Laufen

Wie so oft in letzter Zeit bin ich auch eben wieder Laufen gewesen. „Laufen“ ist dabei übertrieben, denn ich meine „Gehen“. Ich versuche dabei, einigermaßen flott zu sein, also so im Bereich von 6 km/h, aber kalorientechnisch ist es natürlich nicht so effektiv wie Joggen, das ist klar. Seit einigen Monaten schaffe ich es, nahezu jeden Tag zumindest meine 10.000 Schritte zu absolvieren. Ich tracke das u.a. mit Samsung Health und duelliere mich hier oft mit Palle — wenn wir so eine Challenge laufen haben, werden es auch schon mal 20.000 oder sogar 30.000 Schritte am Tag.

Ich mache das aber auch nicht nur, weil ich an meinen Körper denke, dem die zusätzliche Bewegung tatsächlich gut tut. Ich tue das auch, weil es mir Zeit gibt, mit meinen Gedanken allein zu sein. Das klingt vielleicht paradox – wieso sollte man aus dem Haus gehen und dort unter Menschen mit seinen Gedanken eher für sich allein sein können, als das alleine in der Bude der Fall ist? Aber irgendwie ist es so: Mit Musik auf den Ohren kreisen die Gedanken für mein Empfinden konstruktiver um die selben Dinge, die mich auch zuhause beschäftigen.

Heute war ein wenig schöner Tag, alles in allem. Der wunderbare San Francisco-Trip ging zu Ende. Also hab ich einen großen Teil des Tages in einem Flieger verbracht, was kein Spaß ist für einen Mann, der recht lang und recht schwer ist. Danach war man direkt wieder mit seinen Problemen beschäftigt, die einen hier in Empfang genommen haben beim Aufschließen der Wohnung. Ein Problem davon ist übrigens nach wie vor, dass einen nie jemand in Empfang nimmt abgesehen von diesen Problemen. Die schlechte Laune geht also schon direkt am Flughafen los nach dem Verlassen des Fliegers. Wenn man nämlich in die strahlenden Gesichter derer schaut, die dort ihre Liebsten in Empfang nehmen.

Die Gemütslage wird auch dann nicht besser, wenn man mitbekommt, dass es einer lieben Freundin ähnlich mäßig geht und man sich ziemlich ohnmächtig fühlt, weil man ihr nicht helfen kann. Aber all das ändert nichts an dem Plan, in der Stadt noch ein paar Meter zu machen. Meistens hat es eben einen wirklich positiven Effekt, nachts durch die oftmals menschenleeren Straßen zu streifen, tolle Musik zu hören und mit sich selbst und seinen Gedanken allein zu sein.

So ganz allein ist man allerdings nicht, wenn man in einer Samstagnacht durch Dortmund läuft, kurz nachdem Bayern vom hiesigen Fußballverein besiegt wurde und die BVB-Fans partytechnisch die Nacht zum Tag machen. Wenn man allerdings lange genug durch die Stadt latscht, kann man förmlich dabei zusehen, wie die schwarz-gelb gekleideten und meist ziemlich angeballerten Menschen aus den Straßen verschwinden.

Wie schwarz-gelbe Tränen blutet die Stadt die Menschenmassen aus und auf meinem Rückweg waren schon deutlich weniger Fans zu sehen als noch eine Stunde zuvor. Ich fühlte mich auch direkt wohler, denn bei diesen nächtlichen Streifzügen nerven mich Menschen zumeist. Auch sonst hab ich manchmal das Gefühl, mich immer mehr zum Misanthropen zu entwickeln, aber das ändert nichts daran, dass ich mich tagsüber sogar ganz gut fühle in der Anonymität einer mit Menschen überfüllten Fußgängerzone.

Nachts gehört die Stadt aber mir, also freue ich mich dann über jede Person, die sich nicht draußen befindet und meinen Weg kreuzt. Vielleicht auch, weil mich entgegenkommende Menschen immer wieder mal aus meinen Gedanken reißen. So besonders tolle, konstruktive Gedanken sind es heute ehrlich gesagt nicht gewesen.

Positiv ist allerdings die Gewissheit, dass ich mich maßlos darüber ärgere, dass ich wegen eines einzigen Reisetages gleich zwei mal hintereinander meine täglich angepeilten 10.000 Schritte nicht absolvieren konnte. Positiv deswegen, weil ich genau diesen Ehrgeiz benötige, um nach ein paar Tagen in den USA — quasi fünf Cheat-Tage hintereinander — nicht wieder in alte Muster verfalle und trotz Jetlag noch ein paar Kilometer machen konnte.

Viele von meinen Problemen sind nicht über Nacht lösbar, manche vielleicht überhaupt nicht mehr. Aber ich weiß zumindest, dass ich nie wieder der 150 Kilo schwere Mann mit all diesen Problemen sein möchte, sondern über kurz oder lang zumindest ein 120 Kilo schwerer Mann mit diesen Problemen. Langfristig will ich mich der 100-Kilo-Marke wieder nähern, aber das wird Zeit brauchen. Zumindest die 120 Kilo könnten es aber in wenigen Monaten wieder sein, vielleicht schon im Januar.

Das ist also das Positive, was ich nach einem eigentlich üblen Abend mitnehme für mich. Viel Dunkles, viel Schatten, aber zumindest eben auch ein bisschen Positives. Ich fürchte, das wird nicht jeden Tag so funktionieren, aber immerhin das „Laufen“ bleibt mir auch an den schlechten Tagen.