Von Kirchen und Dörfern

So, jetzt beruhigen wir uns erst mal alle wieder nach diesem #allesdichtmachen-Desaster. Nachdem die Seite allesdichtmachen.de die meiste Zeit platt war, läuft sie anscheinend wieder recht stabil und wurde nun um ein Statement ergänzt. Darin heißt es u.a.:

Die Aktion #allesdichtmachen hat Wellen geschlagen. Es wurde bewußt entschieden, die Videos nicht mit einem “Statement” zu flankieren, denn dann hätten alle nur über das Statement geredet. Aber das heißt nicht, dass wir nichts zu sagen hätten. Wir leugnen auch nicht Corona oder stellen in Abrede, daß von der Krankheit Gefahr ausgeht und Menschen daran sterben.

Stimmt: Die Schauspieler:innen stellen nicht in Abrede, dass von der Krankheit Gefahr ausgeht und Menschen daran sterben. Sie tun aber so, als tangiere sie das nicht wirklich und als würden sowohl Politik als auch Medien die Situation schlimmer darstellen, als sie tatsächlich sei. Die „bewusste Entscheidung“, kein flankierendes Statement zu veröffentlichen, war übrigens ein Kardinalfehler, denn in den Videos, die ich gesehen habe, kommt alles mögliche zur Sprache, aber in den seltensten Fällen, dass es darum geht, auf die darbende Kulturbranche hinzuweisen. Zum Ende des Statements heißt es dann:

Wir sind bei all jenen, die zwischen die Fronten geraten sind. Den Verängstigten, den Verunsicherten und Eingeschüchterten und jenen, die verstummt sind. Uns geht es darum, endlich offen, respektvoll und auf Augenhöhe miteinander zu reden.

Nein! Genau da sind sie nämlich nicht! Sie sind nicht bei denen, die zwischen die Fronten geraten sind, sondern werden jetzt von denen gefeiert, die alles andere als verstummt sind und allwöchentlich ohne Sicherheitsabstand und Masken auf ihren Querdenker-Happenings umhergebaselt sind. Das Wörtchen „respektvoll“ halte ich in dem Kontext sogar fast für unverschämt, denn gerade Respekt gegenüber Politik und Medien, gegenüber Pflegekräften und vor allem Opfern und deren Angehörigen hat man gehörig vermissen lassen mit seiner Video-Aktion.

Mittlerweile sind bei YouTube noch ganze 33 der einst 53 Videos online, weil so mancher der Schauspieler:innen kalte Füße bekommen hat oder tatsächlich eingesehen hat, dass es nicht die pfiffigste Aktion des Jahres war. Aber damit sollte es dann auch jetzt grundsätzlich gut sein erst mal wieder. Das bringt mich nämlich zum nächsten Punkt:

Ein bisschen mehr Augenmaß, por favor!

Der nächste Punkt hat ebenfalls mit den 53 Schauspielern zu tun. Finde ich komplett behämmert, wie sich Jan Josef Liefers geäußert habe? Ja! Ist es aber sein Recht, sich so zu äußern? Selbstverständlich auch ja. Wir dürfen das kritisieren – dass das so massiv geschah, ist doch eigentlich ein schöner Beweis dafür, dass wir hier tatsächlich Meinungsfreiheit haben. Ich kann sagen, was ich will und andere können das super oder scheiße finden und das ebenfalls sagen – ist doch prima, oder nicht?

Ja, wäre es: Wenn es nicht so viele Schwachköpfe gäbe, die auch hier den Bogen wieder überspannen müssen. Ich finde, dass diese Menschen mit ihren Videos ein fatales Signal gesendet haben – manche mehr, so wie Liefers und Brüggemann, viele andere aber auch deutlich weniger. Allen gemein ist aber, dass es niemand von ihnen verdient hat, aufs Übelste beschimpft zu werden, oder dass sie oder ihre Familien sogar bedroht werden. Ich weiß nicht, woher das kommt, dass wir plötzlich glauben, so übergriffig werden zu dürfen, nur weil uns die andere Meinung nicht passt. Es spielt dabei übrigens auch kein bisschen eine Rolle, ob die kritisierte Meinung okay ist oder nicht. Solange eine Äußerung nicht gegen geltendes Recht verstößt, müssen wir das aushalten. Wir können sie kritisieren, dürfen diese Kritik auch überall äußern, aber wir haben verdammt nochmal niemanden zu bedrohen oder auf niedrigstem Niveau zu beschimpfen. Ein bisschen mehr Augenmaß, bitte!

Auch diese Forderung nach Berufsverboten ist einfach nur krank. Wollen wir das wirklich? Dass Kommissar Thiel künftig ohne Boerne auskommen muss, weil Jan Josef Liefers etwas – zugegebenermaßen Beschissenes – geäußert hat? Diese Cancel-Culture-Nummer schmeckt mir nicht und ich werde auch das Gefühl nicht los, dass unsere Gesellschaft nicht daran wächst, dass sie Unschönes und Kritisches einfach ausblendet oder mundtot macht. Sie wächst daran, dass wir Kritisches aussprechen lassen, das dann besprechen und bewerten und möglichst vielen Menschen daraufhin klar wird, dass das Statement wie in diesem Fall das von Jan Josef Liefers kein besonders cleveres war. Fragt mal nach bei all den Schauspielern, die es in den letzten Tagen in der Disziplin Zurückrudern zur Olympianorm gebracht haben.

Okay, der letzte Satz war auch vielleicht Quatsch, denn es gibt mit Sicherheit Schauspieler, die eingesehen haben, dass das Ganze Unsinn war, andere wiederum haben vielleicht auch nur deswegen zurückgezogen, weil sie keinen Bock darauf haben, dass dieser Shitstorm anhält und/oder sie sich und ihre Lieben schützen wollen. Was übrigens absolut legitim ist.

Was ich eigentlich sagen will: Lasst jetzt auch bitte mal die Kirche im Dorf! Liefers hat sich zur Gallionsfigur einer äußerst skurrilen Aktion raufgeschwungen, aber deswegen ist er weder von der Mattscheibe zu verdammen, noch ein zweiter Hitler. Das ist auch so eine Scheiße, die mich übrigens richtig nervt: Passt ein bisschen auf, wen Ihr alles in einen Topf werft! Maßnahmen-Kritiker ungleich Querdenker ungleich Nazis! Ja, es gibt da unbestritten überall Schnittmengen und es ist nicht schön, dass Liefers die Narrative der Querdenker bedient und Querdenker keine Schwierigkeiten damit haben, an der Seite von Neonazis zu spazieren. Aber deswegen ist das immer noch nicht alles das Selbe und auch nicht das Gleiche. Wir brauchen da eine andere Trennschärfe, ein bisschen mehr Augenmaß und auch ein bisschen mehr Bewusstsein dafür, dass auch jeder von uns schon mal was richtig Bescheuertes gesagt oder gemacht hat.

Als ich meinen Text zur Aktion der Schauspieler veröffentlicht habe, war ich richtig wütend. Wütend genug, um mich im Text klar zu äußern und in der Zwischen-Headline polemisch zu fragen: „Könntet Ihr bitte das Maul #niewiederaufmachen?“ Auch jetzt finde ich das noch legitim, aber ich bin mir natürlich dessen bewusst, dass es scharf formuliert ist, auch wenn es mir im Wesentlichen um das Wortspiel ging und um das Transportieren eben dieser Wut. Trotzdem würde ich es mit ein paar Tagen Abstand vielleicht jetzt nicht wieder so formulieren.

Wie gesagt: Wir müssen die Kirche im Dorf lassen, Schlimmes benennen, uns aber auch stets reflektieren, damit wir den Bogen nicht umgekehrt ebenso überspannen. Damit ist niemandem geholfen und damit trägt man nur noch weiter dazu bei, dass die gesellschaftlichen Gräben tiefer und unüberwindbarer werden. Wir müssen mal wieder mehr aufeinander zugehen und unserem Gegenüber auch mal wieder leichter ein dummes Statement durchgehen lassen. Damit meine ich nicht, dass der Großteil der Kritik an der #allesdichtmachen-Nummer absolut gerechtfertigt ist. Aber bitte spart Euch die Beschimpfungen, die Drohungen und die Forderung nach Berufsverboten wegen so einer Pisse. Ernsthaft!

Eigentlich wollte ich heute was ganz anderes schreiben. Was über die Pandemie, über unsere Verantwortung und über die Politik. Aber ich hatte das Gefühl, ich musste mich nochmal zu Liefers und Co. äußern. Ich möchte nicht, dass sich da privilegierte Menschen so hämisch über Medien und Politik äußern und dabei komplett vergessen, auf wen sie eigentlich aufmerksam machen wollten. Ich möchte aber auch nicht, dass die Kritiker dieser Aktion noch mehr Öl ins Feuer gießen und dafür sorgen, dass sich der Ton weiter verschärft.

Vor allem möchte ich aber nicht, dass ich so viel von Versöhnung und Zuhören und Diskurs erzähle und dann mit Beiträgen wie dem zur #allesdichtmachen-Aktion vielleicht sogar noch mehr Wut auf die Schauspieler entfache. Das war selbstverständlich nicht mein Ziel und ich würde es sehr bedauern, wenn dem so war. Ich habe unglaublich viel Zuspruch für den Text bekommen, das ist toll. Aber es gab auch ein paar Reaktionen, die mich dann direkt wieder grübeln lassen.

Ich werde auch nächstes Mal wieder einen wütenden Text schreiben, wenn ich wütend bin. Aber vielleicht werde ich versuchen, mir die ein oder andere Spitze zu verkneifen oder auch mal einen Satz weniger scharf zu formulieren. Das ist zumindest mein Learning, sollte ich tatsächlich feststellen, dass Texte von mir als Öl ins Feuer missverstanden werden könnten.

Artikelbild von Tom und Nicki Löschner auf Pixabay

PS: Ich habe versehentlich in der früheren Version des Textes geschrieben, dass nur noch 6 Videos online sind auf dem YouTube-Kanal. Stimmt aber nicht – es sind 33 und das habe ich korrigiert. Ist meiner Schusseligkeit geschuldet, weil ich auf die Übersichtsseite des YouTube-Kanals geschaut habe, der nur sechs Videos anzeigt statt alle. Danke an Jochen für den Hinweis 😉

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