Mit Verachtung: Laufen, Yukon und Studenten

Eigentlich wollte ich jetzt einen anderen Text veröffentlichen, den ich zu weiten Teilen gestern bereits geschrieben habe. Nach einem miesen Tag und noch im Post-California-Depri-Loch befindlich hab ich mir das jetzt aber mal verkniffen. Manchmal reicht es auch, die Dinge aufzuschreiben und sie nicht sofort zu veröffentlichen. Hole ich vielleicht nach, vielleicht lasse ich es aber auch bleiben.

Stattdessen schreibe ich jetzt wieder einmal über eine meiner Runden durch Dortmund. Im letzten Beitrag ging es ja schon genau darum — und auch um die Begeisterung, die ich für menschenleere Straßen hege. Heute war es irgendwie nicht so leer. Den ganzen Tag habe ich quasi verschenkt und hab — im Bett liegend — Probleme gewälzt. So kam es dann, dass mir die Zeit ein wenig davon lief, denn wie sonst auch wollte ich schließlich auch heute meine 10.000 Schritte absolvieren.

Etwa um 22.35 Uhr verließ ich das Haus und hatte bis dahin gerade einmal etwas mehr als 1.000 Schritte auf meinem Zähler. Sollte klappen, dachte ich mir und überlegte noch während des Losgehens, dass ich unbedingt mal auf ’nen Podcast ausweichen sollte als Untermalung. Zuletzt hatte ich ein Hörbuch von Cody McFadyen gehört. Ich bin eigentlich ein großer Fan seiner Smoky-Barrett-Reihe und hörte in den letzten Tagen den fünften Roman dieser Reihe. Irgendwie war mir hier aber alles eine Nummer zu groß und zu absurd.

Vermutlich ist das das Schicksal eines Schriftstellers, wenn er eine erfolgreiche Figur erfindet, die schon im ersten Roman Dinge bewältigen muss, die für die meisten Menschen kaum zu ertragen sein dürften. Das Grauen der Fälle, in denen die FBI-Agentin ermittelt, steigerte sich von Story zu Story und hat jetzt im fünften Roman einen für mich etwas zu absurden Punkt erreicht.

Nach Musik war mir gerade aber auch nicht zumute. Problem dabei: Entscheide ich mich für die falschen Songs (und ja, für die entscheide ich mich einfach zu gerne mal), dann ist das in meiner Depri-Stimmung nicht gerade hilfreich und macht mich nur noch trauriger, als ich eh schon war. Oft genug funktioniert es zwar und ich bekomme die Birne frei, so wie ich es neulich bereits schrieb. Aber nach diesem Katastrophentag wollte ich auf Nummer sicher gehen und mich daher ganz bewusst von eigenen Gedanken und Problemen ablenken.

Deshalb beschloss ich, dass ich mir eben einen Podcast reinziehen sollte. Die Spotify-App zeigte mir allerdings noch die Musik an, die ich zuletzt auf dem Smartphone gehört hatte: Drangsals Debütalbum  Harieschaim. Ich hörte den letzten Song, hörte danach noch in ein paar Tracks des aktuellen Albums rein und daraus entwickelte sich dann der Plan, passend dazu endlich mal den „Mit Verachtung“-Podcast zu hören. Als Protagonisten sind hier Max Gruber, bekanntermaßen Drangsal-Mastermind, und Benjamin Griffey am Start. Letzterer dürfte euch allen als Rapper „Casper“ bekannt sein.

Ich schätze beide musikalisch, wobei „schätzen“ der Sache nicht wirklich gerecht wird. Viel passender wäre es, wenn ich sagen würde, dass die beiden zum Besten gehören, was die deutsche Musikwelt derzeit zu bieten hat. Beide finde ich über die Musik hinaus auch als Typen hoch interessant, Interviews mit den Jungs haben für mich echt immer einen ziemlichen Mehrwert. Deswegen wollte ich mir ihren Podcast schon lange mal anhören – heute war es dann endlich so weit.

In der ersten Folge kreieren die beiden auch direkt einen Kult um eine mysteriöse Pilotfolge, die sie eben nicht veröffentlicht haben, desweiteren sprechen sie u.a. über ihre zu dem Zeitpunkt aktuellen Videodrehs. Caspers Story war dabei die deutlich spannendere, denn für den Song „Flackern, Flimmern“ — für mich eh das Highlight des Albums — hatte es ihn nach Kanada verschlagen, genauer gesagt zum Yukon.

Nach meinem San Francisco-Trip und dem kurz vorher stattgefundenen Ausflug nach Marokko bin ich eh instant im Fernweh-Modus und so habe ich jetzt natürlich direkt Bock bekommen, mich auf den Weg nach Kanada in die eisige Kälte zu machen. Sehr spannend jedenfalls, was Casper über den Dreh erzählt und vor allem über das Leben dort. Für uns Deutsche ist wohl beides wenig greifbar: Temperaturen von -40 Grad Celsius und diese endlose Weite, in der man nur auf schrecklich wenig Menschen trifft.

Zwischendurch musste ich echt auflachen, weil beide eben auch ziemlich unterhaltsame Typen sind. Das war insofern schräg, als heute einer der Tage war, an denen sehr viele junge Menschen in der City unterwegs waren und es immer ein bisschen behämmert wirken muss, wenn jemand wie ich allein unterwegs ist und sich über irgendwas kaputtlacht, was er gerade hört. Ich hab natürlich keinen blassen Schimmer, an welchen Tagen sich aus welchem Grund besonders viele Studenten in der Stadt kaputt trinken. Heute war jedenfalls wieder so ein Tag, ständig liefen mir Horden von besonders lauten, lustigen und angeballerten Studis über den Weg.

Egal, ich war auf meinem Casper-Drangsal-Planeten unterwegs und in der Phase dadurch auch deutlich besser gelaunt als den kompletten Rest des Tages. Ich marschierte durchs Kreuzviertel und an einer Kreuzung sah ich beim Überqueren der Straße schon, dass mich auf der anderen Seite ein lustiger Student erwartete, der mich in wenigen Sekunden ansprechen würde.

Es sind nur wenige Sekunden, die man darüber nachdenken kann, was der Kamerad gleich wohl sagen wird. Dennoch fielen mir direkt mehrere — zumeist unfreundliche — Dinge ein, die er mir gleich entgegnen könnte. Er stand dort mit noch einem Kerl und einem kleinen, langhaarigen Mädchen, ich schätze sie alle mal auf Anfang 20. Eine meiner Überlegungen war, dass beide Jungs versuchen, bei dem Mädel zu landen. Wenn da ein deutlich älterer Typ mit Over-Ears auftaucht und man einen entsprechend witzigen Spruch bringen kann, könnte so ein junges Ding durchaus beeindruckt sein.

Erinnert mich zumindest an die Zeit, in der ich so jung war wie die drei. „Mädchen beeindrucken“ war natürlich Volkssport — macht man eigentlich irgendwann in seinem Leben überhaupt mal irgendwas aus einem anderen Grund, als einen Menschen des präferierten Geschlechts beeindrucken zu wollen? Hmm, muss ich ein anderes mal drüber nachdenken, denn jetzt signalisiert der Typ, dass er mir was sagen möchte und das vermutlich besser klappt ,wenn ich die Kopfhörer abnehme. Ich muss zugeben, dass ich mit einer anderen Anrede gerechnet hatte, denn er sagte:

Darf ich Dich fragen, was Du für Musik hörst?

Ich war nicht sicher, ob er jetzt drauf hinaus wollte, was jemand wie ich generell hört, oder ob es eben auf die Kopfhörer bezogen war und somit auf das, was ich aktuell höre.

Eigentlich höre ich gar keine Musik gerade, sondern einen Podcast von Casper und …

Den Satz konnte ich nicht beenden, weil der Typ so was wie „Casper? Kein Scheiß?“ rief, auf seine Freundin zeigte, die augenscheinlich Casper-Fan war. Das Gespräch ging noch ein paar Minuten und verlief durchaus unterhaltsam — zumindest unterhaltsamer, als ich es erwartet hatte. Die Kleine ließ wissend verlauten, dass der Podcast „Mit Vergnügen“ heißen würde. „Mit Verachtung“, verbesserte ich sie — einmal Klugscheißer, immer Klugscheißer.

Der Mensch, der mich angesprochen hatte, fragte mich dann, ob ich gerade die aktuelle Folge hören würde, denn dann könnte ich mich ja mit ihr darüber unterhalten. Dieser etwas künstliche Ansatz für ein Gespräch kommt hoffentlich nicht nur mir ungewöhnlich vor. Ich ging da aber nicht weiter drauf ein und gab zu, dass ich „ein wenig hinterherhänge“ und daher eine alte Folge höre. Ja, genau — ich gab mir nicht die Blöße zuzugeben, dass ich gerade die allererste Folge laufen hatte.

Ich merkte auch, dass das hier eine längere Geschichte werden würde, wenn ich nicht interveniere, aber ich hatte ja meine 10.000 Schritte und mein knappes Zeitfenster im Hinterkopf. Wir redeten noch kurz darüber, dass ich bald Drangsal in Bochum sehen würde, die Drei fragten zudem, ob ich auf ein Festival kommen würde, dessen Namen ich jetzt schon wieder vergessen habe. Sie erklärte, dass sie Drangsal schon mal live gesehen habe, ich gab an, dass ich ihn ebenfalls live gesehen hatte und natürlich auch schon Casper.

Dann machte ich den jungen Menschen aber klar, dass ich weiter müsste und verabschiedete mich mit einem:

Hört euch mal den Podcast an und dann treffen wir uns wieder hier an der Straßenecke und diskutieren darüber.

Ich verabschiedete mich und war schon losgelatscht, als der Typ noch hinter mir her rief, dass ich ihr dafür aber meine Nummer geben müsste, damit man das verabreden kann. Ehrlich gesagt bin ich nicht sonderlich schüchtern, was meine Daten angeht — meine Telefonnummer steht sogar bei Facebook. Aber ich hatte irgendwie wenig Bock darauf, denen jetzt meine Nummer zu diktieren und sagte ihnen, dass sie mich stattdessen einfach bei Facebook suchen sollen.

Sucht nach Carsten – also Facebook Dot Com, Slash, Carsten mit C

Im Weggehen hörte ich dann noch das, was ich eigentlich immer zu hören bekomme: „Als ob es da nur einen Carsten gäbe…“ Ich ging aber weiter, bereits wissend, dass mich von den Dreien ganz sicher niemand bei Facebook anschreiben würde. Ist aber auch okay so, wenn ihr mich fragt. Wir haben uns ein paar Minuten sehr nett unterhalten und vermutlich würde es nicht viel mehr Berührungspunkte miteinander geben.

Außerdem war ich auch der Meinung, dass es den Jungs tatsächlich nur darum ging, irgendwas zu beweisen, so im Sinne von: „Wetten, dass wir für Dich die Nummer vom erstbesten Typen kriegen, der uns entgegenkommt“ oder so. Aber sei es drum: In Zeiten, in denen man denkt, dass Leute immer verblödeter werden (ganz unabhängig von meinem persönlichen Misanthropen-Dasein), freue ich mich darüber, wenn man mit jungen Menschen ins Gespräch kommt, die sich über Musik tatsächlich Gedanken machen und in einer musikalischen Welt jenseits von irgendwelchem Autotune-Möchtegern-Gangster-Charts-Rap leben.

Ob die Drei mich letzten Endes für einen Spinner hielten? Keine Ahnung, möglich. Vielleicht war es aber auch für die Studenten (falls sie welche sind – ich unterstelle das einfach die ganze Zeit mal ^^) genau der gleiche unkomplizierte Schnack. Ich marschierte weiter, ließ mir noch ein bisschen von Casper und Drangsal die Welt erklären (Ernsthaft? Es gibt Leute, die Nutella hassen?) und kam durch ihr Gerede auf die Idee, selbst noch schnell was zu Essen einzusammeln. Immerhin hatte ich den ganzen Tag über noch nichts gegessen. Also, auf zum Kartoffel-Lord, was sonst 😉 Ich lag mittlerweile so gut in der Zeit, dass ich es mir erlauben konnte, dort ein paar Minuten auf meinen Arabic zu warten und jetzt sitze ich hier, bin satt und glaube, ich werde mir gleich einfach noch eine Folge von „Mit Verachtung“ gönnen.

Solltet ihr auch tun!