13 Jahre

Immer öfter staune ich, wie die Zeit rast. Das verrückte Pandemie-Jahr 2020 geht bereits in etwas mehr als zwei Monaten zu Ende, es ist schon dreieinhalb Jahre her, dass Depeche Mode zuletzt ein Album (Spirit) veröffentlichten, seit mittlerweile neun Jahren bin ich Single und es ist heute auf den Tag genau 13 Jahre her, dass meine Mama im Dortmunder Knappschaftskrankenhaus für immer eingeschlafen ist. Von diesen letzten Tagen berichtete ich ja bereits vor drei Jahren hier auf dem Blog.

Echt jetzt? 13 Jahre schon? Unfassbar. Wie kann das schon so lange her sein und immer noch so wehtun und immer noch so einen Impact auf mich haben? Mittlerweile gehe ich selbst stark auf die 50 zu und bin damit gar nicht mehr so viel jünger, als es meine Mama zum Zeitpunkt ihres Todes war. Logisch, dass man da noch mehr ins Grübeln kommt als sowieso schon.

Wenn in meinem Leben etwas Besonderes passiert ist, dann war es noch Jahre nach ihrem Tod so ein merkwürdiger Reflex, zum Telefon greifen zu wollen. Sie war für sowas immer meine erste Anlaufstelle — bis heute habe ich keinen Menschen getroffen, der sich so aufrichtig für einen anderen freuen konnte, wenn diesem was Tolles widerfuhr. Deshalb hab ich sie in solchen Fällen immer gerne angerufen. Oder, wenn was weniger Schönes passiert ist — oder auch einfach nur so. Und dieser Impuls war noch sehr lange da, nachdem sie gestorben war. Langsam verschwindet das aber glücklicherweise.

Und jetzt? Ein ganz irres und nicht nur für mich furchtbares Jahr 2020 geht langsam aber sicher dem Ende entgegen und ich würde nicht nur darüber gerne mit ihr reden wollen, was gerade so los ist in der Welt. Natürlich gäbe es so unendlich viel mehr zu reden. Dinge, die man ihr zu Lebzeiten nicht, nicht eindringlich genug oder nicht oft genug gesagt hat. Dass ich sie liebe, zum Beispiel. Wir waren irgendwie nie so eine Schmusi-Busi-Familie, die sehr kuschelig miteinander umgeht, oder die sich Liebesbekundungen zuruft.

Ich hab mir das alles erst angewöhnt, nachdem ich zuhause ausgezogen war erstmals. Die Küsschen auf die Wange, die Umarmungen — und auch mal zu sagen: „Ich hab Dich lieb“. Dass ich sie liebe, habe ich ihr aber nie gesagt. Nie bis zu jener Zeit, in der sie dem Tode geweiht war. Auf was habe ich gewartet? Ich werfe mir das noch heute vor. Oder dass ich ihr immer gesagt habe, dass wir uns unbedingt nochmal zusammen was von der Welt anschauen müssen, sobald es ihr wieder besser geht. Ich glaub, ich schrieb das hier schon mal irgendwo und ja, es fühlt sich auch heute noch so an, als hätte ich sie damals angelogen, weil es dazu nie mehr gekommen ist.

Würde ich heute mit ihr reden können, würde ich ihr davon berichten können, dass ich in diesen dreizehn Jahren hunderte Konzerte gesehen habe und sie würde wieder mal feststellen, dass sie all diese Bands nicht kennt (oder mag), die ich ihr aufzähle. Ich würde ihr erzählen können, dass ich in dieser Zeit meinen absoluten Traumjob gefunden habe. Einen, der mich nicht nur erfüllt, sondern mir auch Erlebnisse beschert hat, von denen ich nie geglaubt habe, dass ich so etwas mal erleben würde. Ich hab verrückte Parties besucht, echt schräge Ecken der Welt gesehen und so viele wundervolle Orte und Menschen kennengelernt.

Aber heute müsste ich ihr auch sehr viele unschöne Dinge sagen, um sie auf den aktuellen Stand zu bringen. Sie weiß nichts davon, dass ich unter Depressionen leide und es würde ihr das Herz brechen zu wissen, dass sie mit ihrem Tod so schlimm wurden, dass sie mich seitdem — mal mehr, mal weniger — fest umklammert halten. Sie hat nicht mehr erlebt, dass ich die Liebe meines Lebens verloren habe und mich in der Folge zu einem Menschen entwickelt habe, der davon überzeugt ist, nie wieder eine Beziehung führen zu können.

Sie weiß nichts von meiner Einsamkeit oder davon, dass ich nur mit Mühe meinen Tag strukturiert bekomme. Sie hat nicht dabei zusehen müssen, wie ich fast 40 Kilo in diesen Jahren zunahm. Sie weiß auch nichts davon, dass ich pleite bin — oder dass ich gerade meinen Job verloren habe und hier jetzt desillusioniert in eine mehr als unsichere Zukunft blicke (und ja: „unsicher“ ist die mit Abstand positivste Vokabel, die mir dazu einfiel).

Ich vermisse sie unendlich und gerade Tage wie der heute sind beinahe unerträglich. Auf eine vermutlich eher schräge Art bin ich aber auch heilfroh, dass sie all das nicht mehr mitbekommt. Nicht mehr mitbekommt, was in der Welt los ist und wie die Menschen miteinander umgehen, aber vor allem nicht mehr mitbekommt, was aus mir geworden ist und in welche nahezu hoffnungslose Situation ich mich manövriert habe.

Seit 20 Minuten sitze ich jetzt hier, ohne dass mir noch ein weiteres Wort eingefallen wäre oder gar ein ganzer sinnvoller Satz. Ich wollte mit irgendwas Positivem aus diesem so unschönen Text rausgehen. Irgendwas, was vielleicht beschreibt, wieso ich so dankbar bin, sie in meinem Leben gehabt zu haben als sicheren Anker für alles, was menschliche Werte angeht, die wir heute so oft vermissen. Vielleicht irgendeine lustige Anekdote, ein Zitat oder irgendwas anderes Positives, das euch eine Idee davon liefern könnte, was sie für eine wundervolle Person war. Aber sorry, heute bekomme ich die Kurve einfach nicht mehr. Vielleicht kann ich euch ein anderes mal mehr von dieser Person erzählen, die nie viele Besitztümer hatte, aber so reich war an Wärme, Herzlichkeit und Aufrichtigkeit. Die so gern gelacht hat, obwohl sie in ihrem Leben oft nicht viel zu lachen hatte. Ganz sicher werde ich euch mal davon erzählen, aber nicht heute. Stattdessen beende ich meine düsteren Gedanken mit einem Lied, das sie so gerne gehört hat.