Von Querdenkern, dem Europapokal und einem italienischen Jungen

Ich möchte mich in diesem Artikel aufregen. Über Querdenker. Nicht über Querdenker im eigentlichen Wortsinn und auch nicht über jeden einzelnen, der sich unter diesem Begriff Protesten angeschlossen hat, die die Regierung und die getroffenen Corona-Maßnahmen missbilligen. Aber ich möchte mich aufregen über den Teil der Bewegung, der kalt lächelnd in Kauf nimmt, mit stramm Rechten zu marschieren, solange dadurch die Bewegung weiter wächst. Ich will mich aufregen über all diejenigen, die jedem Masken-Befürworter und jedem Journalisten mit so unsagbar viel Hass entgegen treten auf den einschlägigen Veranstaltungen. Ich will mich aufregen über diejenigen, die von einer Corona-Diktatur sprechen, sich selbst allen Ernstes mit Juden im Dritten Reich vergleichen und der Meinung sind, dass es hier schon so ist „wie in der DDR“. Und ich möchte mich aufregen über diejenigen, die sich an Bill Gates abarbeiten, Lügen über 5G, über tote Kinder durch Masken und ähnlichen Quatsch erzählen. Das sind die, die längst nicht mehr zugänglich für Fakten sind und sich an einem Sumpf an alternativen Medien laben, um ungesehen krudeste Thesen zu übernehmen.

Ich möchte in diesem Beitrag aber auch über meinen Geburtstag sprechen, über ein legendäres Fußballspiel des FC Schalke 04, bei dem nichts Geringeres als der UEFA-Pokal heraussprang und über einen italienischen jungen Mann. Das alles klingt schrecklich unzusammenhängend, in meinem Kopf gibt es dafür aber einen roten Faden und den will ich hier jetzt für euch in ein paar Sätzen aufzeigen.

Bestimmt werde ich irgendwann auch noch mal ausführlich erzählen, wie das damals war, als wir Schalker 1997 Fußball-Europa eroberten und schließlich wie eine königsblaue Lawine die Alpen mit Ziel Mailand überquerten. Jetzt aber nur die knappe Zusammenfassung: Ich war damals im Fanclub „Attacke Hamm“ und hab mit den Jungs und Mädels in der selben Saison schon einen atemberaubenden Trip nach Valencia absolvieren können. Das Finale fand am 21. Mai statt — mein Geburtstag. Logisch, dass ich da also auch dabei sein wollte.

Also machte ich mich auf den Weg, obwohl ich einer derjenigen war, die in unserem Fanclub ohne Final-Ticket war. Im Club gab es jemanden, der in der Geschäftsstelle des Vereins arbeitete und der immer noch einen Weg fand, wie man irgendwie an Karten kommt. Er hatte uns keine Garantie geben können, sicherte uns aber zu, dass das „klappen müsste“. Tat es auch. Wir verbrachten einen sehr sonnigen Tag in Mailand, sahen ein unglaublich spannendes Spiel und schließlich weinten wir wie Kinder, als das Wunder von San Siro tatsächlich Wirklichkeit geworden war: Ich stand an meinem Geburtstag in Mailand mit tausenden Schalkern und versuchte zu realisieren, dass mein Verein hier gerade Fußballgeschichte geschrieben hat.

Der doppelte Geburtstag

Etwa 50 Kilometer weiter hatte man gerade ganz andere Dinge im Kopf als Fußball. Sonia aus Bergamo brachte nämlich an diesem Tag einen Jungen zur Welt. Während wir in Mailand also volltrunken den Schalker Erfolg und meinen Geburtstag feierten, hielt in Bergamo eine stolze Mutter ihren Sohn Simone in den Armen — und feierte seinen Geburtstag.

Ich habe keinen Schimmer, welches Leben Simone geführt hat, was seine Träume waren, welchen Club er angefeuert hat und welchen Menschen er geliebt hat. Nach normalem Ermessen wären wir beide uns in diesem Leben auch tendenziell nicht über den Weg gelaufen und wenn wir uns doch getroffen hätten, wäre uns vermutlich der jeweils andere nicht mal aufgefallen. Alles, was uns verbindet, ist der gleiche Geburtstag und dieser Zufall, der dafür sorgte, dass unsere Wohnorte zwar 1000 Kilometer trennten, wir am Tag meines Geburtstages und seiner Geburt nur wenige Kilometer voneinander entfernt waren.

An dem Tag, an dem ich in diesem Jahr 49 Jahre alt geworden bin, wäre Simone 23 Jahre alt geworden. Ist er aber nicht, denn er starb am 19. April im Alter von lediglich 22 Jahren. Ich poste sein Foto lieber nicht, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass seine Familie besonders begeistert davon wäre, es irgendwo im Netz zu finden außer auf der Memorial-Seite des Jungen.

Das Leben ist manchmal ’ne Bitch. Oft bekommt man nicht das, was man sich wünscht oder was man glaubt, verdient zu haben. Wie ein Fluss sucht sich das Leben seinen Weg, mal ziemlich verschlungen, mal sehr direkt. Aber was auch immer das Leben für einen bereithält: Es sollte nicht enden, wenn man erst 22 Jahre alt ist und noch so viel vor einem liegen sollte — und eine Mutter sollte nicht ihren eigenen Jungen begraben müssen.

Ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht, als ich neulich im ZDF aus der Reihe zoom den Bericht Der europäische Patient schaute. Es ging darin um die EU und um die Aufgaben, mit denen die europäische Gemeinschaft sich angesichts der Pandemie konfrontiert sieht. Einer der Drehorte für diesen Bericht war eben Bergamo, wo im Frühjahr so viele Menschen durch Covid-19 aus dem Leben gerissen wurden.

Wir erfahren dort von einer jungen Frau, die ihren Vater durch Corona verloren hat und wir sehen die vielen Menschen, die erst in diesem Jahr gestorben sind und auf dem Cimitero Monumentale Di Bergamo ihre letzte Ruhe gefunden haben. In der Reportage wird darauf hingewiesen, dass allein in dieser italienischen Provinz 6.000 Menschen an Covid gestorben sind und dass sich auch die Gräber von sehr jungen Menschen dort finden.

6.000 Leben in einer Region, in der etwa 1,1 Millionen Menschen wohnen. Solche Zahlen sind immer ziemlich abstrakt, weil man sich so eine große Menschenmenge nicht richtig vorstellen kann. Wenn man es herunterbricht, kann man sich besser ausmalen, welche dramatischen Ausmaße die Pandemie in diesem Frühjahr in Bergamo hatte. Stellt euch das Fußballstadion in Dortmund vor: Wenn das mit round about 80.000 voll ist, würden davon beim selben Verhältnis wie in Bergamo etwa 430 Menschen betroffen sein. Stellt euch einen Abend bei einem Spiel oder einem Konzert vor und dass 300 oder 400 Menschen einfach nicht mehr nach Hause kommen. Wer dort ist, hätte eine sehr gute Chance, dort dennoch lebendig rauszukommen. Aber es gäbe auch eine nicht zu geringe Wahrscheinlichkeit, dass ihr einen der Toten kennen würdet.

Das ist jetzt der Punkt in meinem Artikel, an dem die Wut in mir wieder die Oberhand gewinnt. Wir brauchen im Grunde ja keine Rechenspiele von mir, um uns der Ausmaße bewusst zu werden. Schließlich haben wir alle noch die schrecklichen Bilder aus dem Frühjahr vor Augen, als die Kirchen vollstanden mit Särgen und das Militär dafür sorgen musste, dass die Toten überhaupt alle abtransportiert werden konnten.

Aber die schrecklichen Bilder reichen augenscheinlich einfach nicht und genau das macht mich wütend. Wir wissen, was Corona anrichten kann. Dass dieses Virus nicht annähernd so tödlich ist wie beispielsweise Ebola, aber dass genau darin die Gefährlichkeit liegt.

Und dennoch wimmelt es da draußen von so unanständig vielen Leuten, die uns in den sozialen Medien und auf Querdenker-Demos erklären wollen, dass SARS-CoV-2 „nur wie ’ne Grippe“ zu bewerten ist. Die sich selbst als Opfer inszenieren und nicht davor zurückschrecken, die Zustände in Deutschland mit dem Holocaust gleichzusetzen. Die sogar erzählen, dass diese Pandemie gar nicht existiert und es lediglich der Deep State ist, der all das inszeniert hat.

… und dann siehst Du diese Reportage und siehst all die Särge und Gräber und hörst die trauernden Angehörigen reden. Die Trauer in ihren Stimmen ist echt und die Gräber sind echt. Auch das Grab von Simone Curnis, welches mir dort in die Augen fiel, weil dort dieses für mich besondere Datum — der 21. Mai 1997 — zu sehen ist. Ich feierte damals meinen 26. Geburtstag, war also nur unwesentlich älter als es Simone heute wäre. Und so unendlich viele wundervolle Dinge sind mir seitdem widerfahren. Dinge, um die ein Virus Simone und seine Familie beraubt hat.

Menschen sterben — das ist der Lauf des Lebens und leider, leider trifft es auch immer wieder Menschen, deren Uhr eigentlich noch längst nicht abgelaufen sein sollte. Ist das der eigene Sohn/Bruder/Freund, bricht es einem das Herz. Ist es nur eine Zahl in einer Region weit weg von hier, wird es oft so abstrakt, dass es einen nicht wirklich berührt. Ihr kennt das vielleicht auch, wenn ihr in den Medien von einem Terroranschlag beispielsweise in Wien, Berlin oder Paris erfahrt — und wie es sich im Verhältnis dazu in euch anfühlt, wenn die gleiche oder größere Zahl Menschen zum Beispiel in Kabul stirbt. Dafür muss man sich nicht schämen, dass einem das, was mehr das eigene Leben berührt, auch mehr zu Herzen geht.

Aber was ich nicht akzeptieren kann und was mich zunehmend mehr fuchsteufelswild macht, ist dieses ständige Leugnen des Risikos von Covid-19 oder gar das komplette Abstreiten, dass wir in einer Pandemie leben. An diejenigen, die sich hier angesprochen fühlen: Am Liebsten würde ich euch an den Ohren zu diesem Friedhof schleppen wollen. Ich würde euch zwingen wollen, all die Gräber abzuschreiten, auf denen die Zahl 2020 zu lesen ist und ich würde von euch verlangen wollen, den Angehörigen dieser Menschen ins Gesicht zu sagen, dass ihr nicht glaubt, dass wir in einer Pandemie leben, die viele Menschen das Leben kostet.

Wir können bzw. müssen kritisch sein und wir dürfen jederzeit auch das Maul aufmachen, wenn wir der Meinung sind, dass unsere Regierung einen falschen Weg einschlägt. Wir dürfen sogar auf die Straße gehen und es laut herausschreien, dass wir die Politik für falsch halten. Aber wir müssen eine gemeinsame Grundlage haben, über die wir nicht lange diskutieren müssen. Wenn 99 von 100 Wissenschaftlern einer Meinung sind, müssen wir nicht aus Protest auf den 100.sten hören, der es anders sieht. Außerdem müssen wir uns darauf verständigen können, dass es einen großen Pool an Medien gibt, die uns Fakten liefern. Leute, die von vornherein ARD und ZDF oder Spiegel und Süddeutsche nicht akzeptieren, weil es „Mainstream“ ist, kann ich nicht mehr ernst nehmen. Niemand hält euch davon ab, neben diesen Medien zusätzlich auch noch die NZZ, den Guardian, die NY Times oder sonst was zu konsumieren — es hilft, mal mit anderen Augen auf Deutschland zu blicken. Aber erzählt mir bitte nicht, dass das alles Scheiße ist und die wahren Nachrichten von irgendeinem YouTube-Affen kommen, der seine Theorien aus seinem Keller komplett unbelegt an seine drölf Abonnenten verteilt.

Jammert über die Masken, aber tragt sie trotzdem, verdammt. Haltet euch an die Regeln, selbst wenn ihr sie in Teilen nicht nachvollziehen könnt. Hinterfragt von mir aus die Mainstream-Medien, bitte hinterfragt aber mit den selben Maßstäben auch eure abstrusen Quellen. Und wenn ihr das nächste mal wieder irgendwem erzählen wollt, dass es keine Pandemie gibt und keine Corona-Toten, dann erzählt es den Leuten in Bergamo. Schaut euch die entsprechenden Trauer-Gruppen auf Facebook an und sagt den Leuten dort ins Gesicht, dass ihr ihnen nicht glaubt. Vielleicht kommt dann ja doch endlich der ein oder andere ins Grübeln, dass die Welt ein bisschen anders aussieht, als man sie sich in seinem verschwurbelten Hirn ausmalt.