Schlechte Nachricht: Trump wird nicht verschwinden

Auch, wenn es in der deutschen Berichterstattung logischerweise weniger Raum einnimmt, finde ich die Geschehnisse um den US-Präsidenten Trump und den President Elect Biden so spannend, dass ich nach wie vor viel CNN glotze und einschlägige YouTube-Kanäle verfolge. Die letzten Tagen waren immer wieder von Nachrichten geprägt, in denen Trump wie ein Rohrspatz schimpft, sich um den Wahlsieg betrogen fühlt und Durchhalteparolen raushaut, die signalisieren, dass er weiterkämpfen wird.

Dutzende Versuche, Wahlbetrug zu beweisen und vor Gerichten einen anderen Wahlausgang zu erzwingen, scheiterten kläglich, zuletzt sogar zweimal vor dem Supreme Court, in dem die konservativen RichterInnen bekanntlich die deutliche Mehrheit stellen. Dennoch war für Trump hier nichts zu holen, so dass selbst die loyalsten Trump-Anhänger so allmählich einsehen sollten, dass die Nummer durch ist und am 20. Januar mit Joe Biden ein neuer US-Präsident die Arbeit aufnimmt.

Trump wird das Weiße Haus verlassen, nicht aber die politische Bühne

Trump, sein Spezi Giuliani und Pressesprecherin Kayleigh McEnany geben längst ein Bild ab, was je nach Tagesform zwischen mitleiderregend und unfreiwillig komisch schwankt. Dennoch verkündet der Präsident seine Durchhalteparolen und es darf spekuliert werden, weshalb er das tut. Eine Wahrheit ist sicher, dass es sich einfach finanziell für ihn rechnet. Million um Million Dollar sammelt er derzeit ein mit der Behauptung, dass er mit diesem Geld verhindern möchte, dass man ihm die Wahl stiehlt. Für diesen Zweck wird aber tatsächlich nur der kleinste Teil dieser Spenden verwendet. Mag sein, dass er mit dem Rest bereits die Kriegskasse füllt, die er braucht, wenn er 2024 erneut als Präsidentschaftskandidat antreten möchte.

Ich glaube aber, dass es nicht primär um diese Kohle geht. Trump ist einfach gefühlt der schlechteste Verlierer auf diesem Planeten. Wenn irgendwas funktioniert — beispielsweise die Entwicklung des Impfstoffs — dann haftet er sich gerne diesen Erfolg an, auch wenn er so gar nichts mit ihm zu tun hat. Funktioniert aber etwas nicht, findet er entweder einen anderen Schuldigen — oder er dreht sich die Geschichte so zurecht, dass er eben nicht als Verlierer dasteht.

Er selbst spricht gerne davon, dass sich die USA derzeit weltweit blamiert und wie ein Dritte-Welt-Land präsentiert. Er meint damit natürlich den Wahlbetrug und dass ihm die „Radikalen Linken“ sein Amt geklaut haben. Grundsätzlich hat er sogar Recht, was die Blamage angeht, aber blamiert werden die USA durch Trump selbst und durch die Republikaner, die ihm in Nibelungentreue ins Verderben folgen. Allein die Tatsache, dass der jüngst von Texas initiierte Anlauf vor dem Supreme Court von 17 republikanischen Justizministern verschiedener Bundesstatten und 126 republikanischen Kongressabgeordneten mitgetragen wird, zeigt deutlich auf, dass wir es längst mit einer reinen Trump-Partei zu tun haben.

Nicht falsch verstehen: Natürlich sind nicht alle Republikaner auf Trumps Seite — aber sie wissen, dass sie aktuell lieber das Maul halten, wenn sie der Meinung sind, dass man einen Präsidenten Joe Biden nicht verhindern kann oder verhindern sollte. Dadurch nehmen sie in Kauf, dass die Partei am 20. Januar in einem Tal der Tränen aufwacht, aus dem man sich dann erst einmal wieder befreien muss.

Ich habe keinen Schimmer, wie der Abschied Trumps aus dem Weißen Haus aussehen wird, oder ob er bei der Inauguration zugegen sein wird. Aber ich bin überzeugt davon, dass Trump auch weiterhin den politischen Diskurs in den Vereinigten Staaten bestimmen wird. Über Monate hat Trump den Gedanken in die Köpfe der Menschen gepflanzt, dass irgendwas mit dem US-Wahlsystem nicht stimmt. Es stimmt damit tatsächlich einiges nicht, aber das ist ein ganz anderes Thema und hat nichts mit den Vorwürfen zu tun, die man aus dem Weißen Haus vernimmt. Aber dieser Gedanke hat sich zementiert und egal, wie Gerichte entscheiden: Seine Anhänger glauben diese Lüge.

Wir dürfen nicht vergessen, dass über 70 Millionen Trump gewählt haben, dass diese Menschen auch 2021 alle noch da sein werden und nach wie vor Trump-Anhänger sein werden. Egal, ob Trump einen eigenen Fernsehsender auf die Beine stellt, gar eine eigene Partei gründet, oder einfach nur der Vortänzer der Republikaner bleibt: Viele Millionen Menschen werden weiterhin an seinen Lippen hängen und alles begrüßen, was Donald Trump plant.

Es war zu Beginn seiner Amtszeit, als aus seiner Administration der Begriff der „alternativen Fakten“ geprägt wurde. An dem Punkt stehen wir immer noch und es gibt genügend Menschen, Politiker und Medien, die all die Falschaussagen mittragen, die Trump verbreitet. Fakten sind nichts wert, solange es nur um Ideologien geht und darum, blind einem Menschen zu folgen.

Wie gefährlich das ist, zeigt der oben verlinkte Tweet. Trump zitiert dort einfach einen seiner Fans, der davon spricht, dass man sich in einer sehr gefährlichen Situation befindet, die dramatisch eskalieren könnte. Es ist wieder das gleiche Muster wie beim Voter Fraud. Auch hier pflanzt Trump eine Idee in die Köpfe seiner Anhänger und man muss in der Tat befürchten, dass im Stile einer selbsterfüllenden Prophezeiung Leute durchdrehen werden auf den Straßen.

Auch dieses Wochenende waren wieder Tausende Amerikaner auf den Straßen, die für Trump und seinen Wahlsieg demonstrierten. Egal, wie sich die Biden-Administration bewährt und egal, wie sich die Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus darstellen: Über allem befindet sich wie ein Damoklesschwert der mächtige Schatten Trumps. Er wird weiter seine Fans anheizen und es steht zu befürchten, dass seine Lügen, Beschimpfungen und Anschuldigungen noch radikaler ausfallen, wenn er erst einmal die Bürde des Präsidentenamts los ist.

Ich glaube nicht, dass man diesen Mann in ein paar Wochen mit Gewalt aus dem Weißen Haus entsorgen muss, egal, wie die Nummer ausgeht. Aber richtet euch drauf ein, dass der Spuk nicht vorbei ist, wenn Demokrat Biden das Amt übernimmt.

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