Herbstzerreißend

Eins vorab: Ich hab echt noch eine ganze Liste an Herbst-Wortspielen, aber nach drei Jahren kann man damit auch ruhig mal wieder aufhören, wird ja auch irgendwie nicht witziger. Nächstes Jahr jammere ich im Herbst dann unter anderem Namen.

Also weiter im Text: Ja, es ist wieder diese Zeit des Jahres. Samstag war der 12. Todestag meiner Mama. Ich hatte Palle zu Besuch, was gut war, weil ich dadurch abgelenkt war. Es fand das Derby statt und abends ging es mit Krücke ans Glas. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Tage vorher und auch die danach sind dieses Jahr schlimmer als der eigentliche Todestag. Wie macht ihr das? Wie übersteht ihr die Tage, an denen ihr an diejenigen denkt, die ihr verloren habt?

Doppelpunkt Bindestrich Klammer auf

Bei sowas bin ich eine unfassbare Pfeife und ich fürchte, dass ich in meinem Leben nicht mehr dahin komme, dass ich einigermaßen schmerzfrei durch diese Zeit komme, selbst wenn ich 600 Jahre alt werden sollte. Ich habe kein besonders gutes Bild von mir selbst aus verschiedenen Gründen, die ich hier jetzt lieber nicht vor euch ausbreite, aber an diesen Tagen, an denen ich in Selbstmitleid absaufe, kann ich mich selbst noch weniger ertragen.

Wieso ich mich so selten melde? Keine Ahnung. Wieso ich so nachlässig bei meiner Arbeit bin und damit unprofessionell? Weiß ich nicht. Wieso ich auch sonst nichts geregelt bekomme, was dringend geregelt werden sollte? Kein Schimmer. Die gute Nachricht: Wer hier meine Herbst-Artikel gelesen hat, kennt das alles schon — immerhin eine gewisse Art von Kontinuität in meinem Leben.

Manchmal weiß ich nicht, wie ich die Dinge bewältigen kann, die ich vor der Brust habe. Wie will man ein komplexes Problem lösen, wenn mich manchmal schon Aufstehen überfordert? Dann komme ich mir vor wie ein Typ, dem man in beide Beine geschossen hat und der dennoch einen Achttausender hochjoggen möchte.

Meinen Tiefpunkt hatte ich dieses Jahr schon lange vor dem Herbst, Im Mai ging mir echt der Arsch auf Grundeis und ohne Caschy und seine Familie wüsste ich nicht, wo ich gerade stehen würde — oder ob. Irgendwann werde ich auch diese Zeit sicher irgendwie in Worte fassen — ihr werdet heulen, wenn ihr es lest, versprochen. Könnte ich auch gerade selbst wieder bei der Vorstellung, dass ich nicht annähernd das auf die Kette bekomme, was ich so dringend erledigen müsste und ich wieder ein Jahr verschenkt habe.

Auch sonst lief 2019 oft nicht so, wie man es sich vorher gewünscht hat. Ich hab 20 Kilo abgenommen bis zum Sommer, seitdem 15 Kilo wieder zugenommen. Mit dem Wissen, dass ich abnehmen kann, geht es mir ein bisschen besser als vorher. Die eigene Blödheit, dennoch wieder zuzunehmen, macht mich dennoch bescheuert.

Außerdem gibt es Menschen, die sich aus meinem Leben verabschieden. Nicht mit einem lauten Knall, sondern ganz gemächlich und ganz leise. Man hat einfach weniger Kontakt, manchmal melden sie sich von einen Tag auf den anderen nicht mehr — ohne, dass ich sagen könnte, woran es liegt. Einen Vorwurf kann ich diesen Menschen dennoch nicht machen, schließlich bin ich ja oft genug auch derjenige, der sich nicht oder viel zu selten meldet. Das macht es nicht einfacher, sich von lieb gewonnenen Personen zu verabschieden, erklärt es aber vielleicht ein bisschen.

Wieder einmal habe ich auch einige Beiträge der letzten Jahre gelesen und wieder einmal ist mir dabei aufgefallen, dass ich mich bei den Themen, den Problemen und meinen Gefühlen wiederhole. Kein Wunder, dass also auch das Alleinsein wieder ein Thema war in diesem Jahr. Und ehrlich gesagt habe ich das Geüfhl, dass es Jahr für Jahr mehr an mir nagt.

Oft wollen mich Menschen aufmuntern, indem sie mich daran erinnern, dass ich doch tolle Freunde habe. Ja, die habe ich in der Tat und ich bin mir auch des Glücks durchaus bewusst, dieses Menschen um mich zu haben. Einsamkeit und Einsamkeit sind aber nicht das selbe, liebe Freunde. Man kann auch trinkend im Club einsam sein und man kann die großartigste Zeit seines Lebens mit Freunden haben — und drei Tage später doch wieder vor Einsamkeit verrecken. Ja, ich erlebe tolle Dinge mit meinen Freunden, das stimmt. Trotzdem bin ich ungefähr an 330 von 365 Tagen allein in meiner Wohnung, quatsche mit mir selbst und suhle mich in meinem Elend. Viele meiner Freunde sind nun mal etliche Kilometer entfernt und haben andere Verpflichtungen.

Und ganz ehrlich: Selbst, wenn man jeden zweiten Tag was unternehmen würde mit Freunden, würde es nicht viel an der Einsamkeit ändern, die Besitz von jemandem ergreift, wenn man wieder und wieder alleine einschläft, wieder und wieder alleine wach wird und all diese unzähligen Stunden alleine verbringt, die man doch eigentlich gern zu zweit verbringen wollen würde.

Doppelpunkt Bindestrich Klammer zu

Genug gejammert erst mal. Alles war natürlich nicht kacke und ist es auch im Moment nicht, selbst wenn die Zeiten schwierig sind. Ich sprach es oben schon mal an, dass ich eine sehr schwierige Phase zu überstehen hatte im Frühling. Das ist richtig kacke, klar — aber es zeigt einem aber auch wieder, wie gesegnet man mit seinen Freunden ist. Caschy und seine Familie halfen mir da wieder raus, auch Szapi, Sue und Martin muss ich dankbar sein.

Dankbar bin ich aber auch dafür, dass sie mir nicht nur in einer Notsituation zur Seite stehen, sondern mich auch viel von meinem Scheiß zumindest temporär vergessen lassen. Wir haben verrückte Parties gefeiert in diesem Jahr, in Leipzig, in der Schweiz, in Bremerhaven, in Rodgau und sonst noch wo. Ebenso durfte ich bei einigen tollen Konzerten dabei sein dieses Jahr. Zum ersten mal Rammstein, zum ersten mal Madrugada und endlich, endlich wieder die Ärzte. Mit IAMX gab es schon sehr früh im Jahr ein besonderes Highlight, als wir uns alle drei Konzerte der Deutschland-Tour gönnten, in Köln, Frankfurt und Leipzig.

Ich war mit meinen Freunden in London, hatte beruflich tolle Trips nach Mailand und Chicago und werde mit Palle den Bali-Trip nachholen, den ich letztes Jahr abgesagt habe. Pinzi haben wir sogar zwei mal besucht, bei den Ostermanns gehöre ich wie bei den Knoblochs mittlerweile fast zum Inventar. Solche Reisen halten mich immer wieder am Leben und tun mir unendlich gut. Diese Gier auf neue Städte, neue Menschen, neue Länder und neue Erlebnisse lässt zum Glück ebenso wenig nach wie das Verlangen, mit meinen Freunden Zeit zu verbringen.

Das Gleiche gilt für den Wunsch, neue Dinge anzufangen — also bin ich guter Dinge, dass der lange geplante Podcast mit Vasi dann im kommenden Jahr tatsächlich Gestalt annimmt und ich hoffentlich noch in diesem Jahr mit Ohst an neuer Musik schrauben kann — die ersten 30 Sekunden haben wir ja irgendwie immerhin schon 😉

Funkstille

Damit hab ich jetzt ein paar Sätze dazu geschrieben, was mies war in diesem Jahr und was im Gegensatz dazu viel Spaß gemacht hat. Dann beende ich den Text hier für heute, indem ich noch ein paar Worte darüber verliere, was ihr eh schon wisst: Momentan ist mir die Lust vergangen, großartig zu chatten oder mich auf sozialen Netzwerken herumzutreiben.

Das hat nichts mit euch zu tun, logisch. Was die Chatterei angeht, so bin ich in blöden Phasen wie dieser halt nicht sonderlich gesprächig. Dass mir der Bock vergangen ist, auf Facebook zu schreiben, liegt allerdings mehr an der Gemengelage allgemein und an diesem rauen Ton, der überall herrscht. Speziell nach der Wahl in Thüringen hätte ich nicht übel Lust, von morgens bis abends verblendete AfD-Wähler anzuzählen, aber wir wissen beide, dass das verschenkte Zeit und Energie wäre.

Die Wahlen im Osten, die zwei Morde des verrückten Antisemiten in Halle, dazu noch die Hysterie der „Klima-Hysterie“-Rufer — all das führt zu einem vergifteten Klima, bei dem es kaum noch möglich ist, sich vernünftig mit Menschen zu unterhalten. Mein eigener Bruder ist in eine obskure „Fuck you Greta“-Richtung abgedriftet und lacht genau so arrogant über jeden, der nicht seiner Meinung ist, wie man es auch bei so vielen anderen sieht.

All das ist für mich schwer zu ertragen und wenn ich da nicht zwischendurch die Reißleine ziehe und mal für eine Weile Ruhe gebe, drehe ich selbst noch durch. Ich weiß jetzt schon, dass mir bei nächster Gelegenheit wieder jemand aufs Brot schmieren wird, dass ich es wage, ein Flugzeug zu betreten, obwohl ich auf Seiten der Fridays-For-Future-Bewegung stehe. Dabei ist diese Argumentation so unfassbar dämlich. Ungefähr auf dem Niveau der Leute, die vorschlagen, dass man Geflüchtete bei sich aufnehmen soll, wenn man nicht pauschal gegen Geflüchtete ist.

Das sind oft eigentlich intelligente Menschen aus meinem eigenen Bekanntenkreis, die plötzlich jenseits von Gut und Böse argumentieren. Das raubt mir den Nerv, meine Zeit und meine Energie und das verkneife ich mir deshalb derzeit lieber. In ein paar Tagen juckt es mir vermutlich wieder in den Fingern und dann werde ich auch wieder fröhlich mitschimpfen über die AfD, Trump und sonst noch was. Aber bis dahin halt ich mal ein paar Tage das Maul – genießt es 😉