So ’ne Finsternis
Wie sieht die Welt wohl 2081 aus? Das frage ich mich, während ich von Phoenix West bei knapp 30 Grad nach Hause marschiere. Ich humple noch ein wenig, weil mir seit Tagen der Fuß schmerzt und ich bin zudem nach wenigen Schritten schon wieder außer Atem. Machen wir uns nichts vor: Körperlich bin ich augenscheinlich schon knapp übers Verfallsdatum, sodass es ziemlich ambitioniert wirkt, sich über 2081 Gedanken zu machen.
Aber dennoch: Ich komme gerade von dem Himmelsereignis des Jahres, habe mir also die Sonnenfinsternis angeschaut. Also „angeschaut“ im Sinne von, nein – natürlich hab ich nicht direkt in die Sonne geschaut (okay, nur kurz ^^). Okay, ehrlich gesagt komme ich nicht gerade von der Sonnenfinsternis, denn die fand schon vor zwei Tagen statt. Ich traf dort Krücke und die Menschen aus seinem Radsport-Club, und wir sprachen dort darüber, dass es in Deutschland erst 2081 die nächste komplette Sonnenfinsternis zu sehen gibt.
Die Welt im Jahr 2081
Vielleicht schreibe ich mal einen Beitrag darüber, wie ich mir die Welt im Jahre 2081 wirklich vorstelle. Eine realistische Vision dieses Zeitpunkts wird es aber sicher nicht. Denn eine Welt, die sich so schnell und so stark verändert, wie es derzeit geschieht, lässt uns nicht einmal fünf Jahre halbwegs zuverlässig in die Zukunft blicken. Es ist also eher so ein Stochern im Nebel. In diesem Nebel erkenne ich mich selbst. Zu dem Zeitpunkt bin ich über hundert Jahre alt. Deutlich über hundert Jahre! Wie ich aussehen werde? Keine Ahnung. Vielleicht existiere ich als eine Person, die nach heutigen Verhältnissen etwa 25-30 Jahre alt aussieht. Weil Medizin uns so etwas bis dahin längst möglich macht. „Mein Herz macht schon wieder so Schwierigkeiten, deswegen hab ich mir ’nen Termin gemacht für ein neues. Bei der Gelegenheit bekomme ich dann auch wieder eine frische Haut.“
Vielleicht entwickelt sich die Welt aber auch anders und man hat mein Gehirn noch rechtzeitig abgespeichert, kurz bevor mein weltlicher Körper den Arsch zusammenkniff. Während mein Körper also 2081 längst verrottet ist, existiere ich zumindest virtuell immer noch. Ich poste immer noch mittellustige Memes am Tag und schwermütige Songs in der Nacht und von früh bis spät plaudere ich online mit meinen virtuellen Freunden.
Oder es läuft ganz anders. Vielleicht hat eine fortgeschrittene Medizin wirklich dazu geführt, dass ich 2081 noch lebe, allerdings vegetiere ich in einer sozialen Einrichtung für mittellose Rentner:innen herum. Trotz Fortschritt ist mein Körper in einem haarsträubenden Zustand. Meine Tage sehen so aus, dass ich irgendwann von einem Roboter geweckt werde, der mir Frühstück bringt: Eine Paste mit allen lebenswichtigen Stoffen, die mein Körper braucht, und eine erste Flasche Bier. Nach dem Frühstück tue ich dann das, was ich immer tue seit Jahrzehnten: Ich bleib einfach im Bett und schaue alte Serien aus den Achtzigern des letzten Jahrhunderts.
Sonnenfinsternis im Kopf
Okay, realistischer ist folgendes Szenario: 2081 verdeckt der Mond die Sonne, aber die Erde dreht sich seit 50 Jahren ohne mich. Ich sage das ohne große Gefühle, merke ich gerade, während ich diesen Satz schreibe. Zum einen, weil alles, was nach meinem Ableben passiert, nun mal nicht spannend für mich ist. Und zum anderen, weil ich selbstverständlich darauf vertraue, dass mir KI in zehn Jahren garantieren kann, dass mich moderne Medizin nicht nur am Leben hält, sondern nach und nach wieder jünger werden lässt. So nämlich! ^^
Aber im Ernst: Was war das schon wieder für ein Tag? Seit einigen Wochen gehe ich mit dem Gefühl ins Bett, dass ich morgen nun aber wirklich an ein paar Stellschrauben drehe. Mal wieder mehr rausgehen. Endlich wieder ein paar Bewerbungen schreiben. Gleichzeitig an einer Freiberuflichkeit arbeiten und dafür Artikel formulieren.
„Ins Bett gehen“ bedeutet seit einiger Zeit für mich nur, dass ich die Position in der Wohnung verändere. Um drei Uhr oder so gehe ich halt von der Couch ins Bett. Aus irgendeinem Grund werde ich schon zwischen fünf und sechs Uhr wieder wach. So wach, dass ich spätestens um sieben Uhr wieder auf der Couch sitze. Ich starre in dieses 75 Zoll große Viereck, welches mich rund um die Uhr mit YouTube, Netflix und allem sonstigen versorgt. Wenn ich mich da gerade auf die Couch pflanze, bin ich mir sicher, dass ich heute wirklich vorankomme. Zwei, drei Stunden später bin ich nicht mehr so sicher. Spätestens mittags erwischt mich die Müdigkeit. Eine Müdigkeit, die mich im Sitzen mit der Fernbedienung in der Hand einschlafen lässt. Selbst am Tage der Sonnenfinsternis vorgestern spielte ich mit dem Gedanken, einfach zuhause zu bleiben. (Wieso das Haus verlassen, wenn ich mir die Sonnenfinsternis doch perfekt zeigen und erklären lassen kann – im ZDF-Livestream mit Harald Lesch?)
Nicht jeder Tag sieht wirklich so dramatisch aus, viele aber schon. Da ist man dann spätnachmittags wieder fit und kann schon absehen, dass man wieder bis spät in die Nacht wach sein wird, bevor sich dann morgen fast der identisch aussehende Tag wiederholt. Murmeltiertag, Woche für Woche für Woche. Gerade ist halt wieder so eine Phase, in der sich wenig bewegt. Weder bewegt sich mein fetter Arsch von der Couch, noch bewege ich mich geistig genügend.
Es gibt diese Phasen und oft kommen sie zur Unzeit. Es ist halt wieder so ’ne Finsternis in einem, quasi eine Sonnenfinsternis im Kopf: Ich weiß, dass die Sonne da ist. Ich werde sie schon bald wieder sehen und ihre sanften Strahlen auf meiner Haut spüren können. Aber in dieser Sekunde hilft es mir nichts. Ich drehe mich im Kreis und dieser Gedankenstrudel wird immer schneller und schraubt mich immer tiefer in den Boden unter dem Stein, unter den ich mich verkrochen habe. „Du musst Bewerbungen schreiben“ lautet einer dieser Gedanken, „… aber ich will doch gar nicht angestellt sein, sondern freiberuflich arbeiten …“ ein anderer.
Ja, ich möchte Geschichten erzählen und am besten davon berichten, wie die Welt schon in wenigen Jahren eine deutlich bessere sein könnte, wenn wir alle mitmachen. Aber dann sieht man wieder die Nachrichten. Man sieht einen Trump, der so korrupt ist, dass er seine Korruption längst schon nicht mehr verheimlicht. Man sieht Tech-Milliardäre, die mir auch eine Zukunft malen, die so unglaublich schön und problemlos sein soll – während die Realität so aussieht, dass sich genau diese Milliardäre sichere Domizile in abgelegenen Plätzen einrichten und sich auf eine Dystopie inklusive großer Unruhen vorbereiten.
Ich sehe eine Regierung, die an guten Tagen für Stillstand sorgt und an schlechten sogar deutliche Schritte zurück macht. Angeführt von einem Kanzler Merz, der deutlich weniger Mitgefühl, Empathie und Verständnis für seine Bürger aufbringt, als es beispielsweise ein LLM wie ChatGPT, Gemini oder Claude spielend hinbekommt. Ach, was rede ich – natürlich ist ChatGPT empathischer als Friedrich Merz. Selbst Karl Klammer war seinerzeit schon empathischer!
Weltschmerz galore
Worauf wollte ich nochmal hinaus? Ach ja, das Gedankenkarussell. Zu meinem privaten Kram, der sich um meine fehlende Arbeit, um meine Einsamkeit und meinen Gesundheits- und Gemütszustand dreht, kommen also immer diese Weltschmerz-Momente: Wieso scheißen wir so unfassbar aufs Klima? Wieso sind wir immer noch zu dämlich, um uns aus Social-Media-Kommentarschlachten herauszuhalten? Wieso wählen wir Parteien, die uns eher zurück in die Steinzeit führen als in die Zukunft? Wieso führen wir immer noch Kriege? Und wieso drehen sich diese so oft einfach nur um Ressourcen? Wieso werden wenige Menschen immer dramatisch reicher, während fast alle anderen im Expresszug Richtung Armut unterwegs sind? Spätestens, wenn meine Gedanken an den Punkt gelangen (und dort landen sie jeden Tag), dann ist es für mich nahezu unmöglich, mich auf eine Selbstständigkeit zu fokussieren, in der ich optimistische Texte schreibe.
Also sitze ich da. Mit dieser Finsternis im Kopf. Mit Netflix an. In einer kitschigen Dramaserie werde ich wenigstens nur daran erinnert, dass ich einsam bin, statt an Kriege, Umweltkatastrophen und Korruption. Damit kann ich umgehen – also mal besser, mal schlechter, machen wir uns nichts vor.
Wie spät es gerade ist? 7:35 Uhr morgens. Offensichtlich habe ich heute schon einen x Wörter langen Text geschrieben und bin somit jetzt schon deutlich produktiver als an den oben beschriebenen Tagen. Immerhin was. Draußen scheint jetzt schon die Sonne und wer weiß, vielleicht verschwindet ja auch die Sonnenfinsternis in meinem Kopf allmählich wieder.
Wäre gut, denn ich habe euch noch so viele Dinge zu erzählen. Ihr müsst noch so viel wissen zu all dem, was auf uns zurauscht, und ich habe noch 1000 Geschichten in mir, die ich euch gerne um die Ohren hauen möchte. Eine davon erzähle ich euch später am Tag. Das schreibe ich, weil ich mich selbst ein wenig unter Druck setzen möchte, das auch tatsächlich zu tun, statt nur auf der Couch zu versacken.
Während ich noch nach einem coolen, abschließenden Satz oder Gedanken suche, denke ich wieder ans Jahr 2081. Meint ihr, dass es auch dann noch Leute gibt, die anderen Leuten Geschichten erzählen? Oder anders: Gibt es dann überhaupt noch Leute, die Geschichten hören wollen? Es wirkt ja heute schon so, als ob wir nur noch kurze, schnelle Video-Häppchen konsumieren. Aber ja: In meinen positiven Momenten – und die habe ich durchaus – bin ich überzeugt davon, dass da draußen Leute sind, die echten Content schätzen. Leute, die echte Kunst, echte Gedanken und echte Gefühle wollen. Ich bin zumindest einer von diesen Leuten.
Kommt zur Achtziger-Party!
Wisst ihr was? Ich weiß, was ich mache, wenn am 3. September 2081 die Sonnenfinsternis stattfindet! Ich veranstalte eine kleine, private Achtziger-Jahre-Party. Wir feiern dann uns, feiern die Sonne und feiern, dass wir endlich wieder in den Achtzigern leben. Und ja, wir feiern den 100. Geburstag der ersten Depeche-Mode-Singles.
Eure Eintrittskarte zur Party ist dieser Artikel hier, egal, ob ihr ihn mir ausgedruckt oder als Hologramm zeigt. Dresscode ist egal, aber falls es noch Hosen gibt, würde ich zumindest die Jungs gern in weißen Jeans begrüßen, also im guten Dave-Gahan-Gedenk-Outfit!
Artikelbild: Ja, selbstverständlich wurde das Bild per KI erstellt. Im Gegensatz zu meinem Text, denn bei aller Liebe, die ich für KI hege, werden hier alle verdächtigen Indizien wie Gedankenstriche, Aufzählungen und bestimmte Formulierungen noch per Hand und vorbei an jeglicher künstlichen Intelligenz in die Tasten geboxt.