Was würdest Du machen?

Gerade komme ich wieder rein. Rein von einer meiner abendlichen Runden durch die Stadt. Irgendwann hab ich ja schon mal erzählt, wie wichtig das für mich ist. Frische Luft schnappen, rauskommen aus der Bude, mein Gehirn von der Luft ein wenig durchpusten lassen und auf andere Gedanken kommen. Es ist, als kann man seine Probleme austricksen und sich auf leisen Sohlen davonstehlen. Sobald die Wohnungstür zu ist, kann ich sie abschütteln. Nicht sofort, aber sobald ich meine Musik auf den Kopfhörern habe — oder ein Hörbuch, eine Podcast-Folge oder ein Hörspiel.

Heute war es anders. Hin und wieder ist das so. Dann funktioniert es eben nicht. Ich ertappe mich dann dabei, wie ich das selbe Kapitel des Hörbuchs nochmal und nochmal höre, weil ich vorher schon wieder so mit meinen Gedanken beschäftigt war, dass ich nichts von dem wahrnehmen konnte, was da über die Kopfhörer zu hören ist. Heute war wieder so ein Tag. Es passieren einfach zu viele unschöne Dinge. Arbeit, Gesundheit, Geld, über allem diese dunkle Wolke Depression, die mich so gern begleitet — all das macht mir sehr zu schaffen. Es sorgt dafür, dass ich abends nicht schlafen kann und morgen nicht aus dem Bett komme — und manchmal sorgt es eben auch dafür, dass ich unterwegs mein Hörbuch verpasse.

Es ist eigentlich eine sehr angenehme Nacht. Wir haben nur etwa 15 Grad gehabt eben — perfektes Wetter für Dicke, um ein paar Meter zu machen, ohne schon nach hundert Metern klatschnass geschwitzt zu sein. Trotzdem fühlt es sich an, als hätte man das Gewicht der Welt auf seinen Schultern. Oder besser auf der Brust, denn es fühlt sich an, als nehmen mir meine Probleme gerade die Luft zum Atmen.

Und in dem Moment, in dem man sich damit abgefunden hat, dass man seine dunklen Gedanken und seine Nöte auf dieser nächtlichen Runde nicht mehr los wird und man gefühlt der ärmste Kerl der Welt ist, trifft einen dann die Erkenntnis wie ein Blitz. Die Erkenntnis, dass es mir immerhin nur so schlecht geht, dass ich aus freien Stücken entscheiden kann, wann ich aus dem Haus gehe und wann ich wieder zurückgehe dorthin.

Nicht so wie andernorts in Europa. In Griechenland, auf der eigentlich so schönen Insel Lesbos, sind gerade 12.600 Menschen, die diese Wahl nicht haben. Die haben auch nicht meine beruflichen Probleme, weil sie eh keinen Job haben. Auch meine finanziellen Probleme haben sie nicht, denn sie sind schon lange ohne jeden Cent. Wenn sie heute — so wie ich eben — in den Nachthimmel blicken, dann wissen sie, dass sie diesen Anblick nicht so wie ich jederzeit gegen das heimische Bett austauschen können.

Wie muss es sich anfühlen?

Wie muss es sich anfühlen, wenn Du einen Traum verfolgst und deswegen Dein Land verlässt? Vielleicht, weil Du Hoffnung hast, dass Du dort der Armut und der Hoffnungslosigkeit entkommen kannst. Vielleicht, weil Du im Internet und im TV sehen konntest, dass das Leben in Europa ein viel angenehmeres ist. Vielleicht aber auch, weil Dir Bomben Deine Heimat oder Deine Familie genommen haben, oder gar beides.

Wie muss es sich anfühlen, wenn so ziemlich das Erste, was Du in Europa wahrnimmst, die Erkenntnis ist, dass Dich hier niemand will?

Wie muss es sich anfühlen, wenn Du plötzlich Deine Frau, Deine Kinder nicht mehr beschützen kannst, sondern gemeinsam mit ihnen und ebenso hilflos in ein Lager gestopft wirst? Ein Lager, welches hoffnungslos überfüllt ist und in dem es an allem mangelt: An hygienischen, menschenwürdigen Unterkünften, an ausreichend vielen Duschen und Toiletten, ausreichend Nahrung und einer ausreichenden Zahl an Ärzten.

Wie muss es sich anfühlen, wenn man Tag für Tag mit der Hoffnung wach wird, dass es vielleicht bald weiter geht in ein Land, in dem man ein normales Leben führen darf — und man eines Tages feststellt, dass man jetzt schon seit Jahren in diesem Camp sitzt und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft mindestens so weit weg ist wie die Heimat, aus der man flüchtete?

Wie muss es sich anfühlen, wenn man in diesem Dreck leben muss und feststellt, dass immer noch Hunderte und Hunderte Bedürftige in ein eh schon dramatisch überbelegtes Camp aufgenommen werden und Dir andere arme Seelen das bisschen Platz, Wasser und Nahrung streitig machen, das Dir selbst zur Verfügung steht?

Wie muss es sich anfühlen, wenn unter diesen Bedingungen zusätzlich noch eine Pandemie ausbricht und die ersten Infizierten festgestellt werden?

Was würdest Du machen?

Wenn Du in so einer Situation bist, eingesperrt mit Tausenden und einem hoch ansteckendem Virus, dafür aber ohne jede Hoffnung, dass sich irgendjemand irgendwo in Europa wirklich dafür interessiert, wie es Dir geht. Wenn dann einer der Geflüchteten Dir erzählt, dass man heute Nacht das Lager anzünden will in der Hoffnung, dass man den Rauch und die Flammen bis in die europäischen Hauptstädte sehen kann und endlich jeder hinsehen muss, was da in Moria passiert: Was würdest Du machen? Würdest Du ihm diesen Plan ausreden wollen? Weswegen solltest Du was tun? Weil es alternative Möglichkeiten gibt, dass sich was tut? Vergiss es!

Wenn Du davon wüsstest, würdest du versuchen, ein wenig Hab und Gut zu retten und Deine Familie in Sicherheit zu bringen. Vielleicht würdest Du sogar mithelfen, die Feuer zu legen. Nicht, weil Du kriminell bist oder gerne zündelst, sondern weil Du so verzweifelt bist, dass Dir diese Feuer tatsächlich als einziger Ausweg erscheinen.

Während ich das hier aufschreibe, brennen auf der Insel Lesbos die Teile des Flüchtlingslagers, die gestern Nacht noch verschont wurden. Das bedeutet, dass die Hälfte der 12.000 Menschen, die trotz der katastrophalen Lage im Camp geblieben sind, morgen auch irgendwo auf der Straße oder in den Wäldern schlafen wird.

Aktuell können wir noch nicht mit Gewissheit sagen, wer die Feuer gelegt hat. Es scheint sehr wahrscheinlich, dass es Insassen des Lagers waren. Aber es ist auch möglich, dass es Einheimische waren, die es einfach nicht mehr ertragen konnten, wie Europa ihre Heimat untergehen lässt. Versehen könnte ich beide Seiten, ganz ernsthaft.

ich habe heute viel zu viel Nachrichten gesehen mal wieder. Viel zu viele Politiker reden hören, die sehr betroffen sind und die davon sprechen, dass es eine Katastrophe „mit Ansage“ ist. Die so gerne helfen möchten, aber keinen deutschen Alleingang wünschen und stattdessen eine europäische Lösung anstreben. Die Feuer im Camp lodern und man will allen Ernstes eine europäische Lösung erreichen, die es in den letzten fünf Jahren auch nicht gab?

Ganz schnell und ganz unbürokratisch muss da geholfen helfen, sagen sie. Erst muss man die Menschen retten, danach kann man alles weitere besprechen, sagen sie. Das sind übrigens die gleichen Menschen der CDU/CSU und der SPD, die im März noch eiskalt dagegen abgestimmt haben, dass besonders schutzbedürftige Flüchtlinge aufgenommen werden können. An der Spitze dieser Heuchler befindet sich unser Innenminister, der selbst Städten und Kommunen, die sich längst zur Aufnahme von Menschen bereiterklärt haben, eine Absage erteilt. Ja, ja – europäische Lösung, ich hab’s kapiert.

Die Wahrheit ist, dass in Moria nicht nur ein paar Notunterkünfte brennen. Dort brennt gerade die europäische Idee. Wir lassen gerade alles an Menschlichkeit und Empathie vermissen — und das immerhin als stolze Friedensnobelpreisträger, die wir seit 2012 sind. Ich bin ein unendlich großer Fan der europäischen Idee und der naiven Vorstellung, dass ein starker, empathischer und besonnener Staatenverbund den Trumps und Bolsonaros und Johnsons dieser Welt in ihre schneeweißen Ärsche tritt.

Stattdessen sind es Flüchtlings-Ärsche, in die da seit vielen Jahren getreten wird. Kein Wunder, dass Viele mittlerweile davon ausgehen, dass die Politik nicht nur weggeschaut hat, sondern auf Lesbos ganz bewusst ein solches Camp jahrelang zugelassen hat, weil es so schön abschreckt und Menschen dazu bewegen soll, sich das mit der Flucht lieber nochmal gründlich zu überlegen. Griechenland verbuchen wir dabei einfach mal als Kollateralschaden, den Europa kalt lächelnd in Kauf nimmt.

Schon in der Finanzkrise haben wir Deutschen u.a. den „Pleite-Griechen“ übelst mitgespielt — irgendwer muss halt bluten, damit Deutschland glimpflich aus der Krise kommt. Jetzt lässt man Griechenland erneut am ausgestreckten Arm verhungern und lässt dafür zu, dass uns Länder wie Polen und Ungarn auf der Nase herumtanzen. Ich hab so eine Scheißwut gerade, weil all das so furchtbar unnötig ist und man die Dinge doch ganz anders regeln können müsste, wenn man so eine starke EU ist, wie man es sich gerne wünscht. Wir sind etwa 450 Millionen Menschen in der EU. Und wir wollen es nicht schaffen, 12.000 Menschen aufzunehmen? Auf 37.500 EU-Einwohner käme ein (!) Geflüchteter aus Moria. Das würde bedeuten, dass eine Großstadt wie Dortmund ganze 16 Geflüchtete aufnehmen müsste. Wenn euch in 20 Jahren jemand danach befragt: Wie wollt ihr ihnen diese Zahlen und diese unterlassene Hilfeleistung erklären, ohne dass ihr den Impuls verspürt, euch selbst ins Maul boxen zu wollen?

Wieso bekommt man das nicht hin, dass nach einem gewissen Schlüssel verteilt wird? Ein Schlüssel, der auf der einen Seite die Länder versammelt, die Hilfe leisten wollen — und auf der anderen Seite diejenigen, die sich drücken und die man meiner Meinung nach mit Sanktionen zuscheißen sollte, bis sie gegebenenfalls freiwillig das Weite suchen und die EU verlassen.

Mir macht das alles schwer zu schaffen und ja, mir ist klar, dass Politik keine schlichten Lösungen entwickeln kann, bei denen hinterher jeder gut aussieht. Die Probleme sind komplex und die Interessen zu unterschiedlich. Aber egal, welches Ziel ein Staat verfolgt, wie man seine Rolle in der EU sieht oder wie begeistert man von der Idee ist, Geflüchtete aufzunehmen: Es muss in einem modernen Staatenbündnis Konsens darüber herrschen, dass man weder Hilfebedürftige im Meer absaufen lässt, noch sie in ihrer eigenen Scheiße in Camps verrotten lässt. Europäische Camps, wohlgemerkt. Das dürfen wir bei der ganzen Geschichte nicht vergessen: Wir reden nicht vom Jemen oder Syrien oder dem Kongo oder sonst einem fernen Land, bei dem Europa ganz angestrengt wegschaut. Wir reden von Griechenland und einer beliebten Ferieninsel, die nur wenige Flugstunden von Deutschland entfernt ist und wir reden von einem Camp, das sich in einem Zustand befindet, dass dagegen die Slums vor den Toren Mumbais wirken wie ein verdammter Center Parc!

Es geht mir nicht in den Kopf, wie Europa das alles zulassen kann. Wie sollen wir unsere Gesellschaft auf ein neues Level hieven mit all seinen Hürden wie die Digitalisierung und die Automatisierung, wenn wir nicht mal in der Lage sind, Menschen zu beweisen, dass ihre Würde tatsächlich unantastbar ist?

Irgendwie habe ich durch diese Gedanken auf meiner Runde durch die Nacht dann doch meine eigene Scheiße verdrängen können — zumindest für einen Moment. Aber ich könnte nicht behaupten, dass es mir damit besser ginge. Erfreulicherweise muss ich hier auf dem Blog kein Problem lösen und die Welt retten. Daher bin ich jetzt nach fast 2.000 Wörtern immer noch kein bisschen klüger — aber zumindest konnte ich mir meine Wut und meinen Unmut ein wenig aus den Fingern schütteln.

… und jetzt gehe ich dann endlich ins Bett. Denn da warten schon all meine Probleme und Sorgen auf mich und gieren danach, dass ich mich endlich wieder mit ihnen beschäftige.