencreme ins Auge gelaufen“.

Keine Ahnung, wie sie reagiert hat, denn ich war einfach zu schnell an der Bude vorbei und sie damit aus meinem Blickfeld entschwunden — vielleicht gut so. Mir war aber bereits fünf Sekunden später direkt klar, dass ich einfach „Hallo“ hätte sagen können und die Botschaft damit vermutlich trotz Kopfhörer und Maske angekommen wäre. Chance vertan.

So viel also zu Dingen, die man tut und sie schon direkt im Anschluss nicht mehr begreift. Ich kann das sehr gut – es ist eine meiner geheimen Superkräfte, wenngleich diese Superkraft jetzt durchs Erzählen natürlich nicht mehr besonders geheim ist.

Gerade kam ich übrigens wieder vom Einkaufen zurück. Ich gehe da gerne Umwege, um so auf mehr Schritte zu kommen. Eigentlich hätte ich jetzt direkt meine Wohnung ansteuern können, dachte mir aber, ich könnte ja jetzt noch ein paar Meter durch die Fußgängerzone gehen und dann Richtung Innenhof und Hintereingang einzubiegen, um über die 5000-Schritte-Marke zu kommen.

Ich gehe also in die Fußgängerzone, sehe die Schlange an der Wurstbude und irgendwie dann auch aus dem Augenwinkel, dass diese freundliche junge Frau wieder arbeitet. Scheiße, wieder zu spät zum Grüßen, aber vermutlich hat sie mich eh nicht gesehen. Ich verwerfe also den eigentlichen Plan, an der nächsten Ecke abzubiegen, um meine Wohnung von der anderen Seite zu erreichen und beschließe, dass ich einfach weiter die Fußgängerzone durchschreite, irgendwann dann umdrehe, um noch einmal an der Wurstbude vorbeizugehen (Ja, ich gehe tatsächlich Extra-Meter, nur um potenziell jemanden grüßen zu können. Das ist schräg, aber ich habe nie behauptet, nicht schräg zu sein).

Dazu muss ich noch schnell erklären, dass ich nicht nur geheime Superkräfte habe, sondern auch diverse Macken, über die sich selbst Adrian Monk kaputtlachen würde. So kann ich beispielsweise alleine nicht einfach kehrt machen in einer Fußgängerzone. Irgendwie bekomme ich es nicht hin, stehenzubleiben, mich umzudrehen und wieder in die Richtung zu marschieren, aus der ich gekommen bin.

Wenn ich doch mal gezwungen bin, so etwas zu tun, achte ich darauf, mit Mimik und Gestik meiner Umgebung klipp und klar zu signalisieren, dass ich jetzt doch tatsächlich irgendwas sehr Entscheidendes vergessen habe, weshalb ich jetzt umgehend auf dem Absatz kehrt machen muss und darüber sehr ungehalten bin. Vermutlich sind diese Signale für Fremde ähnlich gut zu lesen wie meine stummen Grüße durch den Mundschutz und meine Versuche, mit meinen Augen Richtung Wurstbuden-Frau zu kommunizieren.

Ich gehe also eine Schleife, biege irgendwann wieder in die Fußgängerzone ein und siehe da: Tatsächlich ist die Schlange vor der Bude verschwunden, ich mache mich bereit zum Grüßen! Clever, wie ich bin, habe ich die Musik auf meinen Ohren leiser gemacht — als ob man besser „Hallo“ sagen könnte, wenn man seine eigene Musik nicht mehr hört.

Wir haben Blickkontakt, sie sagt wieder freundlich lächelnd „Hallo“ – und ich winke ihr zu und mache WIEDER WAS BLÖDES MIT DEN AUGEN, sage aber nicht „Hallo“. Sie lächelt trotzdem freundlich weiter, ich gehe um die Ecke, betrete das Haus, in dem ich wohne und verwickle mich Sekunden später in ein Handgemenge mit mir selbst, beschimpfe mich und werfe mir totale Kommunikationsuntauglichkeit vor.

Abschließend möchte ich mich dennoch auch mal ein bisschen loben, denn mein erster Impuls war natürlich, wieder an der Bude zu halten, mir ein bis zwei CPM mit der feurigen Soße zu kaufen und mich später dann vollgefressen auf der Couch hin und her zu wälzen. Stattdessen bin ich aber arschcool vorbei gegangen und hab mir diese Kalorien-Katastrophe erspart.

Okay, ich hab mir zumindest diese Kalorien-Katastrophe erspart. Wie ich sagte, war ich ja direkt vorher einkaufen und das ist jetzt dann auch die Stelle, wo ich mit Dir, lieber Leser, ein bisschen schimpfen muss: Ich erzähle jetzt hier schon seit ziemlich genau 1000 Wörtern von meinen Fußgängerzonen-Abenteuern und gib es zu: Du hast Dich die ganze Zeit nicht ein einziges mal gefragt, wieso der Beitrag „Leberwurst-Träume“ heißt, oder?

Ist auch nicht sehr spektakulär, ehrlich gesagt. Ich hab tatsächlich davon geträumt, dass ich schön zuhause sitze und frühstücke und mir so ein Brötchen mit herzhafter, köstlich duftender Leberwurst schmiere. Aufgewacht bin ich tatsächlich, BEVOR ich in das verkackte Drecks-Brötchen beißen konnte. Seit dieser Sekunde habe ich nichts anderes im Kopf als verdammte Leberwurst-Brötchen! Daher habe ich mir Leberwurst gekauft. Und Brötchen. Und Butter, oder besser gesagt: Gute Butter!! Ich weiß nicht, ob man das bei euch auch so sagt, hier im Ruhrpott wird es jedenfalls als zwei Wörter geschrieben, aber als ein Wort gesprochen: gutebutter! Jochen Malmsheimer erklärt es hier sehr schön:

Und ja, ich musste mir das tatsächlich alles kaufen, weil ich mir irgendwann mal das Frühstücken komplett abgewöhnt habe. Aber das ist eine andere verrückte Geschichte, die ein anderes mal erzählt werden soll. Einen schönen Samstag wünsche ich euch — es sei denn, ihr lest den Beitrag gar nicht am Samstag. In dem Fall wünsche ich euch einen schönen anderen Tag, könnt ihr euch aussuchen.

PS: Der „Soundtrack“ dieses Blogbeitrags hat im Grunde weder mit Wurstbude noch mit Leberwurst zu tun, aber ich höre gerade verstärkt die „neueren“ Sachen von Depeche Mode aus der Post-Wilder-Ära — da sind doch jede Menge Perlen dabei, muss ich sagen 🙂

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