Stripped: Einer dieser Momente…

Es gibt so ein paar Momente im Leben, auf die man Jahre später zurück sieht und über die man dann sagen kann, dass sich in dieser Sekunde eine entscheidende Weiche im Leben gestellt hat. Das sind zumeist Punkte im Leben, bei denen man in dem jeweiligen Augenblick noch keine Ahnung hatte, dass jetzt etwas außergewöhnliches passiert.

Ganz selten aber gibt es auch Augenblicke, in denen man direkt spürt, dass hier von einer Sekunde auf die andere alles anders geworden ist. Der Moment, in dem Deine Mama in ihrem Krankenhausbett gerade zum letzten Mal geatmet hat oder eine Freundin nach vielen Jahren mit Dir Schluss gemacht hat. Aber auch im positiven Sinne gibt es das natürlich. Der erste Kuss, oder der Moment, an dem ich zum allerletzten Mal bei DHL rausmarschiert bin und ab da Blogger war.

Einer dieser ganz wenigen Momente ereignete sich im Februar des Jahres 1986. Ich war 14 Jahre alt, teilte mir damals noch mein Zimmer mit meinem Bruder und selbst in diesem zarten Alter war ich schon seit vier Jahren Depeche Mode-Fan. Ich mochte damals viele Bands: OMD, The Cure, Soft Cell, Tears for Fears, Duran Duran, Die Ärzte, Spandau Ballet und unendlich viele mehr bevölkerten die Charts und fanden sich zahlreich auf meinen Mix-Tapes wieder. Aber keine dieser Bands und kein Solokünstler hatte bei mir so einen Stellenwert wie Depeche Mode.

Irgendwie klangen die so wundervoll anders als alles andere und die Charaktere in der Band wirkten zudem so außergewöhnlich auf mich. Spätestens, seit „Shake the Disease“ hatte ich auch so einen Heidenrespekt vor den Texten, die Martin Gore fähig war zu verfassen. Ich erinnere mich noch daran, dass das Lied in England im Radio nicht gespielt wurde: 1985 rückte AIDS in unser aller Bewusstsein und da war man augenscheinlich nicht so begeistert davon, wenn jemand von Krankheiten sang.

Dass Dave damals die Krankheit besang, die seine Stimme lähmt, wann immer er mit seiner Angebeteten sprechen wollte, machte da irgendwie keinen Unterschied. Danach kam dann noch — quasi als Übergang zum nächsten Album und um die Singles-Compilation zu promoten — „It’s called a heart“. Ein Song, den ich mag, aber bei dem ich zum allerersten Mal das Gefühl hatte, dass das jetzt nicht ihr bester ist.

Mir war irgendwie vorher schon klar, dass ich das neue Album direkt am Tag der Veröffentlichung kaufen würde — was für mich eine Premiere bedeuten würde. The Singles hab ich zwar auch recht flott gekauft (so wie es das Taschengeld eben zuließ), aber alle vorherigen Alben hab ich mir erst nachträglich erschlossen und kannte zuvor jeweils nur die Singles. Jetzt aber war ich so gespannt, wie die neuen Sachen klingen würden. Mir war damals natürlich noch nicht klar, dass die B-Seite der „It’s called a heart“-Veröffentlichung — „Fly on the Windscreen“ — ein Albumtrack sein würde und zudem auch musikalisch bereits ein Fingerzeig war, wie sich Depeche Mode im Jahr 1986 anhören würden.

Während wir heute oft schon Monate vorher wissen, wann wieder eine Single oder ein Album erwartet werden darf und wir zudem meistens auch schon auf irgendwelchen Wegen Schnipsel der Lieder oder gar das komplette Werk hören können, war das in den Achtzigern alles noch komplett anders. Mein „Wissen“ über Musik entnahm ich der Bravo und ähnlichen Zeitschriften und dem, was die Moderatoren im Radio so von sich gaben.

Hin und wieder gab es dann mal so „Band XY ist gerade im Studio“-Hintergrund-Stories in den Heften, aber auch daraus ließ sich nicht zuverlässig ableiten, wann jetzt endlich neues Material in den Läden sein würde und so traf es einen dann oft wie der Schlag, wenn im Radio gesagt wurde, dass es jetzt gleich die Weltpremiere des neuen Depeche Mode-Songs „Stripped“ geben würde.

Neue Single, neues Album und dann wurde im Radio auch die kommende Deutschland-Tournee der vier Kameraden aus Basildon angekündigt. Ich wusste, da muss ich unbedingt hin! Ich hatte noch keinen Schimmer, wie ich das meinen Eltern beibringen sollte, aber ich musste auf dieses Konzert. Ich lauschte jedenfalls so aufmerksam, wie es eben nur geht, diesem Lied und wusste schon bei den ersten Tönen, dass sie wieder einmal bewiesen, dass sie so komplett anders sind als alle anderen existierenden Bands.

Dieses bemerkenswerte Intro, dieser so viel düsterere Sound im Vergleich zur vorherigen Single, die ungewöhnlichen Sounds (von Daves startendem Porsche bis zu zischenden Silvesterraketen) und diese unglaubliche Melodie mit einem Dave Gahan, der meines Erachtens nie zuvor besser gesungen hat. Dazu noch die energischen Drums und Martins Background-Gesang. Allein beim Gedanken an diesen Augenblick bin ich auch heute wieder komplett aus dem Häuschen und ich sehe vor meinem geistigen Auge immer noch haargenau mein Zimmer vor mir. Ich hab am Rand meines Bettes gesessen und wäre am liebsten ins Radio reingekrochen.

Das war der Moment, an dem man nicht mehr nur einfach Fan einer Band war, ab diesem Augenblick war es wirklich Liebe und der Anfang meines own personal Depeche-Irrsinns. Bei der Tourplanung haben die Jungs übrigens dann geschlampt: Mein Geburtstag ist am 21. Mai — Depeche Mode spielten aber dann schließlich am 22. Mai in der Dortmunder Westfalenhalle. Egal, wollen wir mal nicht so sein.

Meine Eltern hatten dann übrigens überhaupt kein Problem damit, dass ich auf dieses Konzert gehen wollte. Damals lernte ich — quasi mit den späten Ausläufern meiner Pubertät — dass sie großartige Menschen waren, die mir jederzeit alles ermöglichen wollten, was in ihrer Macht stand. Wir hatten damals schon immer ziemlich wenig Kohle und so ist es eben alles immer keine Selbstverständlichkeit gewesen, wenn ich wieder mal Geld brauchte für neue Platten oder so wie jetzt: Für mein allererstes Depeche-Konzert und darüber hinaus mein allererstes Konzert überhaupt. Mama sagte mir direkt, dass ich die Karte holen soll, sobald es sie gibt — und sie würde sie mir dann zum Geburtstag schenken wollen.

Ich glaube, über dieses erste Konzert werde ich sicher auch nochmal ein paar Zeilen gesondert schreiben, aber eigentlich möchte ich ja heute „Stripped“ zum Geburtstag gratulieren, welches exakt vor 33 Jahren am 10. Februar 1986 erschien. Übrigens setzte sich das mit der düsteren Stimmung aus dem Song auch im visuellen Erscheinungsbild fort. Die Vier sahen düsterer, erwachsener aus und hatten jetzt einen Look, der von vielen Fans bis zum heutigen Tag adaptiert wird. Im Video, entstanden vor den Hansa-Studios in Berlin, wurde zudem fleißig gehämmert.

Auf der Maxi-Single lieferten Depeche Mode auch wieder beachtlich ab: Fünf Tracks gab es mit insgesamt über 25 Minuten Spielzeit. Fairerweise muss man dazu sagen, dass die Songs „Breathing in Fumes“ und „Black Day“ lediglich Varianten von „Stripped“ und „Black Celebration“ darstellen. Aber es gab den amtlichen Highland Mix von „Stripped“ und natürlich auch das herausragende „But not tonight“ als B-Seite.

Damals waren Depeche Mode für mich die absoluten Könige der B-Seiten. Niemand veröffentlichte bessere und wenn man sich auf die Suche nach dem perfekten Popsong begeben würde, müsste man unweigerlich irgendwann auf „But not tonight“ stoßen. Wo wir eben schon vom „Shake the Disease“-Boykott in England sprachen: Stripped wiederum war den Amis ein bisschen zu heikel, so dass die den Spaß in den USA einfach getauscht haben: Stripped wanderte auf die B-Seite, dafür war „But not tonight“ dort die offizielle Single. Wie ihr im Bild sehen könnt, musste die schwarze Farbe auch einem strahlenden Weiß weichen. Verrückte Amis!

Aber sei es drum: Auch, wenn „But not tonight“ für mich einer der allerschönsten DM-Songs ist bis zum heutigen Tage, war „Stripped“ die weitaus treffendere, bessere Single-Auskopplung und verkörperte deutlich besser den neuen, erwachsenen Sound der Band.

Übrigens versuchte ich mich vor einigen Jahren auch einmal an „But not tonight“. Mein Gesang kackt gegen den von Dave logischerweise ab, dennoch hat es viel Spaß gemacht, den Song zu singen und ihn in ein Future-Pop-Gewand zu stecken.

Letzteres hab selbstverständlich auch nicht ich getan, dazu bin ich musikalisch viel zu unbedarft. Dabei half mir Tom auf die Sprünge. Der ist die musikalische Seele von [:SITD:] und wir haben uns damals in der Tat durch dieses Cover-Projekt kennen gelernt. Lange schon ist er einer meiner besten Freunde und mittlerweile ja auch Frontmann bei Future Lied To Us.

Aber zurück zu „Stripped“: Die Kritiker feierten die Veröffentlichung und das war nicht gerade selbstverständlich, denn vor allem zuhause auf der Insel waren Depeche Mode für die seriösen Musik-Gazetten stets nur ein Haufen von Plastik-Pop-Figuren, die Musik für Teenagerinnen machen. Ab jetzt wurden sie also flächendeckend ernst genommen.

Auf die Charts wirkte sich die Kritiker-Liebe allerdings nur begrenzt aus: Der doch sehr langsame Song hatte mit dem einstigen Motto „Tanz Dich tot mit Depeche Mode“ nicht mehr viel gemeinsam und schaffte es mit Mühe und Not in die Top 20 in Großbritannien. Da hatte sich die Band natürlich mehr von versprochen. In Deutschland reichte es immerhin zum vierten Platz und es war schön zu sehen, dass Depeche Mode fleißig Promotion machten und somit auch im deutschen Fernsehen damals sehr präsent waren.

Schaut euch hier jetzt also zum Abschluss dieses Beitrages über einen der vermutlich wichtigsten Depeche Mode-Songs noch diesen Auftritt im WWF-Club an. Ich schwelge hier nämlich schon längst wieder in Erinnerungen an diese tollen Zeiten und wünschte, ich könnte nur ein einziges Mal kurz ins Jahr 1986 zurückkehren, um das alles nochmal erleben zu dürfen. Achtet übrigens mal drauf, wie Dave tanzt. Vergleicht das mit den älteren Performances von ihm und ihr werdet auch hier sehen, wie er sich weiter entwickelt hat. Vielleicht ist das sogar auch nochmal einen eigenen Artikel wert: Die Evolution des Dave-Dancing über die Jahre 😀 Ich bilde mir zumindest ein, dass der Kerl tatsächlich damals auf jeder Tour wieder anders getanzt hat.

Ach so: Falls ihr noch einen Blog-Beitrag zum Thema „Stripped“ lesen wollt, schaut unbedingt beim guten David auf dem Almost Predictable-Blog vorbei. Er ist riesiger Fan, absoluter Depeche-Experte und schreibt wirklich immer äußerst unterhaltsam 🙂