22. Mai

Der 22. Mai ist ein besonderer Tag für mich. Das liegt aber entgegen Eurer Vermutungen (ach kommt, ich weiß doch genau, was ihr denkt 😀 ) nicht daran, dass mein Geburtstag an diesem Tag so weit weg ist wie sonst nie wieder im Jahr. Es liegt auch nicht daran, dass man an diesem Tag mal eine Beziehung mit mir beendete, weil man mir „den Geburtstag nicht vermiesen wollte“.

Ebenfalls an einem 22. Mai wachte ich in der Nähe von Mailand auf, mit schlimmen Kopfschmerzen, einem Geschmack im Maul, als hätte mir ein magenkrankes Gnu in den Hals geschissen, aber dennoch glückselig. Meine Schalker, die eben heute ihren vorerst letzten Arbeitstag in der ersten Bundesliga beendeten, holten an meinem Geburtstag 1997 den UEFA-Cup – sicher eine Geschichte, die ich hier auch nochmal erzähle.

Aber der außergewöhnlichste 22. Mai ist vermutlich der des Jahres 1986: Meine Mama hatte mir vorher schon versprochen, dass ich zu meinem 15. Geburtstag eine Eintrittskarte zum Depeche Mode-Konzert in der Westfalenhalle erhalten würde. Ich wette, ich hab das hier schon mal erzählt, eventuell in meinem Artikel zur Black Celebration oder zum Song Stripped. Ich kann mich auch noch dran erinnern, dass ich Schiss hatte, dass da irgendwas nicht klappen könnte.

Fragt mich nicht, wieso ich das dachte – irgendwelche Synapsen, die mir heute noch zu schaffen machen, waren vermutlich damals schon falsch zusammengelötet und ließen mich denken, dass mir keine besonderen Dinge widerfahren würden, oder dass ich sie zur Not selbst vermasselte. Vielleicht hätte ich es auch fast vermasselt. Jetzt sind 35 Jahre vergangen, daher kann ich es euch ja erzählen, weil es längst verjährt ist: Ich habe ein einziges Mal in meinem Leben etwas in einem Laden gestohlen – ihr seht, der 22. Mai ist das Datum für die besonderen Highlights meines Lebens 😉

Ich habe mich mit einem Klassenkameraden in der Nähe seiner Wohnung getroffen. Er war meine Konzertbegleitung, außerdem war dort aber noch ein anderer Junge aus meiner Klasse zugegen. Wir gingen noch kurz in den Supermarkt und kurz bevor wir dort an die Kasse kamen, sagte unser Klassenkamerad zu uns, dass wir ihm doch bitte einen Gefallen tun sollten und eine Packung Zigaretten einstecken – er würde solange die Kassiererin ablenken.

Ich war total verdutzt und noch überraschender war für mich vermutlich, dass ich tatsächlich eine Packung einsteckte. Während ich das tat, sah ich Bilder in meinem Kopf, auf denen ich in einem Polizeirevier saß, während Dave Gahan sich zeitgleich in Dortmund die Kehle aus dem Leib sang. Sekunden später waren wir draußen, niemand bemerkte was und noch heute möchte ich mir für diesen Leichtsinn ins Maul boxen. Anscheinend war auch ich als frischgebackener Fünfzehnjähriger nicht davor gefeit, vor meinen Kumpels möglichst cool zu wirken.

Den Rest der Geschichte habe ich sicher schon hundert Mal erzählt, vielleicht hole ich das hier auf dem Blog auch nochmal gesondert nach. Immerhin war es mein allererstes Konzert, somit auch mein erstes Depeche-Konzert logischerweise und der Beginn einer langen Reise, die zum Glück auch 35 Jahre später immer noch nicht am Ende angelangt ist.

Halbzeit

Seit einem Tag bin ich jetzt 50 Jahre alt. Ehrlich gesagt hatte ich keine Angst davor, dass vorne jetzt ’ne 5 steht. Ich glaube, vor zehn Jahren habe ich da mehr drüber nachgedacht. Dieses erste Depeche-Mode-Konzert ist nun exakt 35 Jahre her und ich hätte mir damals nicht ausgemalt, dass mein Leben so verlaufen würde, wie es das bislang getan hat. Ich habe sicher damals schon geglaubt, dass mich diese Musik durch mein Leben begleiten würde, aber mit 15 glaubt man ja viele Dinge und weiß sie einfach nicht besser.

Menschen kamen und gingen, ebenso kamen Jobs und gingen auch wieder. Auch hier hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich irgendwann mal Geld damit verdienen würde, zuhause Dinge zu schreiben. Natürlich nicht, denn ich wusste damals nichts vom Internet, hatte noch keinen Schimmer, was ein Blogger wohl sein könnte und konnte mir auch ganz sicher nicht ausmalen, dass man von zuhause aus arbeitet. Man hat mir meine Mama viel zu früh genommen – ich muss daran denken, dass sie nur wenige Jahre älter geworden ist, als ich heute bin.

Ich denke heute also an solche Sachen, aber auch sehr viel daran, wie viel Glück ich gehabt habe. Glück mit meinem neuen Job, der mir viel abverlangt, gerade in Zeiten wie jetzt, wo mich auch andere Dinge wieder mental meine Grenzen aufzeigen. Glück habe ich vor allem mit den Menschen gehabt, die um mich sind. „Um mich“ ist ein merkwürdiger Begriff mitten in der Pandemie, weil ich außer Krücke eigentlich schon ein halbes Jahr keinen Freund mehr getroffen habe.

Aber diese Menschen sind alle da, sie sind im Netz für mich erreichbar, immer einen Anruf oder eine Sprachnachricht entfernt und ich weiß, dass ich sie ganz bald wiedersehen kann. Anscheinend hinterfrage ich immer noch alles Positive, das mir widerfährt und wundere mich daher auch heute noch darüber, dass meine Freunde mich schrägen Vogel in ihre Herzen gelassen haben und mich mit all meinen Macken ertragen.

So sitze ich jetzt hier also, denke über vergangene Konzerte und bestehende Freundschaften nach und über Geburtstage und diesen speziellen ersten Tag nach meinem Geburtstag. Als Zwischen-Headline habe ich oben „Halbzeit“ gewählt. Dazu muss ich euch erzählen, dass ich vor zehn Jahren noch auf einem anderen Blog eigentlich am selben Datum einen Beitrag schreiben wollte, der „Drittelpause“ heißt. Dort hätte ich dann laut darüber nachgedacht, ob ich mit 40 ins Schlussdrittel einbiege, oder ob erst das zweite Drittel anbricht und ich vielleicht stolze 120 Jahre alt werde.

Wenn ich jetzt also „Halbzeit“ schreibe, dann klingt das erst mal pessimistischer. Das ist aber nur meinem Understatement geschuldet, denn eigentlich bin ich davon überzeugt, dass „Drittelpause“ auch heute noch passen würde und ich im schlechtesten Fall 75, im besten aber 150 Jahre alt werde. Ihr wisst ja, dass ich den Entwicklern neuer Technologien ein gewisses Grundvertrauen einräume und somit guter Dinge bin, dass man auch meinem runtergewirtschafteten Körper in ein paar Jahren wieder auf die Sprünge helfen kann.

Logisch also, dass ich darüber nachdenke, was da noch alles kommen könnte. Ich hoffe einfach, dass sich einige Dinge nicht ändern. Dass mir meine Freunde erhalten bleiben und dass ich auch in 50 Jahren noch in der Lage bin, das zu tun, was ich liebe: Nein, nicht fressen, ihr Schweine 😀 Ich meine schreiben! 😀

Bei anderen Sachen hoffe ich sogar sehr, dass sich vieles ändern wird. Wir müssen nachhaltiger werden, müssen den Planeten retten, müssen Wirtschaft und Gesellschaft komplett umkrempeln und als Gesellschaft vor allem wachsen. Und ja, natürlich hab ich auch Ziele. Nachdem mittlerweile ein erster Podcast online ist mit der Casa Casi, in der ich plaudern kann, hoffe ich auf weitere Projekte und gebe auch die Hoffnung nicht auf, dass es Vasi und ich noch irgendwann geregelt bekommen 😀

Ich will das Buch zu Ende schreiben, von dem ich in den letzten zwei Jahren immerhin drei oder vier Seiten geschafft habe. Ich will Musik machen mit Ohst und ganz sicher will ich auch wieder auf viele Konzerte gehen. Ich möchte und werde meine Freunde wiedersehen und mit ihnen feiern und ich freue mich auch darauf, dass ich viele Probleme in meinem Leben mit der Hilfe von lieben Menschen wieder in den Griff bekommen kann.

Wenn ich heute also hier sitze, auf 50 Jahre zurückblicke und mir die nächsten 50 ausmale, muss ich zugeben, dass ich trotz aller Schwierigkeiten, Sorgen und Nöte heute einen besseren 22. Mai erlebe, als das in vielen der letzten Jahre der Fall war. Ja, ich weiß: Dennoch habe ich gestern meinen eigenen Geburtstag wieder ziemlich boykottiert und ich habe ehrlich gesagt auch jetzt immer noch nicht alle Nachrichten gelesen und angehört.

Aber ganz vieles habe ich gestern eben doch mitbekommen und mich darüber gefreut. Ich werde das in Ruhe noch alles lesen, versprochen. Aber bedanken kann ich mich ja im Grunde jetzt schon. Ja, ich bin ein Geburtstagsmuffel und werde ja auch nicht müde, das immer wieder zu erklären. Nichtsdestotrotz weiß ich es aber zu schätzen, wenn sich jemand die Zeit nimmt, sich bei mir zu melden. Dabei ist es egal, ob es ein schlichtes „Happy Birthday“ ist, weil man von Facebook dran erinnert wurde, oder ob es Ständchen, geteilte Bilder und ganz liebe Wünsche sind.

All das tut mir gut und macht mich auch immer wieder sehr demütig. Ich schrieb weiter oben, dass ich manchmal nicht nachvollziehen kann, wieso mir gute Dinge widerfahren. Wenn mir Hunderte Menschen Jahr für Jahr liebe Worte gönnen und mir nur Gutes wünschen, dann zähle ich das jedenfalls zu solchen guten Dingen. Daher möchte ich mich also hier jetzt bei euch bedanken und euch bitten, es mir nicht übelzunehmen, wenn ich euch nicht persönlich Danke sage.

Normalerweise sagt man bei diesen Geburtstags-Danksagungen dann immer, dass man einen tollen Tag hatte und ihn mit seinen Lieben und vielen Geschenken verbracht hat. Mein Leben sieht halt anders aus. Kaum Geschenke (über die angekommenen habe ich mich aber riesig gefreut :-*), gar keine Menschen, sehr viel Nachdenken, sehr viel Arbeit und schlussendlich ein sehr einsamer Abend mit Netflix. Aber das ist okay, weil ihr alle mich durch den Tag getragen habt und mit dazu beigetragen habt, dass sich dieser Geburtstag deutlich weniger scheiße anfühlte als die letzten. Nochmal: Ganz lieben Dank dafür!

Das hilft mir und motiviert mich für die nächste Zeit, da bin ich ganz sicher. Sicher werde ich über die unschönen Dinge, die mich gerade umtreiben, auch in absehbarer Zeit ein paar Worte verlieren hier auf dem Blog. Aber heute lasse ich das mal und höre hier jetzt auch mal auf. Immerhin beginnt gleich der ESC – und den will ich genießen. Wieder ganz alleine in meiner Bude, aber zumindest virtuell mit dem ein oder anderen von euch. Ich bin jedenfalls heilfroh, dass es euch alle gibt und werde weiter versuchen, mir diese Geburtstags-Grinchigkeit abzugewöhnen 😉

Artikelbild: Wieder einmal ein totales Random-Foto, was ich irgendwann beim Latschen geknipst habe 😉

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