Herbstversagen

Ja, es ist wieder einer von diesen Texten. Ein mäßig originelles Herbst-Herz-Wortspiel, welches einen wenig fröhlichen Artikel einleitet. Damit ist die Warnung ausgesprochen: Wer keinen Bock auf diesen nur mittelmäßig gelaunten Kerl hat, hat jetzt noch die Gelegenheit, abzuhauen.

Ihr seid noch da? Selbst schuld! Wie eigentlich jährlich, steht der Herbst auch dieses Jahr wieder pünktlich und mit langer Ankündigung vor meiner Tür und trotzdem bin ich jedes Jahr wieder aufs Neue überrascht, wenn ich ihm nichtsahnend die Tür öffne und mich durch gezielte Fausthiebe niederstrecken lasse. Da liege ich also, schon wieder. Versuche mich wieder und wieder zu berappeln, muss aber hinnehmen, dass ich nicht immer so kann, wie ich gerne möchte.

Ihr kennt meine Situation ja ein wenig, ich habe oft genug über meine finanzielle Lage gejammert. Lest ihr hier öfter mit (haha, super, Drees – als ob Du wirklich „öfter“ schreiben würdest hier), wisst ihr zudem, dass ich sehr viel Energie ziehe aus den Events, bei denen ich mit meinen Freunden zusammenkomme und Partys oder Konzerte zelebriere.

Jetzt kommt hier beides irgendwie in negativer Hinsicht zusammen: Die finanzielle Situation wird nicht besser dadurch, dass die Zeiten für uns alle so sind, wie sie nun mal sind. Gleichzeitig stehen Konzerte vor der Tür: Es soll zu The Cure gehen. Geplant sind wieder Trips nach Dublin und London, jeweils mehrere Tage mit meinen lieben Freunden. Daneben auch einige Deutschland-Konzerte.

Du gehst aber nicht auf Konzerte in Zeiten, in denen Du mit Mühe und Not über den Monat kommst. Zusätzlich noch Kohle für dramatisch angestiegene Hotelpreise auf der Insel, für Flüge, für Verpflegung und natürlich für Tickets. Keine Chance, zumindest nicht für mich. Also tue ich das, worüber ich schon mal schrieb: Ich muss Nein sagen. Nein zu meinen Freunden, nein zu The Cure, nein zu wundervollen Städten und nein zu allen möglichen tollen Erlebnissen, die sich in diesen Tagen zweifellos vielfach aneinanderreihen würden.

Wir kommen langsam in die dunkle Jahreszeit des Jahres. Die Dämonen, die ich zuletzt meistens unter Verschluss halten konnte, trauen sich langsam wieder hervor. Erinnern mich daran, dass ich vor Jahren im Oktober meine Mama verlor. Daran, dass ich einsamer bin, als es irgendjemandem gut tut. In solchen Zeiten retten mich die gesteckten Ziele und Pläne. Wenn ich weiß, dass ich in X Tagen wieder den Flieger betrete und mit einigen meiner Herzensmenschen spannenden Tagen entgegenfliege, lässt mich das die schweren Tage bis dahin besser ertragen.

Aber dieses Jahr kann ich mich nicht drauf freuen – im Gegenteil, das Absagen dieser Veranstaltungen verschlimmert meinen seelischen Zustand. Dummerweise gibt es ja dann da auch noch diese andere Band. Depeche Mode kommen in wenigen Tagen nach Berlin und wollen in einer Pressekonferenz ihre kommenden Pläne verraten. Uns Fans ist klar: Es wird ein Album angekündigt nebst Tour.

Jetzt bin ich auf der einen Seite sehr aufgeregt und hibbelig und in den letzten Tagen musikalisch wieder sehr auf Depeche gepolt. Auf der anderen Seite denke ich mir aber auch: Die kommen jetzt vielleicht zum letzten Mal im Leben auf Welttournee und ich werde nicht in der Lage sein, Konzerte in dem Maße zu besuchen, wie ich es gerne würde.

Ja, ich weiß, für viele von euch ist es behämmert, wenn man eine Band auf einer Tour zehn Mal oder öfter sieht. Interessiert mich aber nicht. Es ist Lebensqualität, Quality Time. Ich huldige dieser Band nun seit 40 (!) Jahren und längst weiß ich, dass die Musik bis zu meinem Lebensende eine große Rolle spielen wird. Soll ich jetzt ausgerechnet die möglicherweise letzte Tour der Jungs verpassen? Das hätte einen Impact auf viel mehr als nur als auf ein paar Konzertabende. Für mich würde es sich so anfühlen, als geht da eine Geschichte einfach ohne mich zu Ende. Ein Kreis schließt sich nach vielen Jahren – und ich bin außen vor.

Wenn dann meine Buddies künftig zusammensitzen und über die coolen, spannenden, emotionalen und lustigen Momente der letzten Tour sprechen, werde ich nicht mitreden können. Das beschäftigt mich derzeit und ich fürchte, dass es mir das Herz brechen könnte in einem Maß, wie es eine Frau vermutlich nicht mehr könnte in meinem Leben.

Ach verdammt, eigentlich wollte ich ja nicht so viel jammern. Aber egal: Es ist so, wie es ist. Ich habe Angst davor, dass die Dienstag die Konzertorte verkünden und dass der VVK schon bald losgeht und wir für FOS-Tickets 130 Euro oder mehr blechen müssen. Vermutlich denkt ihr sowas wie: „Meine Fresse, dann geh eben auf zwei statt zehn Konzerte“. Aber wie gesagt: Es geht ja nicht nur um ein zweistündiges Konzert, eingebunden in einen schönen Tag oder ein feines Wochenende. Wenn Depeche Mode irgendwas Neues herausbringen, ist mein ganzes Internet randvoll mit Depeche-Content. Weil meine Bubble nun mal so aufgebaut ist.

Jedes Konzertfoto, jede geteilte Erinnerung, jedes gepostete Musikvideo wird jahrelang noch mein Leben begleiten. Der Schmerz, mit Blick auf meinen Facebook-Feed etwas sehr Wichtiges verpasst zu haben, würde deutlich länger dauern, als Facebook vermutlich überhaupt existiert. Ich will das aber jetzt auch nicht zu hoch hängen. Hier und da werde ich sicher dabei sein, es wird vielleicht kurzfristig noch Möglichkeiten geben und hey – vielleicht kommen die Halunken dann in vier, fünf Jahren tatsächlich einfach nochmal.

So oder so wird die Welt nicht untergehen. Das tut sie irgendwie nie, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Das weiß ich und auch in Momenten wie diesen versuche ich mich daran zu erinnern. Dummerweise ist das mit dem Erinnern oft echt schwierig. Je schlechter der Zustand meiner Psyche ist, desto schlechter ist es auch um mein Gedächtnis bestellt.

In solchen Situationen vergisst man dann manchmal, dass man wundervolle Menschen in seinem Leben hat. Man vergisst mit dem Blick in den leeren Kühlschrank, dass bald ein neuer Monat anfängt und auch der Kühlschrank dann wieder bessere Zeiten erlebt. Man vergisst, dass wieder Tage kommen werden, an denen man Bauchschmerzen vor Lachen hat.

Vielleicht schreib ich das auch deswegen hier auf. Nicht für euch, damit ihr wieder mal meine angeschlagene Situation ertragen müsst – sondern für mich, damit ich es an genau solchen Tagen nochmal nachlesen kann und mich dann die Gewissheit trifft, dass die Zeiten auch wieder besser werden. Und auch, um mich zu erinnern, dass es anderen Menschen deutlich schlechter geht als mir. Wenige Zeilen zuvor jammere ich über einen Kühlschrank, der wenige Tage im Monat wenig prächtig aussieht.

Aber man vergisst, dass es so vielen Menschen deutlich schlechter geht. Menschen, die wirkliche Armut kennen und mit leerem Magen ins Bett müssen, während ich trotz angeschlagenem Konto das letzte Jahrzehnt dazu genutzt habe, 30 Kilo schwerer zu werden. Das Gewicht, auch noch so ein Thema. Aber eines, über das ich ein anderes Mal schreibe.

Irgendwie hat dieser Text hier ja eh keine wirkliche Stoßrichtung. Aber manchmal muss man ein paar Dinge aufschreiben. Nicht, weil ich das Gefühl habe, dass dieser Text irgendwen auch nur ein bisschen weiterbringt im Leben – sondern weil das meine Art der Therapie ist. Mein Weg, um diese Gedanken loszuwerden, zumindest temporär. Ich schlage mich mit Problemen rum, die tatsächlich da sind und mit Problemen, die es nur in meinem Kopf gibt. Ich könnte pauschal nicht beantworten, welche Art von Problem ich am meisten hasse. Aber das finde ich noch raus. Und dann lasse ich es euch wissen.

Und zum Schluss: Danke fürs Lesen. Ich weiß, dass ich den Menschen in meinem Umfeld manchmal viel abverlange. Daher ist es nicht selbstverständlich, dass ihr euch so einen Text wie diesen freiwillig gebt und ihn auch bis zum Ende lest.

Ich glaub, ich lege noch einen depechigen Artikel direkt nach. Der wird vermutlich positiver als dieser hier (Kunststück!). Wer den dann auch noch liest, wird feststellen, wie der fade, unangenehme Beigeschmack, für den dieser Text hier vielleicht gesorgt hat, langsam verschwindet. Also breche ich das hier einfach ab – und stürze mich in meinen Depeche-Artikel 🙂

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