60 Minuten

Gerade komme ich zur Tür rein. Ich habe mal wieder eine nächtliche Runde durch meine Stadt gedreht und wieder einmal habe ich mir eine Strecke gesucht, die ich noch nicht kannte. Sorgt für mehr Abwechslung und ich bilde mir ein, es hält mich frischer in der Birne.

Jetzt sitze ich hier und denke über meinen Tag nach und was ich heute schaffen wollte. Beim Wort „schaffen“ muss ich kurz innehalten und gequält grinsen, weil ich in letzter Zeit einfach nicht viel schaffe. Ich habe so gut wie keine Struktur in meinem Tag. Ich habe meinen Job verloren, schon im Oktober. Seitdem sind mir nur meine Schritte allabendlich geblieben, die für mich eine tägliche Routine darstellen. Dann habe ich mir vorgenommen, dass ich jetzt — ab Dezember — wenigstens jeden Tag einen Artikel auf meinem Blog hier veröffentlichen möchte. Das würde bedeuten, dass ich die Zahl der Elemente, die meinem Tag Struktur geben, sogar verdoppelt hätte.

Gestern war der erste Dezember und ich hab gebloggt. Hat sogar gut geklappt, weil ich nicht nur ein Thema gefunden habe, über das ich schreiben wollte und das mir unter den Nägeln brannte, sondern auch das Glück hatte, dass er viel gelesen wurde. Gestern wurde er über 2.500 mal gelesen, heute sogar über 3.000 mal, das ist für mich und dieses Blog, welches ich so lange stiefmütterlich behandelt habe, echt gut. Okay, ich muss mich wohl auch bei Julia bedanken, die meinen Artikel in einer Pro-Drosten-Gruppe geteilt habe und die von dort aus oft weitergeteilt wurde. Danke dafür also, liebe Julia 😉

Zur Ruhe kommen

Zur Ruhe kommen — das war eigentlich der Name dieses Artikels. Also der Name, den ich mir ursprünglich vorgenommen hatte. Stattdessen hab ich es spontan in „60 Minuten“ umbenannt, weil ich um elf Uhr abends von meiner bereits erwähnten Runde zurückkam und feststellen musste, dass ich von meinen zwei Struktur-Elementen irgendwie doch nur eins hinter mich gebracht hatte. Also hatte ich jetzt die Wahl: Entweder schiebe ich meinen Super-Plan mit dem täglichen Beitrag auf den Januar — neues Jahr, neues Glück, oder so. Oder ich setze mich flott an mein Notebook und tippe schnell drauf los, um binnen 60 Minuten diesen Beitrag zu veröffentlichen.

Augenscheinlich hab ich mich für letzteres entschieden. Kurz noch den Bali-Bericht im Auslandsjournal gesehen, schnell was bei WhatsApp getippt und plötzlich ist schon 23.20 Uhr. Also habe ich noch 39 Minuten, um diesen Beitrag pünktlich um 23:59 zu veröffentlichen und weiter vollmundig behaupten zu können, ich habe zwei Tage hintereinander gebloggt.

Zur Ruhe kommen. Ich wollte den Artikel so nennen, weil ich das wirklich musste — zur Ruhe kommen. Es wissen noch nicht so wirklich viele, dass ich meinen Job los bin, noch weniger Leute kennen Details. Diese wenigen Leute sorgen sich aber um mich und fragen gelegentlich nach, was ich so tue, wie ich mit meinen Dingen vorankomme, die ich vorantreiben muss.

Mein Problem: „mit meinen Dingen vorankommen“ ist so circa das Gegenteil meiner Kernkompetenz. Mich verstecken, verzweifelt den ganzen Tag im Bett liegen, zusammenzucken, wenn das Telefon klingelt oder jemand an der Tür ist — DAS sind meine Kernkompetenzen. Gerade, wenn es langsam auf Weihnachten zugeht und ich den Todestag meiner Mama gerade hinter mir habe und die „besinnlichen“ Tage, an denen irgendwie jeder normale Mensch bei seiner Familie ist, Verliebte in Pandemie-freien Jahren über den Weihnachtsmarkt schluffen oder verkuschelt Netflix-and-chill-Sessions durchziehen, vor mir.

Da ist der Jobverlust ein Arschtritt zu viel für mich gewesen. Ich habe mich also verkrochen, noch mehr als sonst, habe meine Wunden geleckt und einfach mal zwei Monate von meinen letzten Ersparnissen gelebt. Wer gerade bei „Ersparnissen“ nicht zusammengezuckt ist, kennt mich nicht wirklich, denn in Wirklichkeit war ich finanziell schon auf dem Zahnfleisch unterwegs, bevor ich meine Arbeit und mein Einkommen verlor.

Ich musste aber wirklich erst mal zur Ruhe kommen. Wissend, dass ich finanziell nicht den Hauch eines Polsters habe. Dank Corona musste ich nicht persönlich zum Jobcenter — da soll nochmal jemand behaupten, dass so eine Pandemie keine Vorteile hat. Ob die mir was zahlen und ab wann — warten wir es mal ab. Ich mache mir auch keine Hoffnung, dass die mich adäquat vermittelt bekommen, Blogger werden in Dortmund vermutlich nicht so oft gesucht.

Aber ich brauchte diese Zeit für mich. Das mag so unsinnig für Außenstehende wirken, weil ich mich bewegen muss im Kopf, Dinge anschieben — all das, was man „sich kümmern“ nennt. Aber es ging nicht. Da, wo es vorangehen sollte, kam ich nicht von der Stelle und war sogar schon happy, dass ich nicht sogar den Rückwärtsgang reingekloppt habe.

Jetzt hab ich mich nun wie gesagt als arbeitssuchend gemeldet und muss jetzt logischerweise die nächsten Dinge anschieben. Und da ich mir einbilde, dass mir diese Ruhe zuletzt gut getan hat und weil ich Freunde habe, die diesen Mix aus sich kümmern, mich in Ruhe lassen und mir in den Arsch treten perfekt beherrschen, weiß ich jetzt auch, dass es weiter vorangehen wird.

Das Licht am Ende des Tunnels ist nur ein zart glimmendes Streichholz und der Tunnel endet circa in Australien, aber es ist dennoch deutlich heller als noch vor Wochen. Ich habe ein gewisses Grundvertrauen in mein Können und eine naive Hoffnung, dass ich dafür auch bald wieder bezahlt werde.

Während ich diese Dinge vorantreibe (dazu morgen mehr), kümmere ich mich hier um mein kleines Schnucki-Blog. Im November habe ich acht Beiträge geschrieben und kam trotzdem auf erstaunliche 22.000 Aufrufe. Logisch, dass ich das diesen Monat toppen will. Damit werde ich in absehbarer Zeit kein dickes Geld verdienen können, das ist mir klar und das wäre auch ein falscher Antrieb für das Etablieren eines Blogs.

Aber es tut mir gut, weil da viel zu viele Texte in mir sind, die raus müssen und weil ich es auch als eine Art Werkschau verstehe, in der ich meine Facetten zeigen kann. Damit ich das Ziel von meinem täglich veröffentlichten Beitrag erreichen kann, musste ich die letzten Wochen runterkommen.

Das erzähle ich euch, weil ich mir mies vorkomme. Einmal, weil ich mich eben um viel zu wenige Dinge gekümmert habe. Mies aber auch, weil ich liebe Menschen viel zu selten oder sogar gar nicht kontaktiert habe. Menschen wie Max und seine lieben Eltern Caschy und Nadine sind für mich ja längst Familie geworden. Es fehlt mir, den Kurzen zu sehen, mit Nadine zusammen herrlichen Trash im TV zu glotzen und mit Caschy all das zu tun, was unsere Freundschaft ausmacht — gute Gespräche, Quatsch-Gespräche und irgendwas am Glas. Ich brauche manchmal ein paar Tage, um mich dort zu melden und kenne keinen plausiblen Grund dafür.

Ähnlich bzw. noch schlimmer sah es bei anderen Freunden aus. Szapi, die Ostermanns, die Pinzons, Paula, Leonie und noch einige mehr: Ich liebe die alle und bin so dankbar für deren Freundschaft, bekam aber die Kurve wochen- oder monatelang nicht. Jetzt habe ich das Gefühl, ich bin so langsam zur Ruhe gekommen und klopfe auch mal wieder öfter bei Leuten an, bin mal wieder für Gags zu haben und bin weniger verzweifelt, obwohl die Lage nach wie vor zum Verzweifeln ist.

Dennoch glaube ich, mich auf einem gewissen Niveau gefangen zu haben und blicke zumindest ein kleines bisschen hoffnungsvoller in die Zukunft. Ich muss euch unbedingt noch sagen, dass ich jetzt als nächstes ganz dringend… hui, 23:55 Uhr — ich muss aufhören. Sorry, erzähle ich euch ein anderes mal. Erstmal veröffentliche ich jetzt diesen Artikel pünktlich vor Mitternacht und morgen setze ich mich einfach ein paar Minuten früher dran 😉

Ein Gedanke zu „60 Minuten

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