… and it will be my last!

Es ist so eine unfassbare Ironie, dass die Zeilen, „Music was my first love – And it’ll be my last“ ausgerechnet in dem Lied vorkommen, welches mir seit Jahrzehnten so unglaublich auf den Sack geht wie kaum ein zweites. Die Clubs (die wir seinerzeit noch Discos nannten), in denen wir verkehrten, waren zum Glück weitestgehend John-Miles-freie Zonen. Aber wenn wir auf Privatfeiern waren, oder zum Beispiel auch auf irgendwelchen Dorf-Partys (die guten, alten Scheunenpartys 😍), dann gab es da auch immer musikalische Blöcke, mit denen wir nichts anfangen konnten. Und in diesen Blöcken war dann auch gerne mal das unsägliche „Music was my first love“ enthalten.

Ändert aber nichts daran, dass dieser eine Satz stimmt. Musik IST nun mal meine erste Liebe gewesen. Ich verbrachte Stunde um Stunde am Radio lange bevor ich wusste, was Liebe ist. Musik hat auf mein Leben und so vieles, was ich tue, einfach einen Riesen-Impact. Zu einem ganz großen Prozentsatz ist es die Musik, die den Kreis an wichtigen Menschen definiert, die um mich zu haben ich das Glück habe.


Heute ist Sonntag, aber ich will Euch noch einmal mitnehmen zu meinem gestrigen Samstag. Ein Samstag, der unanständig früh angefangen hat. Sieben Uhr morgens und ich bin hellwach? Was stimmt da nicht? Ich schleppte meinen geschundenen Körper ins Wohnzimmer auf die Couch. Dort versackte ich dann für die nächsten Stunden. Der eigentliche Plan war, hier noch einmal gepflegt einzupennen, während ich mich von Musik berieseln lasse.

Also Fernseher an, YouTube angesteuert. Dort gibt es eine Serie mit wirklich tollen Achtziger-Mixes, die ich Euch ans Herz legen möchte, falls Ihr sie nicht sowieso schon kennt.

Die Dinger gehen etwa ’ne Stunde. Genügend Zeit, um mal flott durch die sozialen Medien zu huschen, ein paar Nachrichten zu lesen, etwas zu zocken und wieder friedlich für die nächsten zwei, drei Stunden wegzupennen.

Aber ich kam gar nicht dazu, eines der Mix-Videos anzuwerfen. Auf der Startseite sah ich nämlich, dass eine meiner liebsten Music-Reactions-YouTuberin sich Hypa Hypa von Eskimo Callboy vorknöpfen wollte. Da wollte ich eben schnell den Reminder aktivieren, damit ich informiert werde, wenn das Video live geht. Und wie wir alle wissen, sind „nur eben schnell“ die famous last words, bevor es einen auf YouTube tief ins Rabbit Hole verschlägt.

… My Empire Of Dirt …

Von einem Reaction-Video landete man beim nächsten und irgendwann war ich angekommen bei Reactions zu Johnny Cashs famosem Cover von Trent Reznors „Hurt“. Das ist so ein unfassbar intensiver Song und vermutlich in dieser Interpretation noch intensiver als das Original. Ich hangelte mich also von einem Reaction-YouTuber zum nächsten, die sich alle mit diesem Song befassten.

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that's real
The needle tears a hole
The old familiar sting
Try to kill it all away
But I remember everything
What have I become?
My sweetest friend
Everyone I know goes away
In the end

Es ist da so unglaublich schön zu sehen, was Musik mit einem anstellen kann. „Hurt“ ist dafür einfach auch ein Paradebeispiel. Es ist sowieso schon ein brillanter Song, den Trent Reznor für seine Nine Inch Nails geschrieben hat aus der Sicht eines jungen, struggelnden Mannes. Zu dieser eindringlichen Musik kommt ein Text, der einen mitten in den Magen trifft – und speziell in der Cover-Version von Johnny Cash kommt dann noch die Wucht der Bilder hinzu.

Cash und sein Produzent Rick Rubin verpassen dem Song nämlich einen ganz neuen Blickwinkel. Der Text scheint plötzlich wie auf Cash zugeschnitten: Eine alternde Legende, die vom Leben und Krankheiten gezeichnet genau weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Gerade die Fragilität seiner Stimme verleiht uns als Zuschauenden und -hörenden das Gefühl, dass hier ein Künstler genau weiß, dass er gerade das letzte Kapitel seines Lebens abschließt.

Achtet am Schluss des Videos auf die Szene, in der er den Deckel des Klaviers zuklappt und zärtlich über diesen Deckel streicht. Vielleicht interpretiere ich da auch ein bisschen zu viel rein, aber für mich sieht es so aus, als verabschiedet sich der Mann in dieser Sekunde von der Musik. Sie bestimmte sein ganzes Leben und war vermutlich auch seine letzte Liebe. Dann klappt er den Deckel zu, verabschiedet sich von der Musik und weiß damit ganz genau, dass er jetzt bald seine letzte Reise antritt.

Johnny Cash am Ende seiner Reise, sitzt da im Dunkeln in seinem runtergerockten Cash-Museum und blickt auf sein Leben zurück. Das treibt mir gerade schon wieder die Tränen in die Augen, weil ich den Fehler gemacht habe, nur die ersten paar Sekunden reinzuschauen, als ich den Link hier gerade für den Artikel rausgesucht habe.

Das Wissen, dass Monate nach dem Release seine Frau verstarb und wiederum nur Monate später dann auch er, dass sie jetzt wieder vereint im gemeinsamen Grab liegen – all das hilft nicht dabei, die Tränen unter Kontrolle zu bekommen, während ich hier schreibe. Jetzt komme ich wieder zurück auf die Reaction-YouTuber, die ich oben erwähnt habe. Egal, ob Rapper, irgendwelche It-Girls oder klassisch ausgebildete Sänger:innen: Ihr könnt ihnen in den Videos dabei zusehen, wie es sie förmlich zerreißt. Wenn der Refrain einsetzt mit diesem einzigen Klavierton, der durch den ganzen Chorus immer wieder angeschlagen wird, unterstützt von Bildern des alten und jungen Johnny Cash und noch unter dem Eindruck der ersten, textlich wirklich heftigen Strophe – kein Wunder, dass sie da alle ernst werden und teilweise eben auch in Tränen ausbrechen. So viel zu der Macht, die Musik besitzt.

Ich will jetzt nicht zu lange über nur dieses eine Lied in dieser einen Version sprechen, das hole ich mal nach in meiner „Song der Woche“-Rubrik, aus der längst schon eher sowas wie der „Song des Quartals“ geworden ist. Das erinnert mich übrigens gleich mehrfach an meinen letzten Song der Woche, der von Queen stammt.

Bring it back, bring it back …

Der Song der Woche war „Spread Your Wings“, aber ich muss aufgrund der „Pisse in den Augen“-Situation gerade an „Love of my life“ denken. Anlässlich dem Todestag von Freddie Mercury hab ich mal wieder die alte Live Killers reingeschissen und die dudelte so nebenbei während ich arbeitete. Dann kam eben dieser Song und hat mich emotional einmal komplett abgeräumt. Der Gesang setzt ein und ich bin fünf Sekunden später tränenüberströmt. Das kann entweder bedeuten, dass ich meine Gefühle wirklich scheiße unter Kontrolle habe – oder aber, dass Musik einfach so eine ungeheure Kraft besitzt.

In der Sekunde musste ich gleichzeitig an diesen Todestag denken, an Freddie Mercurys letzte Performance, an die guten, alten Zeiten, in denen alles noch so in Ordnung war und meine Mama noch lebte. Da laufen mindestens drei Filme gleichzeitig vor dem geistigen Auge ab und all das, weil ein Mann eine Strophe angestimmt hat.

Ich erwähnte oben den zugeklappten Deckel des Klaviers. Vielleicht war sich Johnny Cash komplett sicher dabei, dass das jetzt sein visuelles Vermächtnis würde. Auch, wenn er noch keine Ahnung haben konnte, wie groß und populär dieser preisgekrönte Clip werden wird. Aber Freddie Mercury war sich seines eigenen Todes noch deutlich bewusster glaube ich, als er nämlich noch ein letztes Mal vor die Kamera trat im Video zu „These are the Days of our Lives“.

Es gibt einige gute Dokus, die das Leben des Sängers und der Band Queen beleuchten und ich hab jede verschlungen. Daher kenne ich die Geschichte aus besagtem letzten Musikvideo, welches er Tage vor seinem Tod noch abgedreht hat. Auch hier wieder: Wir sehen einen todkranken Mann auf der Schwelle zum Tod, der aber noch ein letztes Mal den großen Zampano gibt mit all seinen ikonischen großen Gesten und seinem feinen Humor.

Freddie war damals so schwach, dass er beim letzten Album oft nur Minuten pro Tag aufnehmen konnte und logischerweise wollte man ihn auch beim Dreh nicht überfordern. Das Team war der Meinung, dass sie den perfekten Take im Kasten haben, als Freddie meinte: „Nein, lasst es mich nochmal machen“. Also drehten sie die Schlussszene noch einmal. Freddie warf sich in Pose, lächelte einmal kurz in die Kamera, sagte „I love you“ in die Kamera und ging mit einer Wischbewegung aus dem Bild.

Da ging also jemand von der Bühne, der sich absolut dessen bewusst war, dass es das letzte Mal in seinem Leben sein würde, dass eine Kamera auf ihn gerichtet ist. Und so inszenierte er sich noch ein letztes Mal als der brillante Entertainer, der er war. Lächelte nach dem Motto: „Nehmt das alles nicht so ernst“ – und dann verabschiedet er sich von den Fans und geht. Das hat so unglaublich viel Größe und sagt jede Menge aus über diesen ungewöhnlichen Mann.

… share the Rest of my Life …

Kann ich über meine Liebe zur Musik schreiben, ohne Depeche Mode zu erwähnen? Logisch, das ist nur eine rhetorische Frage. Ich habe schon wirklich viel über diese Band geschrieben. Hier auf dem Blog, auf früheren Blogs, in den sozialen Medien und selbst in den Achtzigern habe ich Brieffreundinnen schon von meiner Liebe zu dieser Band berichtet.

Diese Liebe wird manchmal auf eine harte Probe gestellt, wenn man beispielsweise zum x-ten Mal eine sehr lieblose Setlist auf einem Konzert erlebt, voll mit Songs, die teilweise ihre ikonischen Sounds gegen ebenso lieblose Preset-Sounds getauscht haben. Konzerte, bei denen Martin Gore zwar immer mal wieder die alten Hymnen singt, aber diese nicht mehr den Zauber wie damals ausstrahlen. Und von dem Zirkusdirektor-Mick-Jagger-Hybriden brauche ich ja vermutlich gar nicht anfangen zu erzählen.

Aber auch das ist Liebe: Sich über die Lieblingsband aufregen zu können. Wenn ich mit meinen Depeche-Buddies Szapi, Ohst und Pinzi zusammenkomme, wird oft hart vom Leder gezogen. Aber eben nicht nur. Dann schmeißt Ohst die 101 rein und wir sitzen wieder andächtig davor und staunen, als würden wir die Bilder zum allerersten Mal sehen.

Man kann seine Band lieben, auch wenn einem vieles nicht mehr so in den Kram passt, was sie heute tut. Ohne Scheiß: Sie könnten von mir aus heute ein Album mit nur zwei Songs aufnehmen, von dem eins ein rückwärts vorgelesenes Telefonbuch ist und das zweite eine gerülpste Version der Nationalhymne der Salomoninseln. Dann würde ich die Hände zwar überm Kopf zusammenschlagen, aber nichts auf der Welt kann ändern, wie sehr ich all das liebe, was diese Band über viele Jahre zustande gebracht hat.

Was ich damit sagen will: Ich habe für mich selbst so viel aus all den Songs gezogen. Die Musik, der Sound, die Texte und auch der Look – all das hatte und hat so einen großen Impact auf mein ganzes Leben. Ganz viele Menschen, die ich in meinem Herzen habe, würde ich nicht kennen, wäre ich nicht Fan dieser Band aus Basildon.

Es macht mich glücklich, wenn wir vier Vollpfeifen – Pinzi, Ohst, Szapi und ich – wieder mal europäischen Boden unsicher machen auf einer unserer legendären Konzertreisen. Es macht mich ja schon glücklich, wenn wir – so wie Samstagabend – von einer kommenden „The Cure“-Tour erfahren und ohne offiziell bestätigte Termine schon mal die Konzerte abklopfen und planen, die wir besuchen wollen und alle Mann direkt aus dem Häuschen sind.

Ich nenne jetzt immer nur die drei Jungs, weil wir so ein wirklich verschworener und inniger Haufen sind, Partners in Crime. Wir schimpfen über die Band und lieben sie. Wir können jeden Song, ach was rede ich, jeden Ton stundenlang diskutieren, liegen uns trinkend, springend, heulend und singend in den Armen und all das. Aber wenn ich über die Menschen rede, die mir durch diese Band in mein Leben und ganz oft auch ins Herz gespült wurden, könnte ich noch so viele mehr aufzählen. Vorneweg Astrid und Dominique, die unseren Depeche-Irrsinn seit vielen Jahren mitmachen. Zoni, die ganze Münster-Bubble um Niggels, der großartige Frank Kottysch, Böngchen, unsere Außenstelle London aka Ingo, mein lieber Freund Tom, der großartige Martin Hartmann und so, so, so viele tolle Menschen mehr.

Entschuldigt bitte gleich doppelt: Einmal das Name-Dropping auf der einen Seite – und die Tatsache, dass hier so viele andere Namen wundervoller Freunde nicht genannt wurden andererseits. Mir lag lediglich daran, Euch nochmal zu verdeutlichen, dass ich nicht von einer netten Vier-Mann-Clique spreche, sondern dass dahinter noch so viele Freunde und Bekannte stehen, die ich allesamt ohne die Musik nicht kennen würde.

Da sind wir: Vier Depeche-Gangster und eine Lady, die aufpasst, dass wir nicht eskalieren (oder die einfach miteskaliert ^^) Von links nach rechts: Ich, Ohst, Astrid, Szapi und Pinzi

Reeling from the Moment …

Ich kann einfach nicht genug bekommen von Musik. Gerade erst hat mir Spotify verraten, dass ich über 100.000 Minuten alleine auf der Plattform gehört habe in diesem Jahr. Das sind etwa viereinhalb Stunden täglich. Okay, dazu gehören natürlich auch viele Podcasts und Hörbücher/-spiele. Aber ich verbringe ja auch Stunde um Stunde mit YouTube und konsumiere auf anderen Wegen Musik.

Dabei gibt es neben Depeche Mode natürlich immer viele Phasen, in denen ich die Acts höre, die ich schon seit vielen Jahren liebe. IAMX, White Lies, Empathy Test und so viele mehr. Dann gibt es aber auch Bands, die ich nur sehr oberflächlich kenne und in die man sich plötzlich total verbeißt. So, wie ich im abgelaufenen Jahr plötzlich sehr viel Coldplay gehört habe oder auch Eskimo Callboy.

Und dann entdecke ich immer wieder ganz neue Perlen, so wie jüngst die sehr begabten und ziemlich OMD-esquen Nation of Language. Das aktuelle Album höre ich rauf und runter und male mir aus, mir die New Yorker mal live anzuschauen.

Wir stellen oft fest, dass Dinge schwieriger werden in unseren Leben. Musikhören gehört da leider irgendwie auch dazu. Weil sich Technologien ändern, Hörgewohnheiten und Trends ebenso. Wir müssen damit leben, dass immer öfter Künstler:innen die Streamingdienste im Hinterkopf haben bei ihren Veröffentlichungen. Das führt zum Beispiel zu viel mehr Veröffentlichungen und zu mehr, aber dafür kürzeren Tracks. Tracks, in denen oft schon in den ersten Sekunden all das offenbart wird, was der Song bietet.

Wir reden über unterbezahlte Musiker:innen und unfaire Bezahlsysteme. Wir reden über Kids, die keine Alben mehr hören, sondern Playlists. Wir reden auch darüber, dass es für eine gute Band heute vielleicht schwieriger ist, groß zu werden, während qualitative Gurken Chartslisten anführen und sich dumm und dämlich verdienen. Und ja, wir reden auch darüber, dass wir jede Sekunde auf Millionen Songs zugreifen können und uns vielleicht deswegen viel weniger auf ein einzelnes Album einlassen.

Analog vs Digital

Aber das ist eben nur eine Seite. Ich genieße es, Playlisten basteln zu können. Playlisten, in denen mal vielleicht nur 20 Songs sind, also so wie bei den guten, alten Mixtapes, mit denen man damals seinen Crush beeindrucken wollte. Mal sind aber auch knapp 1.500 Songs drin, wie in meiner etwas eskalierten 80s-Playlist.

Durch tolle Kuratoren und Algorithmen lerne ich viel Neues kennen, entdecke aber auch viel Altes. Sehe in den sozialen Medien so viel Musik, die von Menschen wie zum Beispiel Rinaldo, Marko, Dennis oder Addison Thomas geteilt wird. Hinter jeder Ecke kann die nächste neue Lieblingsband lauern. Manchmal melden sich auch einfach Menschen über Messenger und schicken mir einen Song. Menschen wie Rami oder Violetta, die einfach nur über Musik quatschen wollen, oder bei einem Lied an mich denken müssen (oh, da fällt mir ein, dass ich Violetta noch eine Saturday Night Playlist schulde ^^).

Ich hoffe inständig, dass all die Menschen, die ebenso für Musik brennen wie ich, sich dieser besonderen Situation bewusst sind, in der wir uns aktuell befinden. Diejenigen, die zumindest annähernd so viel Jahre auf dem Buckel haben wie ich, haben die analoge und die digitale Welt kennengelernt. Wir profitieren also von all den neuen Wegen, auf denen man Musik kennenlernen, teilen, besprechen und genießen kann.

Gleichzeitig sind wir aber auch mit drei TV-Programmen aufgewachsen, von denen wir nur sehr selten Musik erwarten durften. Wir waren ja schon happy, wenn uns Thomas Gottschalk, ein von Otto synchronisierter Affe oder irgendwann Formel Eins ein paar Minuten mit Musik-Videos boten. Wir mussten uns die Songtexte noch selbst zusammenreimen, weil man nicht mal eben googeln konnte. Wir mussten überlegen, ob man mit den zehn Mark Taschengeld zwei Singles kaufen wollten, die wir dann stundenlang rauf und runter hörten.

Ein neues Album war etwas Besonderes, ein Schatz, den man in innigen Listening-Sessions mit Kopfhörer kennenlernte. Wir waren damals einfach scheiße darüber informiert, wann die Lieblingsband wieder ein neues Album rausbringt, stürzten uns gierig auf Interviews und ja: Dafür mussten wir auch wieder ans Taschengeld ran und uns Bravo, Popcorn oder sonstiges an Land ziehen, oder aber auch Musikexpress, Zillo und was auch immer sonst im Blätterwald über Musik berichtete.

Wir kennen also die Welt, in der Musik nur sehr knapp verfügbar war und kennen die Welt, in der jeder Song immer verfügbar ist. Vielleicht hilft uns das, besser damit umzugehen, keine Ahnung. Aber mich freut es, dass ich beide Welten mitgenommen habe, denn diejenigen, die jetzt anfangen, als 11-, 12-Jährige Musik zu hören, haben diese Möglichkeit nicht mehr.

Denke ich an diesen Tag zurück, habe ich direkt wieder die Pisse in den Augen, weil da einfach mal alles gepasst hat

Von daher hoffe ich, dass Ihr Euch die Erinnerung an die vergangenen Zeiten und den Wert von Musik ebenso bewahrt, wie ich es tue. Während ich jetzt die letzten Sätze runtertippe, hat mir auf dem Fernseher YouTube gerade The Cure Live vorgeschlagen. Erinnert mich logischerweise direkt wieder an den Hyde Park und den wundervollen Konzerttag, den ich da mit so vielen lieben Freunden verbringen durfte. Das war so ein Tag, an dem einfach mal alles passte. So viele wundervolle Leute, perfektes Wetter, tolle Atmosphäre, viele Getränke, Lieblingsstadt – ein unfassbares Erlebnis.

Also werde ich jetzt lächelnd ins Bett verschwinden, noch ein bisschen „The Cure“ hören und vorfreudig davon träumen, wie uns Ticketgott Szapi schon bald Karten für die Konzerte der Band schießt. Träumen von Konzerten, die auch tatsächlich stattfinden dürfen, am besten ohne Abstand, Masken, Tests und Impfnachweisen, aber dafür mit wunderbaren Menschen, ein paar Kaltgetränken und richtig guter Musik.

Als ihr irgendwann mal vor einer ziemlichen Weile angefangen habt, diesen wieder mal etwas zu langen Text zu lesen, berichtete ich von meinem Samstag. Ich begann ihn quasi in einer Tour heulend, weil mich das Cash-Video so touchte, ebenso die Reaction-Videos dazu. Danach schrieb ich immer wieder mit meinen Depeche-Buddies und traf später noch Jenny. Als ich sie vor Jahren kennenlernte, fuhr sie mich und Dee zu einem Festival in Krefeld. Ich weiß noch, dass sie mich nicht zurück nach Dortmund karrte, weil ich es vorgezogen hatte, zu vorgerückter Stunde auf dem Männerklo einzupennen.

Ich erinnere mich noch daran, wie sehr ich mich nachträglich nicht nur darüber geärgert habe, dass ich die Heimfahrt verpasst habe (nicht nur, weil das Festival Ende Dezember war und meine Jacke zusammen mit Jenny und Dee zurück nach Dortmund fuhr). Ich ärgerte mich auch darüber, dass ich ausgerechnet das Konzert von Combichrist verpennt hatte. Ihr könnt Euch meine Überraschung vorstellen, als am nächsten Tag ein paar private Videos vom Festival die Runde machten und ich mich munter im Combichrist-Mob rumspringen sah. Suff Hurra!

Auch dazu ist Musik also bestens geeignet: Musik schreibt so unglaubliche Geschichten und sorgt dafür, dass uns der Gesprächsstoff auch in hundert Jahren nicht ausgehen wird. Wie viele Stunden hab ich schon mit Caschy in seiner Bude, im Westpark oder auf dem Strip in Las Vegas gesessen und über Musik und dies und das gequatscht? Wie oft haben wir bei den Ostermanns in geselliger Runde zusammen gehockt und über die Basildon-Boys referiert? Wie oft haben wir bei Konzerten zusammen gelacht, geweint, gefeiert, getanzt, haben neue Menschen kennengelernt, unsere Idole besoffen zugelabert und all diese Geschichten geschrieben, die uns fürs ganze Leben prägen?

Jetzt ist Sonntagnacht und ich gehöre langsam ins Bett, weil wieder eine Arbeitswoche ansteht. Ich bin ziemlich sicher, dass meine letzten Gedanken vorm Einschlafen der Musik gehören. Ebenso, wie eben auch in hoffentlich langer Zeit Musik auch meine allerletzte Liebe sein wird. Okay, neben der Liebe für all diejenigen, die auch durch die Musik mit mir verbunden sind.

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