Vincent

Wir leben in Zeiten, in denen ich manchmal das Gefühl habe, dass Dinge an Wert verlieren. Spotify bietet mir über 40 Millionen Songs — da ist es dann also schwierig, ein neues Album ebenso wertzuschätzen wie damals in den Achtzigern, wo man sich für 20 DM ein Album vom eigenen Taschengeld zusammensparte und dann wochenlang rauf und runter spielte.

Ebenso ist es bei TV-Serien: Netflix, Amazon, Sky und wie sie alle heißen, lassen uns ganze Staffeln unserer Lieblingsserien hintereinander weg betrachten. Das ist natürlich unsagbar angenehm fürs Binge Watching-Wochenende, tendenziell fühlt sich aber auch das anders an als damals, als man bei der Lieblings-Serie wieder eine Woche warten musste, bis die nächste Folge lief und oft mehrere Jahre, bis man dann irgendwann zu einer unchristlichen Zeit die Wiederholung erwarten konnte.

Eigentlich will ich aber gar nicht darüber reden, wie sich Hör- und Sehgewohnheiten mit den Jahren verändert haben. Ich hole nur deshalb so weit aus, weil ich euch erzählen möchte, dass es auch heute noch ganz besondere TV-Momente gibt, obwohl ich TV-Serien-Minuten-Millionär bin. Ich hab ein ganzes Füllhorn an Lieblingsserien: Noch immer schalte ich regelmäßig ein, wenn Columbo im linearen Fernsehen läuft. Serien wie Supernatural habe ich mittlerweile bestimmt fünf mal komplett durch und wie so viele meiner Freunde fiebere ich bereits jetzt der dritten Staffel von Stranger Things entgegen.

Aber während ich viele Serien sehr schätze, gibt es darunter immer wieder mal einzelne Folgen, die aus diesen Lieblingsserien besonders hervorstechen und die ich mir häufiger ansehe als den Rest. Heute, in einer wieder einmal schlaflosen Nacht habe ich — mal wieder — ein paar Folgen Doctor Who geschaut. Dabei habe ich mich für die fünfte Staffel entschieden — okay, eigentlich 31. Staffel, aber die fünfte der neuen Doctor-Who-Zeitrechnung.

In einer Folge treffen der Doctor und Amy Pond auf den legendären Maler Vincent van Gogh. Jener Maler, der Zeit seines Lebens so gar nicht für seine Werke gefeiert wurde. Im Gegenteil sogar: Kaum jemand erkannte sein Talent, er verkaufte so gut wie kein Bild Zeit seines Lebens, er war depressiv und brachte sich im Alter von 37 Jahren um (wobei es da verschiedene Theorien gibt).

Genau dieses Wechselspiel zwischen dem unglücklichen Menschen van Gogh und dem unglaublichen Künstler, der viele Jahre später zum beliebtesten Maler aller Zeiten gekürt werden sollte, ist auch Teil der Doctor-Who-Story. Ich weiß natürlich längst, wie die Folge ausgeht und dennoch steht mir am Ende vor Ergriffenheit jedes mal wieder die Pisse in den Augen. Wenn der Doctor nämlich — allen Zeitreise-Regeln zum Trotz — diesen unglücklichen und von sich selbst so gar nicht überzeugten Mann mitnimmt in die Gegenwart. Im Louvre sieht er dann mit eigenen Augen, dass er eben doch noch ein gefeierter Künstler geworden ist.

Was muss es für ein Gefühl sein zu sehen, dass alle Zweifel unnötig waren und dass man so eine immense Wertschätzung für seine Kunst erfährt? Dass man ein so schwieriges, leidgeplagtes Leben führt und sehen darf, dass doch nicht alles für die Katz gewesen ist? Vielleicht berührt mich die Geschichte auch deswegen so sehr, weil ich Parallelen sehe zwischen dem Menschen van Gogh und mir. Okay, ich male scheiße und kann kein niederländisch, aber ihr wisst schon, was ich meine.

Auch mich plagen Selbstzweifel und auch ich bekomme oft Kritik für meine Arbeit und kann wahrlich nicht behaupten, dass mich das so locker lässt, wie es eigentlich der Fall sein sollte. Natürlich kann man das nur schwer miteinander vergleichen, aber vermutlich ist das der Grund, wieso mich ausgerechnet diese Episode so berührt.

Ich kann nicht über Vincent van Gogh schreiben, ohne dass ich dabei gleichzeitig einen Ohrwurm von Don McLean habe. Der hat viele tolle Songs geschrieben, wenngleich die meisten ihn nur wegen „American Pie“ kennen. „Vincent“ ist auch dem niederländischen Maler gewidmet und mit der Zeile „Starry starry night“ spielt er auf das Werk „Sternennacht“ an. Der Text befasst sich aber auch mit dem Leben des Künstlers und damit, dass dieser Mann einfach zu gut für die Welt war. So oder so einer der schönsten Songs, die ich kenne:

Apropos schöne Songs: Auch in der Episode selbst wird die entscheidende Szene mit großartiger Musik unterlegt. Dazu hat man sich den Song „Chances“ der Band „Athlete“ ausgewählt. Absolut passende Wahl, wie ich finde.

Ich bin gar nicht ganz sicher, was jetzt tatsächlich ausschlaggebend ist, dass man mit Tränen in den Augen auf den Fernseher starrt: Ist es einfach eine gut inszenierte Folge? Ist es die bewegte Vita Van Goghs? Die musikalische Untermalung? Oder ist es der Blick auf mich selbst, die eh gerade schwierige Phase oder beides zusammen? Ich hab keinen Schimmer, ist vielleicht aber auch nicht wichtig. Wichtiger ist, dass es Menschen wie van Gogh gab und gibt. Menschen, die den gleichen Sternenhimmel ansehen wie wir, aber darin doch ganz andere Dinge erkennen können und diese dann auch so auf die Leinwand bringen können.

Ebenso verhält es sich auch mit Schriftstellern oder Musikern, die es schaffen, Gefühle, Lebenssituationen und Geschichten so komplett anders in Worte zu fassen, als wir Normalsterbliche das könnten. Aber genug gegrübelt — ich hau mich jetzt erst mal wieder auf meine Couch und glotze noch die ein oder andere Folge „Doctor Who“, denn das ist auch große Kunst 😉

PS: Die Songs von Don McLean und Athlete hab ich übrigens auch in meine Blog-Playlist gepackt. Ich bin sicher, dass hier über kurz oder lang ein paar feine Songs zusammen kommen werden. 🙂