Gegenüber am Fenster

Leuten beim Sex zuzusehen fühlt sich — je nach Situation — immer anders an.

Gebt es zu: Mit diesem Einstiegs-Satz habt ihr nicht gerechnet, oder? 😀 Wir waren zum Beispiel damals zur Bundeswehrzeit mal für ein Wochenende in Hamburg. Als Ehrenformation unseres Landes waren wir bei einem großen Zapfenstreich im Einsatz und anstatt wie sonst direkt nach dem Einsatz in den ungemütlichsten Bussen der Welt zurück zu gurken, übernachteten wir in einer Hamburger Kaserne. Logisch, dass es nachts auf die Reeperbahn ging. Wieso wir uns aber als Wehrpflichtige mit einem monatlichen Sold von 400 DM den Luxus erlaubten, in einen miesen Fickschuppen zu gehen, in dem ein einziges Bier schon über 20 DM kostet, kann ich euch heute nicht mehr sagen.

Ich kann euch auch nicht sagen, wieso die Veranstaltung als „Sex-Show“ angepriesen wird und man dann stundenlang diverse Stripperinnen mit harmlosen Striptease-Vorstellungen ertragen muss. Stripperinnen, bei denen ich sicher bin, dass sie seit mindestens 20 Jahren auf den Bühnen der sündigen Meile ihrem Job nachgehen. Wenn wir schon dabei sind, was ich euch alles nicht sagen kann: Ich weiß auch nicht, wieso ich plötzlich auf der Bühne mit einer dieser Damen tanzte — oder wieso meine damalige Verlobte angepisst war, nachdem ich ihr die Story nicht ganz ohne Stolz erzählte.

Irgendwann gab es jedenfalls dann doch noch die versprochene Sex-Show. Eine blonde Dame wurde von einem dunkelhäutigen Kerl nach allen Regeln der Kunst durchgeballert und ich glaube, ich war mir der mangelhaften Größe meines Gemächts nie so bewusst wie in diesem Moment, als dieser Kerl mit seiner unterarmgroßen Waffe der eher zierlichen Lady sämtliche… ach, ihr könnt euch ja denken, was er da alles so getan hat.

Wie sich das angefühlt hat, denen dabei zuzusehen aus etwa fünf Metern Entfernung? Irgendwie eher so mittel-erregend und das ist eigentlich sogar schon übertrieben. Ich glaube, ich war auch ein bisschen beeindruckt, was ein zierlicher Frauenkörper so aushält. Immerhin war der Prengel nicht nur schrecklich groß, sondern auch schrecklich krumm. Sei es drum, es war jedenfalls nicht das erotischste Erlebnis meines Lebens und ich bin sogar ziemlich sicher, dass der Abend es diesbezüglich nicht mal in die Top 100 schafft.

Wenn man beim Festival besoffen wach wird und im Zelt plötzlich ein Frauenhintern unappetitlich nah vor der eigenen Nase kreist und man langsam realisiert, dass die Anbaggerversuche des Zelt-Genossen augenscheinlich von Erfolg gekrönt waren, ist es übrigens auch nicht deutlich erotischer. Vermutlich spielt da ein bisschen mit rein, dass ich nur sehr überschaubares Interesse vorweisen kann, was die primären Geschlechtsmerkmale meiner Freunde angeht.

Als ich anlässlich der WM 2006 in der Stadt auf dem Fan-Fest unterwegs war und im benachbarten Stadtgarten Zeuge eines Blowjobs wurde, war es ebenfalls nicht erregend, dafür aber äußerst belustigend. Der Spaßfaktor ergab sich dabei aus dem Gesichtsausdruck des Typen einerseits — und der laut johlenden, zuschauenden Schar an Teenager-Jungs andererseits.

Manchmal wird man aber auch zufällig Augenzeuge sexueller Aktivitäten, weil man das Pech (oder Glück — sieht vermutlich jeder anders) hat, direkt gegenüber eines Hotels zu wohnen.

Da ich von dem Sofa aus durchs Wohnzimmerfenster auf das Hotel blicke, bekommt man zumindest immer aus dem Augenwinkel mit, wenn sich dort Menschen an den Fenstern herumtreiben. Meistens rauchen sie, manchmal telefonieren sie und schauen dabei gelangweilt auf die Straße — und hin und wieder treiben sie es am Hotelfenster. Wieso Hotelfenster dafür so prädestiniert zu sein scheinen, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Davon ab bin ich maximal so mittel-voyeuristisch veranlagt und von daher hält sich auch hier die Erregung meinerseits in überschaubaren Grenzen. Im Gegenteil sogar: Auch, wenn ich über das Gesehene meine Witzchen mache, macht es mich eigentlich eher traurig. Weil es einem wieder klar macht, dass man selbst niemanden an seiner Seite hat. Weder für Hotelfenster-Aktivitäten noch für irgendwas anderes, zum Beispiel um sich mit dieser Person über fickende Menschen am Fenster gegenüber lustig zu machen.

Da ihr jetzt von mir nach diesem bisherigen Beitrag auf eine Sex-in-public-Fährte gelockt wurdet, ist jetzt Zeit für die kalte Dusche. Ich erzähle euch nämlich jetzt von einem Paar, welches ich am Fenster gegenüber gesehen habe und welches dort so gar keinen Sex hatte. Gesehen hab ich sie im Sommer vor einigen Monaten. Zunächst fielen sie mir auch gar nicht auf, was sich erst änderte, als lautes Lachen von Gegenüber zu vernehmen war.

Es war spät nachts, also zu einer Zeit, zu der selbst hier direkt am Wall in der Innenstadt nicht mehr alle fünf Minuten jemand laut auf der Straße unterwegs ist. Wie so oft nahm ich auch jetzt wieder auf der Couch sitzend wahr, dass da gegenüber jemand am Fenster stand. Nachdem ich das Lachen erneut vernahm, war dann auch klar, dass es die Menschen gegenüber an den Fenstern des einzigen hell erleuchteten Hotelzimmers sein mussten, die ich eben schon gehört hatte.

Auch auf die Entfernung konnte man erkennen, dass es sich bei den Silhouetten um einen Mann und eine Frau handelte. Sie stand zunächst mit ihm zusammen am Fenster, die beiden prosteten sich zu und dann ging sie ans zweite Fenster. Wieder hörte ich ihr Lachen bis in meine Wohnung. Und genau das war der Moment, in dem es anfing, sich für mich echt mies anzufühlen: Dachte ich zunächst nämlich noch, dass ich es hier lediglich wieder mit der „wir treiben es gleich am Fenster“-Fraktion zu tun habe, stellte sich schnell heraus, dass ich dort ein Paar vor mir sah, welches zumindest auf die Entfernung sehr glücklich, sehr verliebt und sehr fröhlich wirkte. Wieso es sich mies anfühlt? Weil man nicht zur Tagesordnung übergeht oder zumindest den beiden ihr Glück gönnt, sondern verbittert zusieht.

Ich weiß nicht, wie lange ich den beiden zuschaute. Normalerweise bleibt mein Blick nicht lange hängen bei Menschen, die dort am Fenster auftauchen. Aber einige Minuten waren es wohl schon, in denen ich sah, wie sie sich von Fenster zu Fenster unterhielten, sich auf die Distanz zuprosteten, hin und wieder dann beim jeweils anderen am Fenster auftauchten, redeten und lachten.

Man schaut hinüber und sieht nach ein paar Minuten gar nicht mehr die beiden, sondern sich selbst. Sich selbst mit der eigenen Ex-Freundin vor einigen Jahren. Es ist wie eine hässliche Variante einer Zeitreise, die einem vor Augen hält, was man einst hatte und was jetzt unendlich weit weg ist. Damals waren wir die lachenden Menschen und das Paar, von dem jeder unserer Bekannten genau wusste, dass wir sowieso für immer zusammen sein würden.

Blieben wir aber nicht. Kein Vorwurf an sie, vermutlich war es noch nie einfach, meine Partnerin zu sein. Jahre später schmerzt auch nicht der Gedanke an die Person konkret — im Gegenteil: Man wünscht den besonderen Menschen, die man kennen gelernt hat ja durchaus, dass sie glücklich sind. Weh tut vielmehr die Erkenntnis, dass man da eigentlich gar nicht wieder hinkommen kann. Ich mag da jetzt auch gar nicht ins Detail gehen gerade, aber es gibt diverse Gründe, die dagegen sprechen, dass ich mich nochmal irgendwann in so ein Abenteuer stürze… stürzen kann.

Fast schon witzig: Während ich diese Zeilen schreibe, singt Crimer im Hintergrund gerade

I got love where I want it
I know that I’m greedy
Always wanted to force it baby

Für Crimer mag das stimmen, für mich ist die Nummer mit der Liebe irgendwie durch. Mag sein, dass man sich damit abfinden muss. Ich kenne so manchen Menschen, der nie im Leben eine wirklich erfüllte Beziehung geführt hat, nie wirklich richtig aufrichtig verliebt war und von daher will ich mich auch gar nicht beklagen. Aber in solchen Momenten wie in diesem einen im Sommer verpasst einem sowas doch wieder einen Stich ins Herz. Der Vorteil dabei: Wenn man den Stich spüren kann, weiß man zumindest, dass das Herz noch da und weitestgehend intakt ist. Es erinnert an ein altes Smartphone: Es funktioniert noch und könnte eigentlich genutzt werden, dennoch liegt es unbeachtet in irgendeiner Schublade herum und man kann sich meistens gar nicht mehr daran erinnern, dass es noch da ist.

Klingt deprimierend? Ja, ist es auch — freut euch schon mal auf meine Beiträge, wenn ich euch davon berichte, wie super ich all die verknallten Paare finde, die mir auf dem bald startenden Weihnachtsmarkt  entgegen kommen. Ja, ich weiß: Ich klinge wie ein alter, verbitterter Kerl und es wird nicht besser dadurch, dass ich höchstwahrscheinlich auch genau das bin. Dennoch muss ich mir hier mal wieder ein paar andere Beiträge überlegen, denn ich kann ja nicht Tag für Tag über irgendwelche Problemchen jammern und will euch auch damit nicht ständig wieder aufs Neue auf den Zeiger gehen.

Mal sehen — vielleicht kann ich mich morgen ja endlich mal an einen der Artikel wagen, die teils schon ewig auf Halde liegen. Ich möchte euch noch von der Depeche-Tour im Sommer berichten, von Marrakesch und von San Francisco und die ein oder andere Dortmunder Geschichte fällt mir auch noch ein. Vielleicht bekomme ich es ja hin, dass ich immer mal wieder eine weniger deprimierende Story einstreue. Falls nicht, gehe ich als Emo-Blogger eures Vertrauens in die Geschichte ein, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Wenn die übrigens tatsächlich zuletzt stirbt, würde das bedeuten, dass die Liebe schon lange vorher ins Gras beißt, bevor die Hoffnung an der Reihe ist. So gesehen ist das ja alles nichts Ungewöhnliches, was mir hier widerfährt.