Winnetou, Layla und Elke – die Kinder der Cancel Culture

Was darf man eigentlich noch in diesem Land? Lustige Sommerhits werden gecancelt von jenen links-woken Spielverderbern, die zum Lachen in den Keller gehen. Kaum hat sich hier die Lage halbwegs beruhigt, rotten sich diese ekelhaften Gutmenschen auf ihren hohen Rössern zusammen und machen Winnetou, dem tapferen Häuptling der Apachen, den Garaus.

Was bitte kann falsch sein an diesem Helden unserer Kindheit, dessen Geschichten 150 Jahre lang Groß und Klein begeisterten? Wieso können diese schlecht gelaunten, dauer-empörten, ideologiegetriebenen Möchtegern-Weltverbesserer einfach so in unsere heilen Welten reinplatzen und uns ein Stück unserer Kindheit nach dem anderen aus unseren Leben und Herzen reißen?


So, beruhigen wir uns erst einmal wieder. Bist Du gerade begeistert nickend angesichts meiner Zeilen durch die ersten beiden Absätze galoppiert wie einst Halbblut Apanatschi durch die jugoslawische Prärie? Dann habe ich eine schlechte Nachricht für Dich: Kein Wort da oben entspricht auch nur im Ansatz meiner Meinung. Vielmehr ist es eine Ansammlung von Dingen, die ich in diesen Tagen immer wieder lesen muss und die gleichermaßen unverschämt wie falsch sind.

Siehst Du das komplett anders als ich, wird Dir das Weiterlesen vermutlich keinen Spaß bereiten. Aber hey, vielleicht bleibst Du ja dennoch und versuchst mal, zumindest ein kleines bisschen meine Sicht auf die Dinge zu verstehen. Das wäre nämlich durchaus eine Leistung! Besser noch: Selbst, wenn Du danach wütend die Seite wegklickst und Dich in Deiner gegenteiligen Meinung bestärkt fühlst, wäre es ein positives Zeichen, solltest Du es wenigstens mal versucht haben.

Das passiert nämlich kaum noch. Also, das mit dem Versuchen. Wir versuchen einfach gar nicht mehr, unser Gegenüber zu verstehen. Wir haben eine Meinung und viele stolze Mitstreiter auf Facebook und Twitter, die uns beipflichten – mehr braucht es nicht. Dabei wäre es so wichtig, hin und wieder auch einfach mal ein bisschen zuzuhören.

Vielleicht würden wir dann viel mehr von der Welt verstehen und müssten nicht so oft unnötig an die Decke gehen. Oft sind die Aufreger nämlich gar nicht so aufregend, wie es vielerorts dargestellt wird. Das war vor ein paar Wochen schon bei Layla so, aber an dieser Unverschämtheit von einem Song habe ich mich im verlinkten Artikel ja bereits abgearbeitet. Apropos Song: Das hier hat deutlich mehr Potenzial, ein echter Sommerhit zu sein. Ja ja, Geschmackssache, ich weiß.

Niemand! Verbietet! Euch! Irgendwas!

Okay, die Überschrift ist übertrieben, denn manche Sachen sind einfach verboten. Wir dürfen keine Leute erschießen oder sie vor S-Bahnen schubsen, dürfen nicht ohne Gurt Auto fahren und Frauen dürfen wir nicht heimlich unter den Rock knipsen. Aber das ist nicht der Punkt. Mir geht es um diese „Nichts darf man mehr“-Heulerei. Die ist so schon peinlich genug, wird aber noch unangenehmer, wenn da faktisch einfach nichts verboten wurde.

Ehrlich gesagt habe ich diesen Text schon vor Wochen angefangen, als nämlich das Winnetou-Thema hochkochte. Mittlerweile ist ein wenig Zeit vergangen und wir haben einen weiteren „Vorfall“, der diskutiert wird. Es geht um Die Ärzte und darum, dass sie der Meinung sind, dass der Song „Elke“ nicht mehr live gespielt gehört. Diesen Fall erwähne ich deswegen, weil er eines der zwei typischen Muster der „Cancel Culture“-Rufer offenbart:

  • Entweder wird etwas vom woken Mob gecancelt
  • Oder ein Künstler cancelt sich quasi selbst, indem er vor der wütenden Menge und dem woken Zeitgeist einknickt

Der zweite Punkt betrifft zum Beispiel die Ärzte-Elke-Geschichte, die lediglich aufkam, weil Farin sich im Rahmen eines Konzertes dazu äußerte. Er sagte, als Fans forderten, dass die Band „Elke“ spielen möge:

Moment. Elke ist fatshaming, misogyn, das geht nicht mehr. Das gehört ins letzte Jahrtausend – wie wir.

Es war also nicht ein von langer Hand vorbereitetes Statement und es ist auch kein Einknicken – die Band kam einfach selbst auf den Trichter und spielt die Nummer übrigens schon seit 2011 nicht mehr. Was machen aber die Leute daraus? Es ist diese Zeitgeist-Geschichte und wieder eine Band, die vor ihm einknickt, weil man ja einfach nichts mehr darf.

Aber meistens ist es eher der andere Fall. Nämlich der, dass davon gesprochen wird, man habe den Künstlern was verboten bzw. irgendeine Kunst gecancelt. Wobei ich nochmal ausdrücklich festhalten möchte, dass Layla keine Kunst ist. Nicht mal schlechte.

Der Punkt ist, dass aus jeder Mücke ein Elefant gemacht wird. Aus „in einem kleinen Club einigen sich der Betreiber dieses Clubs und eine nahezu unbekannte Band, ein Konzert lieber nicht fortzusetzen“ wird im Endeffekt ein Verbot für Weiße, Reggae zu spielen oder Dreads zu tragen. Hat aber niemand verboten. Wir können das gerne diskutieren – und ich glaube auch, dass Kultur vom Austausch lebt, sowohl in der Musik als auch bei Frisuren –, aber wir dürfen nicht behaupten, das wäre jetzt verboten, wenn es tatsächlich nur um einen klitzekleinen Bums in der Schweiz geht, an dem eine Band an einem einzigen Abend einvernehmlich ein Konzert abbrach.

Ähnliches bei Winnetou: Ein Kinderfilm bedient sich des Namens Winnetou, hat aber mit Karl May nichts am Hut. Ravensburger sollte begleitende Bücher herausbringen und entschied sich dagegen, nachdem vereinzelte Kritik laut wurde, vor allem von einem Verband amerikanischer Indigener in Deutschland. Sehr gemäßigte und fair formulierte Kritik, die Ravensburger augenscheinlich als angebracht genug erachtete, um den Release dieser Bücher abzusagen.

Es wurde also kein Winnetou verboten, nicht mal der neue Film wurde verboten. Die Karl-May-Bücher dürfen weiterhin gelesen und gekauft werden, die Filme laufen weiterhin im TV und können ebenfalls gekauft werden und niemand wird an den Pranger gestellt dafür, dass er damals als Kind an Karneval im Winnetou-Kostüm herumrannte.

Mir macht das sehr zu schaffen, dass so viele Menschen aber genau diese falschen Punkte wieder und wieder anführen, obwohl sie allesamt nicht greifen. Es macht mir auch zu schaffen, dass es mitunter wirklich intelligente Menschen sind, deren Standpunkt lediglich der ist, dass man „die Kirche nun aber auch mal im Dorf lassen“ müsse, oder es aber auch „langsam mal gut“ sei.

Nein, Freunde – es ist nicht langsam mal gut. Gesellschaft befindet sich stets im Wandel und das ist super. Das bringt uns nämlich dazu, dass wir keine Hexen mehr verbrennen, Frauen in der Ehe nicht mehr vergewaltigt werden dürfen und Kinder im Schulunterricht nicht mehr von Lehrern geschlagen werden. Schwarze müssen in den USA nicht mehr in „ihrem“ Bereich im Bus sitzen und dürfen logischerweise jedes Restaurant betreten. Deutschland hat erfreulicherweise aufgehört, Juden zu vergasen.

Oder andere Beispiele: Die Ruhr war viele Jahre lang eine reine Chemie-Kloake, jetzt wird renaturiert und mittlerweile sind sogar Lachse zurückgekehrt. Wir haben irgendwann angefangen, Müll zu trennen. Mittlerweile versuchen wir generell, Müll zu vermeiden, weichen öfter auf Bio-Fleisch um oder verzichten ganz auf Fleischgenuss und vieles mehr. Wir drängen das Auto mehr und mehr aus den Innenstädten zurück und beginnen, wieder den Fußgängern und Radfahrern mehr Raum zu geben.

All das sind Beispiele dafür, dass die Gesellschaft, so abartig sie oft in den sozialen Medien rüberkommt, auf einem richtigen Weg ist. Und dazu gehört eben auch, dass wir zum Beispiel aufhören, rassistische Stereotype zu bedienen. Deswegen ist immer noch kein Film verboten, in denen diese Stereotype verbreitet werden, oder in denen rassistische Aussagen getroffen werden. Aber es wird Awareness geschaffen für diese sich verändernde Kunst bzw. unsere Sicht auf sich verändernde Kunst.

Der tapfere Widerstand

Was mich an der Geschichte auch so nervt: Leute verstehen nicht nur diese Nummer mit den angeblichen Verboten falsch. Sie haben auch das Gefühl, dass sie verdammte Helden sind, wenn sie erklären, dass sie jetzt „Layla volle Pulle aufgedreht haben“ und Winnetou als Profilbild nehmen und laut darüber nachdenken, jetzt ein „Zigeunerschnitzel“ oder einen „Negerkuss“ zu fressen.

Zur Seite ihr Geschwister Scholl! Schwing Deinen abgemagerten Arsch zur Seite, Gandhi! Halt’s Maul, Mutter Theresa! Hier kommen jetzt die wahren Helden. Tapfere Recken, die selbstlos in den Widerstand gehen, um das Land, den verfickten Planeten und alle Generationen nach uns zu retten, indem sie uns erzählen, dass sie ihren Kindern Winnetou vorlesen.

Was ist nur los mit den Menschen? Für so einen Scheiß wird man dann auch noch gefeiert vom gleichen Klientel. Diese Helden sprechen aus, was man „ja eigentlich gar nicht mehr sagen darf“. Fickt Euch, Ihr dürft alles sagen! Ihr meint was ganz anderes, wenn Ihr davon redet, dass man nix mehr sagen dürfe. Ihr meint, dass man nix mehr sagen dürfe, ohne dass Euch diese miesen links-woken Affen erzählen, dass Eure Sichtweise beschissen ist. Und falsch. Und Beweis für fehlende Empathie und fehlendes Reflektieren.

Ich kann mir vorstellen, was so mancher gerade denkt. Der bepisste Drees erzählt was von Empathie und „den anderen zuhören“ und dann tut er so, als habe er die Weisheit mit Löffeln gefressen und nur seine Meinung zählt. Nein, Quatsch. So ist das nicht. Bei manchen Themen bin ich unfassbar lost und denke jeden Tag in eine andere Richtung und kann einfach keine vernünftige Sichtweise entwickeln. Es geht nicht darum, wer richtig liegt. Es geht lediglich darum, die Option ganz theoretisch einzukalkulieren, dass man selbst entweder falsch liegt – oder vielleicht einfach mehrere Wege und Sichtweisen funktionieren.

Über diese Geschichte mit rassistischen Stereotypen können wir auch gerne diskutieren. Ich glaube, da ist meine Meinung ziemlich gefestigt – und dennoch lerne ich und höre mir neue Argumente an, wenn sie jemand bringt. Aber der Scheiß-kleinste Nenner muss doch sein, dass wir uns zumindest an den Fakten entlang hangeln und nicht so tun, als reiße man uns Kindheitserinnerungen direkt aus unseren fetten Herzen.

Schlechte Nachrichten: Es wird nicht besser

Jeder, der denkt, dass man nur heute genug das Maul aufmachen muss und dann ist irgendwann wieder alles gut und alles so wie früher, muss jetzt stark sein: Nein, Freunde, wird es nicht. Vielleicht wird schon morgen über Deine Band diskutiert. Über Dein Lieblingsbuch oder Deinen Lieblingsschauspieler. Wer gibt heute noch damit an, dass er Bill Cosby oder Gary Glitter heiß und innig geliebt hat? Okay, das Beispiel ist übertrieben, denn in beiden Fällen haben beide richtig Scheiße gebaut.

Aber wenn jemand wie der kanadische Premierminister Trudeau sich 2001 das Gesicht für eine „Arabian Nights“ schwarz angemalt hat und sich fast 20 Jahre dafür entschuldigt, dann nicht, weil er Scheiße gebaut hat. Damals herrschte noch nicht so ein weitreichender Konsens darüber, dass Blackfacing ein echter Dick-Move ist. Heute ist das anders, also beschließt man als normaldenkender Mensch, das einfach nicht mehr zu machen. Aber wir sehen sowas eben nicht immer vorher kommen.

Ich hab früher nicht über Beutekunst oder Kolonialisierung nachgedacht, wenn ich im Museum war. Nicht über einen Genozid, wenn ich mich als Cowboy oder Indianer verkleidet habe. Nicht über Rassismus, wenn sich jemand das Gesicht schwarz gemalt hat. Heute würde man direkt zusammenzucken. Die Meisten von uns zumindest. Die anderen würden sich wieder direkt in den Widerstand begeben, is klar.

Aber der Punkt, den ich zum Schluss machen möchte, ist folgender: Wir müssen lernen, damit umzugehen! Damit meine ich nicht nur, dass wir nicht an die Decke gehen, wenn wir Begriffe wie „Schaumkuss“ verwenden, oder uns ein „Schnitzel ungarischer Art mit Paprika“ bestellen. Ich meine auch, dass wir das akzeptieren lernen müssen, dass es diese Ambiguität gibt. Was ich meine? Dafür nehme ich nochmal das Beispiel Winnetou:

Wenn die Filme oder die Bücher Teil Deiner Kindheit waren und der Gedanke daran Dich in diese Welt zurückversetzt und nostalgisch werden lässt, dann ist daran nichts falsch. Bewahre Dir das ruhig. Winnetou-Filme bedeuten für mich auch Kindheit und Träume von unendlich weiten Ländern und Sonntage mit der Familie. Lange ausschlafen, gemeinsam frühstücken, Leckeres Mittagessen und dann lümmelt sich die Familie in der Sitzgarnitur und schaut eben Filme wie Winnetou. Sowas haben wir in den Siebzigern und Achtzigern eben getan und ich vermisse diese Zeit und erinnere sie gleichzeitig unglaublich gern.

Dennoch sitze ich jetzt hier, finde das Wiederholen romantisch verklärter Stereotype kacke und würde mir wünschen, dass wir daran arbeiten, unsere unterschwelligen Rassismen loszuwerden. Das geht also beides und das sollte exakt unser Learning sein: Das im Herzen bewahren, was war – und open minded bleiben für das, was ist … oder erst kommt. Lernt damit umzugehen, dass etwas damals Gutes Teil von Euch ist und Ihr heute dennoch anders denkt und agiert. Wäre doch auch eine Katastrophe, wenn wir älter und älter werden, ohne dass unser Geist sich weiterentwickelt, oder?

Ich muss mich entschuldigen, denn ich schreibe schon wieder viel zu lang. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich darüber schreibe, nachdem schon jeder andere darüber schrieb. Ist mir aber egal gerade. Ich hatte wenig Zeit zuletzt und viel anderes Zeug im Kopf. So passiert es dann schon mal, dass ein Artikel anfängt und erst Wochen später zu Ende geschrieben wird.

Ach ja, und alle, die jetzt stinkig auf mich sind, weil wir vielleicht nicht auf Linie sind und ich zu harsche Worte gewählt habe: Schaut Euch das einfach mal an, was „Cancel Culture“ meint und was nicht. Danke!

Und ja, ich weiß: Das Artikelbild hat wieder mal einen Scheiß mit dem Thema zu tun. Aber ich wollte jetzt partout nicht einen Winnetou nehmen, das wäre mir dann doch eine Spur zu offensichtlich gewesen.

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