Nein sagen

Manche Dinge muss man erst lange mühevoll lernen, bevor man sie einigermaßen beherrscht. So musste ich zum Beispiel erst lernen, meine Worte und/oder Taten zu reflektieren. Und wenn man erkennt, dass man daneben lag, muss man das kommunizieren. Auch das musste ich lernen. Klappt mal besser und mal weniger. Was besonders schwierig zu lernen ist? „Nein“ sagen!

  • „Nein, auf dieses Festival gehe ich dieses Jahr nicht“
  • „Nein, kein Wochenende in der Schweiz für mich“
  • „Bali? Danke für die Einladung, aber nein, ich schaff es dieses Jahr nicht“
  • „Nein, ich trinke heute nichts“
  • „Nein, ich denke nicht, dass wir uns treffen sollten“
  • „Nein, kein Gyrosteller für mich“

Es gibt jede Menge Gründe, um so ein „Nein“ anzuwenden. Oft genug gibt es aber auch genügend Gründe, das „Nein“ zu ignorieren. Weil doch alle Freunde auf dem Konzert sind … weil man so in Partystimmung ist … weil man eigentlich wirklich Lust hat, diese Person zu treffen usw.

Meistens sagt mir mein Herz, was ich tun soll. Meistens auch im Verbund mit meinem Kopf. Relativ häufig stimmt die Stoßrichtung, wenn ich auf die beiden höre. Manchmal sind sich die beiden aber auch nicht einig. Dann ermuntert mich mein Herz, auf die Party zu gehen, während mir mein Kopf sagt, dass zuhause bleiben eine super Sache wäre. Weil man dann Geld sparen könnte. Und weil man einen Kater vermeidet und deutlich mehr Erinnerungen an den letzten Abend hätte.

Manchmal will ich mir selbst eine dafür reinboxen, dass ich so bin, wie ich bin. Wieso nicht einfach doch diese Frau treffen? Sie ist doch nett und es ist doch nicht schlimm, wenn ich weiß, dass ich mich niemals in sie verlieben werde, oder? Aber ich bleibe zuhause und sehe dabei zu, wie langsam der Kontakt einschläft. Darin habe ich mittlerweile ja auch Erfahrung. Bin quasi Profi im „Nein“ sagen. Und im Frauengeschichten-an-die-Wand-setzen bin ich sogar noch besser.

Ich glaube manchmal, dass ich die Menge Verliebtsein pro Person einfach aufgebraucht habe. Zwei Beziehungen, in denen ich insgesamt 15 Jahre lang sehr verliebt war. Tausende wunderbare Tage und eine Million Schmetterlinge im Bauch. Das ist doch echt ganz okay für so ein Leben wie meins, oder? Immerhin gibt es Menschen, die hatten nie das Glück, wirklich verliebt zu sein.

Also sage ich lieber wieder „Nein“ und treffe sie nicht. Bloß nicht riskieren, dass die andere Person dann mehr empfindet und ich erklären muss, dass „verliebt“ gerade nicht mehr auf Lager ist. „Verliebtsein has left the building“ … oder so.

Lasst uns das Thema wechseln. Anlässe für ein zünftiges „Nein“ gibt es ja schließlich auch genug. Das „Nein“, wenn ich wieder einmal ein Konzert mit meinen lieben Freunden absagen muss, ist vielleicht das schlimmste von allen. Weil es mir das Herz bricht, wenn ich wieder mal aus Kostengründen mit dem Arsch zuhause bleibe.

Aber über die letzten Jahre habe ich dieses „Nein“ eifrig trainiert. Früher hab ich immer alles mitgenommen, ohne Rücksicht auf Verluste. Aber wenn ich jemals mein Leben wieder wirklich unter Kontrolle bekommen möchte, muss ich halt auch abwägen lernen. Einfach mal zwei Konzerte sausen lassen, damit das dritte dann für mich funktioniert. Ist kacke, aber ich habe gelernt, dass ich trotzdem überlebe.

Tut trotzdem weh. Weil man seine Leute viel seltener sieht, als man möchte. Weil man ohnmächtig dabei zusieht, wie man sich mitunter sogar entfremdet. Ist ja auch logisch. Wieso sollten sich Menschen lange bei einem melden, der sowieso fast nie dabei ist?

Ein anderes „Nein“ will aktuell einfach nicht funktionieren: Das „Nein“ zur Currywurst-Pommes bei Wurst-Willi oder das „Nein“ zur Pizza. Arbeit und mein Kopf haben mich so sehr in Beschlag, dass es mir abends schwerfällt, noch meine üblichen 13.000 Schritte zu schaffen. Aktuell bin ich schon froh, wenn es die Hälfte ist. Als Folge wird man schwerer, bewegt sich noch schlechter, so dass es noch schwieriger wird, sich zu überwinden.

Ich erzähle Euch hier nix Neues über mich. Der Struggle ist real, aber nicht neu. Dadurch, dass es immer mehrere Baustellen gleichzeitig sind, die mich beschäftigen, kann ich mich nicht um eine kümmern, ohne gegen die nächste zu stoßen. Fehlt mir Kohle, ernähre ich mich beschissener. So ist das eben, wenn drei Tiefkühlpizzen weniger kosten als drei Paprika. Fehlt mir Kohle, gehe ich auch nicht mit Freunden auf Konzerte. Ernähre ich mich beschissener und sehe meine Leute nicht, geht es mir mental beschissener. Geht es mir mental beschissen, mache ich mir noch mehr Gedanken, dass mich die Leute anstarren. Habe ich das Gefühl, dass mich Leute anstarren, sitze ich lieber auf der Couch, statt in der Öffentlichkeit Schritte zu machen. Sitze ich auf der Couch, vereinsame ich noch mehr und lerne weiter keine Menschen kennen. Sitze ich auf der Couch und fühle mich einsam, fresse ich auch mehr.

Das ist alles über viele Jahre zusammengewachsen und hat aus mir einen Menschen gemacht, der ich eigentlich doch gar nicht bin und ganz sicher auch nie sein wollte. Natürlich ist nicht alles Schwarz in meiner Welt. Zuletzt hatte ich wundervolle Wochenenden in Berlin, in Erfurt, in Rodgau. Ich kenne großartige Menschen, von denen viele sogar hier mitlesen. Manche davon schreiben mir, dass es ihnen hilft, wenn ich hier erzähle, wie ich mich fühle. Weil man dann plötzlich nicht mehr so allein mit seinem Scheiß ist. Aber das ist ja umgekehrt auch so. Bekomme ich nämlich liebes Feedback, erinnere ich mich auch wieder daran, dass es ganz vielen Leuten so geht wie mir manches mal. Daraus kann ich Kraft und Motivation ziehen. Zumindest manchmal.

Eigentlich würde ich jetzt gerne noch ein paar super Beispiele für „Neins“ in meinem Leben bringen, aber ich lass es bleiben. Es ist gleich 1 Uhr morgens und ich muss langsam echt mal „Nein“ sagen zu diesen 2-Uhr-morgens-Postings. Wer weiß, vielleicht veröffentliche ich das nächste dann ja sogar schon um Mitternacht.

Ich mach mir mal Gedanken, ob ich nächstes Wochenende auch „Nein“ zu Köln sage. Ship of Rebels am Freitag, Drangsal und Amphi am Samstag. Irgendwie ist das zu viel für mich aus verschiedenen Gründen. Also skippe ich das vielleicht, damit dann der August umso besser wird. Ob’s klappt? Keine Ahnung, aber ich halte Euch auf dem Laufenden. Und hey: Der nächste Beitrag hier wird ein Gute-Laune-Posting, versprochen!

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