Liebe AfD-Fans: Erklärt mir bitte eure Partei!

Hallo AfD-Fans und -Sympathisanten. Die freundliche Anrede in der Headline ist ein Vertrauensvorschuss, weil ich eine Rest-Hoffnung in mir trage, dass ihr nicht alle schlechte, missgünstige Menschen seid und nicht alle so weit rechts in der Gesellschaft steht, dass die Bezeichnungen „bürgerlich“ oder „konservativ“ für euresgleichen ein schlechter Witz wären.

Wir befinden uns seit neun Monaten in einer Pandemie, die uns viel abverlangt und die natürlich auch einer Regierung viel abverlangt. Vermutlich können wir über diese Situation nicht viel Positives sagen, aber eine der wenigen positiven Aspekte war es zweifellos, dass die AfD monatelang angenehm ruhig war. Plötzlich ging es nämlich nicht darum, laut zu trommeln, haltlosen Quatsch zu behaupten und Menschen aufzuhetzen — es waren Lösungen gefragt. Das ist zweifelsfrei nicht die Kernkompetenz dieser Partei und ich glaube, sie erhebt auch gar nicht erst den Anspruch darauf.

Aber der Unmut in der Bevölkerung, befeuert von der Querdenken-Bewegung, ließ bei den Rechtspopulisten wieder Hoffnung aufkeimen. Hoffnung, dass man jetzt wieder die eigenen Stärken ausspielen kann: In einer Krisensituation Leute gegeneinander aufhetzen und ohne eigene Lösungsansätze die Regierung kritisieren.

Mir fiel es immer schon schwer zu verstehen, wieso es Leute gibt, die in der „Alternative für Deutschland“ tatsächlich so etwas wie eine Alternative für irgendwas sehen. Wer ernsthaft an Politik interessiert ist und sich sowohl mit den Themen beschäftigt als auch die Plenarsitzungen im Bundestag verfolgt, kann unmöglich auf die Idee kommen, dass die Politiker dieser Partei-Imitation auch nur annähernd den Plan verfolgen, das Land voranzubringen zum Wohle aller.

Würde die Regierung noch heute Nacht anordnen, dass die Pandemie vorbei wäre und alles sofort wieder aufmachen soll, wäre die AfD dagegen — einfach, weil sie immer dagegen ist. Ich erinnere nochmal an Alice Weidels Tweet aus dem März dieses Jahres:

Ihr könnt euch also sicher sein: Dass, was die Regierung macht, wird immer das exakte Gegenteil dessen sein, was die AfD fordert. Damit möchte ich nicht die Regierung von jeglicher Schuld freisprechen, denn es gibt sicher genügend Punkte, die man an der Regierungsarbeit kritisieren kann und muss. Zu einer Krise diesen Ausmaßes gehört es aber, dass man Dinge probieren muss und Risiken eingeht, dass manche dieser Dinge nicht auf Anhieb den gewünschten Effekt zeigen.

Was ich jenseits jeglicher Inhalte nicht begreifen kann: Wieso kann man sich einer Politik zuwenden, die angetrieben wird von Menschen, die in wirklich jedem Wortbeitrag Polemik, Häme und Geringschätzung versprühen. Wenn ich einen FDP-Menschen reden höre und danach einen Vertreter der CSU und schließlich einen der Linken, dann habe ich — je nach Thema — vermutlich drei komplett unterschiedliche Standpunkte gehört. Nichtsdestotrotz respektieren sich diese drei Menschen, reden vernünftig miteinander, selbst wenn man hart in der Sache vorgeht.

Das geht der AfD komplett ab und das macht doch jeden normalen Menschen stutzig, oder nicht? Wieso kann ich in der Opposition nicht gegen die Regierung argumentieren, ohne mit Häme und Polemik zu agieren? Wieso kann man die Rede einer Kanzlerin, die schon nahezu verzweifelt um Vernunft bettelt, mit einem entrüsteten Kopfschütteln quittieren? Und wie können Bewohner dieses zweifellos lebenswerten Landes dann allen Ernstes behaupten, dass eine Kanzlerin Merkel dem Land schadet und die Lösung außen rechts im Bundestag sitzt? Ich kriege es einfach nicht in den Kopf, da fehlt mir jegliche Fantasie.

Genau deswegen wende ich mich an Menschen, die das augenscheinlich gut finden, was die AfD da versucht. Erklärt mir einfach, wieso ihr glaubt, dass auch nur irgendwas in diesem Land besser wäre, wenn die AfD dieses Land führen würde. Wieso glaubt ihr, dass eine Partei, die erst jüngst deutlich bewiesen hat, wie wenig sie die Grundregeln der parlamentarischen Demokratie wertschätzt, die sich selbst nicht einig ist, ob wir nun in einer „Corona-Diktatur“ leben oder nicht und die über die Länge der Pandemie konstruktive Vorschläge vermissen ließ, auch nur im Ansatz so etwas wie eine tatsächliche Alternative sein kann?

Erklärt mir auch, wieso ihr ebenso agiert.

  • Wieso stets die „Haha“-Reaktionen auf Facebook, selbst wenn über Corona-Tote diskutiert wird.
  • Wieso die gleiche Häme und Arroganz, die auch die AfD im Bundestag an den Tag legt?
  • Wieso findet ihr pauschal alles furchtbar, was in der Politik entschieden wird?
  • Wieso könnt ihr nicht sehen, dass sich die Menschen in 99 Prozent der Länder auf diesem Planeten wünschen würden, in so einem Land leben zu können?
  • Wie rechtfertigt ihr es, dass die AfD sich — je nach Handeln der Regierung — komplett widersprüchlich verhält?
  • Wieso glaubt ihr, dass die AfD damit Recht hat, dass die deutsche Corona-Politik so falsch ist, obwohl wir sehen, dass es andere Länder viel, viel härter trifft und uns andere Nationen um unsere Maßnahmen und Resultate beneiden?
  • Wieso sprecht ihr davon, dass die Gesellschaft sich immer weiter spaltet — und unterstützt dann eine Partei, die genau dieses Spalten der Gesellschaft ganz oben auf der eigenen Agenda hat?
  • Wie erklärt ihr mit eigenen Worten den Begriff „Diktatur“?

Ich breche das jetzt mal ab, weil ich das Gefühl habe, dass ich noch drei Dutzend dieser Fragen stellen könnte, die mein Unverständnis für jegliche Sympathie mit der AfD ausdrücken. Nach wie vor glaube ich, dass sich unter der Anhängerschaft nicht nur Schwurbler, Rechtsextreme, Identitäre, Impfgegner und Verschwörungsideologen befinden. Aber ganz ehrlich: Angesichts all dessen, was diese Partei sich tagtäglich leistet, wird es für tatsächlich besorgte Bürger immer schwieriger, mir glaubhaft zu erklären, dass es Gründe dafür gibt, sein Kreuz bei der AfD zu machen. Aber das ist hier kein rhetorischer Trick oder ein Sturm im Filterblasen-Wasserglas. Ich möchte tatsächlich mit jemandem diskutieren, der mir all das erklärt und meine Fragen beantwortet. Wer mag, kann das gerne in den Kommentaren tun, direkt unterm Artikel hier. Wem das zu öffentlich ist — mailt mir an casidevotee@gmail.com, was euch bewegt.

Erklärt es mir!

Wie gesagt: Ich möchte niemanden vorführen oder vorverurteilen, aber diese Grabenkämpfe machen mich müde. Ich habe ein gutes Gefühl, dass jemand, der ergebnisoffen diskutiert, keine schlüssigen Argumente für diese Partei bringen kann. Und wenn jemand tatsächlich ergebnisoffen ist, kann man ihn vielleicht davon überzeugen, dass er da den Falschen hinterherrennt. Wir müssen als Gesellschaft wieder mehr aufeinander zugehen. Für die Weidels, Höckes und Storchs ist für mein Empfinden da jede Hoffnung verloren, die halte ich für zutiefst unehrliche und böswillige Menschen. Aber alle anderen müssen miteinander reden können, meint ihr nicht auch? Lasst mal hören …

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