Depeche Mode – Speak & Spell: 40 Jahre!

1981: Griechenland wird Mitglied der EU, das erste Space Shuttle hebt ab, Ronald Reagan wird als US-Präsident vereidigt und Schalke steigt zum ersten Mal in die zweite Liga ab. Aber es passiert noch mehr in diesem Jahr. Ein zehnjähriger Junge (ja, natürlich meine ich mich, ihr Nasen! sitzt schon in diesem Alter jeden Tag vorm elterlichen Radio und hört Musik und in England brachte eine blutjunge Band namens Depeche Mode die Debütsingle „Dreaming of Me“ heraus.

In diesem Jahr, es war die Zeit des New Wave, der New Romantics, aber auch die Zeit des kalten Krieges, brachten Depeche Mode am 5. Oktober ihr erstes Album namens Speak & Spell heraus. Ich war damals als Fan noch nicht dabei, irgendwie sind die Tracks des ersten Albums noch an mir vorbeigegangen. Für mich begann der Spaß dann (wenn ich mich recht erinnere) mit „See You“, während ich „The Meaning of Love“ gar nicht wahrnahm – und mit „Leave in Silence“ war es dann um mich geschehen.

Aber zurück zum ersten Album: Schon damals konnte man sehen, dass diese Band mit den drei Schulfreunden Vince, Martin und Andrew aus Basildon und dem extrovertierten Ex-Punk Dave Gahan eine außergewöhnliche werden würde. Es war nicht so häufig, dass Bands komplett auf Synthesizer setzten, einen Drummer durch eine Tonbandmaschine ersetzten und sich den Luxus erlaubten, im Heimatland ihre allererste Single einfach mal nicht aufs Album zu packen.

Speak & Spell unterscheidet sich von allen anderen Depeche-Alben, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass nur auf diesem Album noch Vince Clarke für das Songwriting verantwortlich war. Er sollte die Band in der Folge verlassen und über die Umwege The Assembly und Yazoo schließlich bei Erasure landen und dort Hit an Hit reihen.

Martin Gore durfte erstmals auf der zweiten Seite des Longplayers ran: Er ist verantwortlich für Tora!Tora!Tora und das Instrumental Big Muff, außerdem singt er erstmals bei „Any Second now“.

Die Tracklist sah in England wie folgt aus (in Deutschland fehlte „I sometimes wish …“ zugunsten von Dreaming of Me):

  1. New Life – 3:43
  2. I Sometimes Wish I Was Dead – 2:16
  3. Puppets – 3:55
  4. Boys Say Go! – 3:04
  5. Nodisco – 4:12
  6. What’s Your Name? – 2:42
  7. Photographic – 4:44
  8. Tora! Tora! Tora! – 4:34
  9. Big Muff – 4:21
  10. Any Second Now (Voices) – 2:35
  11. Just Can’t Get Enough – 3:40

Ich habe es an anderer Stelle schon mal erzählt: Ich kannte lange Zeit hauptsächlich die Singles und B-Seiten. Erst mit dem Erscheinen der Singles-Compilation 1985 wollte ich endlich auch alle anderen Songs dieser Band kennenlernen. Ich arbeitete mich da in umgekehrter chronologischer Reihenfolge durch die ersten vier Alben.

Ich muss sagen, dass mir auch die erste Seite sehr gut gefällt. Gerade bei „What’s Your Name?“ scheiden sich die Geister, aber ich finde es herrlich cheesy und selbstironisch – ohne, dass ich wüsste, ob die Jungs das damals tatsächlich ironisch gemeint haben. Der Rest dieser ersten Seite ist sowieso echtes Synthiepop-Gold. Es geht mit den Singles New Life und Dreaming of Me los, zumindest bei der deutschen Edition. Beide Songs liebe ich bis heute – sie sind überhaupt kein Vergleich zu „Just can’t get enough“, was den Grad der Abnutzung angeht.

Puppets zieht einen mit seinem hypnotischen Beat in den Bann. Wer wissen will, wieso es einst hieß: „Tanz Dich tot mit Depeche Mode“, findet auf dieser Platte die Erklärung dafür. Mit Boys Say Go! hat Depeche Mode einen Track abgeliefert, den ich so unfassbar oft in der Live-Version habe, dass es an ein reines Wunder grenzt, dass man durch die Rillen der Platte nicht längst durchschauen kann. Gerade in dieser Live-Fassung wurde ich mir dieser Energie bewusst, die so ein DM-Konzert freisetzen kann. Das Synth-Solo mittendrin, der Backgroundgesang, Vince mit der Trillerpfeife bei den Konzerten – ich würde echt einiges dafür geben, diesen Song noch einmal live zu erleben. Leider haben DM ihn wie so viele andere aussortiert und seit 1986 nicht mehr gespielt.

Nodisco war irgendwie immer der Song, der mich am wenigsten gecatcht hat auf dem Album, dabei ist es durchaus auch ein toller Track. Die anderen haben mich einfach mehr abgeholt. Nodisco ist auch ein perfektes Beispiel für diese kruden, oft erschreckend sinnlosen Lyrics, die Clarke für dieses Album abgeliefert hat. P R E – Double-T Y – das oben schon erwähnte und für mein Empfinden echt lustige „What’s Your Name“ stellt den Schlusspunkt der A-Seite dar.

Seite 2 – die stärkere Seite – beginnt mit Photographic und Tora! Tora! Tora!, für meinen Geschmack die Highlights des Albums. Gerade beim Letztgenannten bekommt man eine Ahnung, wohin die Reise mit Depeche Mode mal hingehen könnte. Vielleicht war es überlebenswichtig, dass Martin Gore schon auf dem Debütalbum als Songwriter in Erscheinung getreten ist – vielleicht hätte er ohne diese Erfahrung gar nicht die Traute gehabt, ab A Broken Frame als Haupt-Songschreiber aufzutreten.

Auch das Instrumentalstück Big Muff stammt ja aus seiner Feder und mit dem von ihm gesungenen Any Second Now geht dann der Martin-Teil des Albums zu Ende. Danach folgt nur noch Just can’t get enough, welches natürlich ziemlich abgenudelt ist seit Jahren. Dennoch wird das Lied immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Einmal ist die Maxisingle immer noch wahnsinnig gut, zum anderen war es dieser Song, zu dem ich zum allerersten Mal in einer Disco einen Dancefloor betrat und mich tatsächlich traute, vor anderen Menschen zu tanzen. Das war übrigens in Calella 1987 – ich war also beim Tanzen ein echter Spätzünder!

Für mich persönlich hat sich Depeche Mode mit jedem Album bis Black Celebration verbessert, so dass Speak & Spell für mich daher konsequenterweise das schwächste Album darstellte. Allein der Nostalgiefaktor sorgt aber dafür, dass ich auch dieses Album, das ich echt liebe, immer noch gerne höre und es mir auch besser gefällt als das ein oder andere Spätwerk der Jungs.

Vermutlich werde ich nie begreifen, wieso die vier Pfeifen nicht das göttliche Ice Machine mit draufgepackt haben, oder wieso sie es nicht mehr live spielen. Generell haben B-Seiten damals durchaus einen besseren Ruf gehabt und waren nicht einfach nur Füllmaterial (bei Depeche Mode schon mal sowieso nicht). Vielleicht hat man es daher bei der B-Seite belassen.

Im Gegensatz zu späteren Alben wie Black Celebration oder alles, was dann folgen sollte, steht Speak & Spell für mich nicht separat für eine bestimmte Zeit. Ich sagte ja oben schon, dass ich mir mehrere Alben in kurzer Zeit erschlossen habe. Für mich liegen also die meisten Songs der ersten vier Alben in einem identischen Zeitfenster irgendwo zwischen 1985 und 1986, wo ich sie allesamt kennen- und lieben lernte.

Hier nochmal ein Beleg dafür, dass Depeche Mode in ihrer Karriere in echt merkwürdigen Formaten aufgetreten sind 😉

Nichtsdestotrotz: 40 Jahre ist dieses Album heute alt geworden (okay, da ich den Artikel hier in Etappen geschrieben habe und diese letzten Zeilen Mittwochmorgen um halb drei Uhr schreibe, war der Geburtstag bereits gestern). 40 VERDAMMTE JAHRE!! Mein lieber Freund Vasi hat mir gestern was gesagt, was ich bei mir selbst auch öfter beobachte: Wenn irgendwas X Jahre her ist, schaue ich, was von diesem Jahr aus gesehen genau so lange zurücklag. Denke ich also an das 40 Jahre alte Depeche-Album, blicke ich von 1981 vierzig Jahre zurück.

Wir landen dann im Jahr 1941 – mitten im Zweiten Weltkrieg! Musikalisch ging damals die Bigband-Ära zu Ende und die Andrew Sisters dominierten die US-Billboard-Charts. Es würde noch über ein Jahrzehnt dauern, bis Bill Haley „Rock around the Clock“ zum Welthit machen würde und ein junger Mann namens Elvis Aron Presley ein Musikstudio betreten würde, um für ein paar hart verdiente Dollar einen Song für seine Mama aufzunehmen. Ich sage das nur, um nochmal zu verdeutlichen, wie lang Depeche Mode nun bereits erfolgreich sind und wie viele Jahre seitdem ins Land gegangen sind.

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