„Gegen Chelsea verlieren wir sowieso“

„Gegen Chelsea verlieren wir sowieso“, sagte ich zu meiner Mama. Sie war ein wenig verwundert, dass ich sie so spät noch besuchen kam. Es war Mittwochabend und sie war heute Nachmittag freiwillig ins Krankenhaus gegangen. Es ging ihr besser, hatte sie mir morgens noch erzählt. Die Chemo machte ihr schon ziemlich zu schaffen, aber sie wirkte irgendwie wirklich ein wenig besser, als ich sie morgens sah.


Rückblickend war dieser Morgen ein schicksalhafter. Ich arbeitete damals noch bei DHL in Unna und an diesem Tag hatte ich besonders wenig Bock, was zu tun. Wir hatten in den letzten Tagen nicht sonderlich viel Arbeit, was dazu führte, dass die Zeit noch zäher verging. Als meine Chefin um kurz nach acht Uhr morgens anfragte, ob ich nicht abhauen und ein paar Stunden abfeiern möchte, hab ich also direkt begeistert zugestimmt.

Von der Firma fuhr zwei oder drei mal pro Stunde ein Bus bis zu dem S-Bahnhof, von dem aus ich dann nach Dortmund gurken konnte. Der Bus fuhr mir quasi vor der Nase weg und so hatte ich die Wahl: Zum S-Bahnhof latschen oder auf den nächsten Bus warten. Zu Fuß brauchte man auch mehr als 20 Minuten, aber ich marschierte dennoch los – besser als dämlich 20 Minuten in der Gegend rumstehen.

Ich hatte Musik auf den Ohren und stiefelte an diesem milden Herbsttag los Richtung Bahnhof. Unterwegs überkam mich das schlechte Gewissen: Du hast jetzt quasi den ganzen Tag frei, bist in der Heimatstadt Deiner Eltern und schaust nicht mal kurz vorbei? Also Planänderung: Ich ging noch ein bisschen weiter, meine Eltern wohnten noch einmal knapp 15 Minuten von diesem S-Bahnhof entfernt. Falls es sowas wie eine Fügung des Schicksals gibt, dann war es mir nachträglich betrachtet wohl nie so bewusst wie an diesem Morgen, an dem ich schon so gut wie auf dem Heimweg war und diese Eingebung hatte, doch lieber bei der Familie vorbeizumarschieren.

Dort angekommen erwartete mich ein merkwürdiges Bild: Die ganze Familie saß im Wohnzimmer und frühstückte. Mein Bruder Thorsten, mein Dad – und Mama. Das war insofern ungewöhnlich, als ich a) nicht sehr oft zum Frühstück bei den dreien war und b) es darüber hinaus auch nicht oft vorkam, dass alle zusammen saßen, selbst wenn mal alle im Haus waren.

Ich setzte mich dazu und so passierte es das erste mal seit einigen Jahren, dass die ganze Familie im Wohnzimmer zum Frühstück versammelt war. Meine Mama lag auf der Couch, hatte die Beine hochgelegt und erklärte mir dennoch, dass es ihr ein wenig besser ging und sie die aktuelle Chemo besser wegstecken würde als die letzte. Hin und wieder lächelte sie sogar – ich hab es immer so geliebt, wenn sie lächelt. Sie war so ein herzlicher und gutmütiger Mensch, an ihr war nichts falsches.

Sie sagte mir, ich könne mir Peperoni aus dem Kühlschrank holen und mit nach Hause nehmen, wenn ich mag. Die züchtete mein Vater in unserem Garten und ich sackte mir begeistert ein paar ein. Einige Tage später wurde mir klar, dass es das letzte war, was mir Mama geschenkt hat – das dürfte der Grund sein, wieso ich zwei davon bis heute aufgehoben habe.

Sie erzählte mir, dass sie von heute auf morgen oder übermorgen ins Krankenhaus gehen wolle – freiwillig. Das war jetzt auch schon wieder ungewöhnlich, weil sie es doch so hasste, dort zu sein. Sie war dort viel zu viel alleine und mehr als der körperliche Schmerz tat es ihr weh, dass sie von der Familie getrennt war für diese Zeit. Ich hab stets versucht, sie im Krankenhaus zu besuchen und ihr ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben. Erstaunlicherweise führten wir da einige der tollsten Gespräche, die wir in den letzten Jahren miteinander hatten.

Die Chemo war jedenfalls erst einmal wieder abgeschlossen und zum ersten mal erklärte meine Mama, dass sie freiwillig hingehen würde, um sich „ein bisschen aufpäppeln“ zu lassen, wie sie sagte. Wie furchtbar naiv man sein kann in seinem Glauben, dass es ein Zeichen dafür war, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befände.

Wir quatschten noch eine Weile und wir verabredeten, dass ich sie nicht mehr am heutigen Mittwoch besuchen käme, aber dann am Donnerstag. Relativ gut gelaunt machte ich mich dann am Vormittag auf den Weg nach Dortmund, später würde mein Dad meine Mama ebenfalls nach Dortmund ins Krankenhaus bringen.

Abends stand Champions League an. Meine Blauen spielten an dem Tag beim FC Chelsea. Eine dieser bärenstarken Mannschaften, bei denen man weiß, dass es schwer bis unmöglich ist, gerade auswärts was zu holen. Ich glaube, es waren auch noch nicht einmal fünf Minuten gespielt, als uns Drogba einen einschenkte.

Kurz danach klingelte dann das Telefon – mein Bruder. Er klang ganz furchtbar und verheult. Er musste sich sichtlich erst ein wenig beruhigen, bis ich mich wirklich mit ihm unterhalten konnte. Er sagte, dass es Mama sehr schlecht gehen würde. „Was ’ne Überraschung“ würde man normalerweise denken, wenn die krebskranke Mutter im Krankenhaus liegt, aber man hörte ihm an, dass es nochmal deutlich schlimmer um sie stehen musste. Und dann sagte er diesen Satz, den ich heute noch so oft im Kopf habe und den ich nie wieder vergessen werde – auch, wenn ich damals auf Anhieb erst mal nicht kapiert habe, was los war:

Sie haben Mama ein Zimmer fertig gemacht.

Wie, fertig gemacht? Die ist doch schon seit nachmittags im Krankenhaus… Der Groschen fiel sehr, sehr langsam bei mir, bis ich raffte, was Thorsten mir sagen wollte. Sie haben sie von der normalen Station auf ein Einzelzimmer verlegt – ein Sterbezimmer. Über die Jahre ihrer Krankheit gab es hier und da mal Momente, wo mein Bruder oder mein Vater so verzweifelt klangen und sie überzeugt davon waren, dass sie gegen die Krankheit verloren hat.

Irgendwie war ich immer so unendlich sicher, dass dem nicht so ist und ich sollte ja auch immer Recht behalten damit. Mama und ich hatten schließlich Pläne – ich hab ihr so viele Dinge versprochen, die wir noch sehen und tun würden gemeinsam. Aber als ich meinen Bruder an diesem Abend hörte, war mir direkt klar: Das war es diesmal wirklich! Kennt ihr das, wenn man von der einen Sekunde auf die nächste einen Heulkrampf bekommt?

Es war, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Mein Blick ging nach dem Telefonat aus Gewohnheit Richtung Fernseher, aber wegen der Tränen konnte man eh nichts mehr dort erkennen – und irgendwie schaute ich eh nur durch den Fernseher hindurch. Ich brauchte ein paar Minuten, um mich wenigstens ein bisschen zu sammeln.

Ein paar Minuten später saß ich in der Straßenbahn und fuhr zum Krankenhaus. Ein Gefühl, als fährt man gerade zur eigenen Hinrichtung. Mein Dad und mein Bruder waren dort und auch ein Onkel und eine Tante. Die beiden waren aus der Verwandtschaft, die über die Jahre immer mit den engsten Kontakt zu uns hielten, vor allem zu Mama.

Getroffen hatten wir uns in einem Aufenthaltsraum auf der Station und mussten jetzt unseren Schlachtplan entwerfen. Ich fragte direkt als erstes, wie ich da jetzt bitte schön reingehen soll, ohne zu heulen? Mein Dad meinte, dass sie gar nicht wüsste, wie schlecht es um sie steht, aber der Arzt hatte es ihm erklärt: Ihre Nieren hatten bereits versagt und ab da würden wie bei einer Kettenreaktion jetzt Organ für Organ ausfallen.

Es gab ein Zeitfenster, allerdings kein sehr präzises: „Es kann schon heute Nacht vorbei sein, kann aber auch noch über eine Woche dauern.“ Fuck – sie weiß es nicht und wir marschieren gleich da rein und sollen ihr den fröhlichen Krankenbesuch vorspielen? Mein Papa sagte, dass wir da drin jetzt stark sein müssten und bloß nicht anfangen sollen zu weinen – weil sie dann ja wüsste, dass ihre Situation so furchtbar ist.

Also gingen wir rein: Meine Mama machte große Augen, wie wir da alle reinmarschierten und sie anstrahlten. Jeder erzählte seine Räuberpistole, wieso er entgegen der Absprache jetzt doch im Krankenhaus war. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was mein Dad erzählt hat. Mein Bruder wäre einfach „nur so“ mitgekommen, Onkel und Tante waren „zufällig gerade in der Ecke“ – und ich sagte ihr:

Gegen Chelsea verlieren wir sowieso

Ich erwähnte eingangs schon mal meine Naivität, oder? Die Frage danach kann ich mir jetzt nochmal stellen: Wie kann man so naiv sein zu glauben, dass sie uns nicht durchschaut hat? Oder wie konnte ich so naiv sein zu glauben, dass sie nicht sowieso wusste, wie es um sie bestellt war? Aber in diesem Moment saßen wir eben alle da um sie herum, erzählten irgendwelche Geschichten und ja: Wir lachten sogar recht viel.

Es klingt so falsch und so verrückt, aber es war eine unwirklich entspannte Stimmung. Jeder sprach so, als würde diese Runde in genau dieser Besetzung auch die nächsten 20 Jahre immer und immer wieder aufeinander treffen. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange wir dort saßen, bis wir uns verabschiedeten. Aber ich weiß, dass ich sie anlächelte, bevor ich sie umarmte, ihr ein Küsschen gab und ihr sagte, dass ich sie liebe.

Nach dem Rausgehen brachen direkt wieder die Tränen aus mir heraus. Diese Angst, dass ich vielleicht nie wieder mit ihr sprechen könne, das Gefühl, sie vielleicht bei der letzten Gelegenheit angelogen zu haben. Sie sah zu dem Zeitpunkt auch wirklich schlimm aus – das Nierenversagen führte dazu, dass sie eine unnatürlich gelbe Haut bekommen hat. Auch eines dieser Bilder, welches nie wieder vor meinem inneren Auge verschwinden wird.

Wir sprachen noch ein paar Minuten draußen vor dem Krankenhaus und dann ging jeder seines Weges. Auch das war wieder katastrophal – mit dieser furchtbaren Gewissheit alleine in der eigenen Bude zu sitzen. Ich wollte meine damalige Freundin nicht informieren – sie hatte wichtige Prüfungen an der Uni und es half niemandem, wenn ich ihr durch eine solche Nachricht die Prüfung ruinierte. Sie ist meiner Mama gar nicht so unähnlich von ihrer offenen, herzlichen und entwaffnend positiven Art. Ich konnte ihr das also nicht antun und so saß ich da die Nacht im Dunklen auf meiner Couch und heulte.

Lange schlief ich dann auch nicht – damals ging das wohl los mit der Schlaflosigkeit – und ich machte mich am Donnerstag morgen auf den Weg zur Arbeit. Ich stand komplett neben mir und bekam nichts auf die Reihe. Meine Chefin rief mich ins Büro – Telefon für mich. Mein Bruder war wieder dran und sagte mir, dass er bei ihr wäre und sie jetzt nicht mehr sprechen könne.

Wieder so ein Moment, in dem einen die Knie weich werden und es schwarz vor Augen wird. Meine Chefin schaltete schnell und organisierte mir eine Kollegin, die mich direkt nach Dortmund ins Krankenhaus fahren sollte. Wir hatten eine merkwürdige Beziehung und große Fans vom jeweils anderen waren wir wohl nicht, aber das rechne ich ihr bis heute hoch an, dass sie da so flott reagiert hat. Ich hätte sonst vermutlich noch Stunden heulend in einer Ecke gesessen.

Die Zeit im Krankenhaus erinnere ich irgendwie nur noch wie durch einen Nebel. Nur so hin und wieder sehe ich eine Erinnerung klar und deutlich vor mir: Meine Mama, die mich mit großen Augen ansieht und mir einfach nichts mehr sagen kann. Mein (anderer) Onkel, der vorm Bett steht und meine Mama auffordert, dass sie doch bitte was sagen möge und wieder aufstehen soll. Ich weiß noch, dass ich ihm dafür damals am liebsten eine scheuern wollte. Erst später realisiert man dann irgendwie, dass wir alle nur versuchen, mit einer so furchtbaren Situation umzugehen und sich da jeder auf seine Weise ungeschickt anstellt.

Stunde um Stunde saßen wir bei ihr. Irgendwann fuhr ich wieder nach Hause – zwei, drei Stunden schlafen – dann wieder zurück. Ich hielt ihre Hand, als mein Bruder plötzlich hektisch fragte, ob sie nicht mehr atmen würde. In den letzten Stunden war die Atmung immer langsamer und flacher geworden. Mein Dad sagte zunächst auch, dass sich mein Bruder vertun würde, weil die Zeit zwischen jedem Atemzug mittlerweile so lang wäre.

Aber Thorsten sollte Recht behalten. Heute vor exakt zehn Jahren hörte Mama auf zu atmen. Ich hasse diese Erinnerung an diesen Tag so unsagbar und würde sie am liebsten aus mir heraus reißen, wenn ich nur könnte. An diesem Freitagmorgen ging für mich eine Welt unter und das Wetter machte auf mich den Eindruck, als wäre es auch tatsächlich der Weltuntergang. Der Gedanke, dass sogar der Himmel um meine Mama weint, verfolgt mich seit jenem Tag.

Ich habe seitdem dieses Krankenhaus nie wieder betreten. So viele schlimme Bilder trage ich in mir, sehe immer noch meine Mama so friedlich vor uns liegen, mit einer Blume in den gefalteten Händen. Wieder eines dieser Bilder, welches nie mehr weggeht: Sie haben ihr tatsächlich eine Plastikblume in die toten Hände gedrückt.

Mein Vater hat den Arzt noch übel angegangen und ihm Vorwürfe gemacht, dass er (oder sie? ich weiß es tatsächlich nicht mehr) Mama hat sterben lassen. In diesem Moment bekamen wir erklärt, wie schlecht es die ganze Zeit um sie bestellt war und sie entschieden hat, dass sie das einfach nicht mehr möchte. Sie hätte eine noch deutlich stärkere Chemo bekommen sollen, um eine theoretische Überlebenschance zu wahren.

Es ist so absurd, wenn ich heute darüber nachdenke: Wir fragten uns, wie wir uns an unserem letzten gemeinsamen Abend am unauffälligsten anstellen und sie wusste die ganze Zeit, dass wir ihr da Theater vorspielen. Sie wusste genau, dass wir uns nie wiedersehen würden und das bedeutet, dass sie noch so viel stärker war als wir anderen alle zusammen. Sie hat das so durchgezogen und mit dieser Gewissheit um ihren Tod trotzdem über so banale Dinge wie die Champions League mit uns gequatscht an ihrem letzten Abend.

Ich weiß nicht, wie viele Wochen sie es wohl wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben haben würde. Aber dieser Wunsch in ihr, jederzeit immer alles Schlechte von der Familie fernzuhalten, war so ausgeprägt, dass sie es uns nicht sagte und sie uns bis zuletzt lächelnd erklärte, dass alles wieder gut würde.

Zehn Jahre ist das jetzt her und es wurde nie wieder alles gut. Ich kann es eigentlich gar nicht begreifen, dass das alles so lange schon her sein soll. Auch der Schmerz in meiner Brust fühlt sich eher so an, als wäre es gerade erst geschehen. Sie ist so schrecklich oft in meinen Gedanken und oft fühlt sich das sehr gut an – weil sie so ein besonderer Mensch war und ich wirklich schöne Erinnerungen an sie habe. Aber jetzt gerade in dieser Sekunde zerreißt es mich.

Ich hab keinen Schimmer, ob es vielleicht die dümmste Idee meines Lebens war, das jetzt hier aufzuschreiben und öffentlich zu machen. Und vielleicht lösche ich es auch morgen wieder oder stelle es auf privat. So manches mal hat man mir schon gesagt, dass ich zu private Dinge von mir preisgebe, aber ich glaube, das ist wohl meine Art, mit Dingen fertig zu werden.

Während des Schreibens hier habe ich schon darüber nachgedacht, wie ich irgendwas Positives, Versöhnliches zum Ende erzählen könnte. Aber es geht nicht – nicht jetzt zumindest. Ich hab Angst vor dieser Zeit, in der wir alle auf Weihnachten zurasen und ich hab auch Angst davor, dass ich viel zu viel rumjammere. Immerhin haben wir aber jetzt schon drei Uhr morgens – was bedeutet, dass dieser grässliche Tag jetzt nur noch 21 Stunden geht.