Nur ein Gespräch

Meine Fresse, ich bin echt nachlässig geworden hier. Das ist keine Absicht, glaubt mir das bitte. Ich habe also nicht den Spaß am Bloggen verloren – ich komme einfach seltener dazu. Aus dem „Song der Woche“ ist augenscheinlich längst der „Song des Quartals“ geworden, ich hab immer noch nicht über meinen Asien-Urlaub geschrieben, nicht über die vielen tollen Konzert-Trips und auch zuletzt viel zu wenig gesellschaftliche Sachen besprochen. Aber das wird auch sicher wieder besser.

Manchmal lässt mich halt mein Kopf im Stich und dann ist man entweder nicht in der Lage, Dinge ordentlich aufzuschreiben, oder es ist im Kopf einfach zu unaufgeräumt. Außerdem bindet die Arbeit sehr viel Zeit. Nicht falsch verstehen: Ich arbeite gern und empfinde „viel zu tun“ generell eigentlich eher als was positives und nicht als was negatives. Dennoch hat eben auch mein Tag nur 24 Stunden und wenn man irgendwie noch an die frische Luft will, um ein paar Schritte zu absolvieren, dann bleibt nicht mehr schrecklich viel Tag übrig.

Die letzten Tage bin ich zum Glück oft genug an der frischen Luft und in der Sonne gewesen. Eben auch wieder. Mein Weg führte mich wieder einmal in den Westpark und ich glaube, so langsam gewöhne ich mich wieder an das Gefühl, einfach wieder mehrere Menschen auf einem Fleck zu sehen. Und ja, ich genieße es auch, Menschen zu sehen. Menschen, die zusammenhocken, die Musik zusammen hören, ein Bierchen trinken, lachen und reden.

Oft genug bin ich ja nicht so der Menschenfreund. Dann setze ich mir meinen Misanthropenhelm auf und gehe – quasi unsichtbar für alle – durch die Stadt. Umgekehrt sind dann oft aber auch die anderen für mich unsichtbar. Ich höre Musik, Sprachnachrichten, Podcasts oder Hörspiele und blende alles andere aus. Aber im Augenblick ist das nicht so. Ich schaue erstaunlich oft hin und freue mich über die Menschen, die sehr dankbar scheinen für vieles, was derzeit langsam wieder möglich wird.

Ein überraschendes Gespräch

Meine Fresse, was hab ich den Sommer vermisst. Ein paar mal hatten wir schon recht warme und sogar heiße Phasen in diesem Jahr. Aber so richtig nach Sommer war mir zumeist nicht zumute. Daher hab ich mich gefreut, als ich heute am frühen Abend noch die Sonne im Westpark genießen konnte. Ich hab mir ’ne Pulle Cola Light und meinen Bluetooth Speaker geschnappt und dann bin ich los. Irgendwann werde ich sicher auch mal wieder die Decke einpacken, aber solange ich einen Körper mit mir herumschleppe, der dafür sorgt, dass ich mich mit peinlicher Schildkrötigkeit von der Decke in den Stand kämpfen muss, setze ich mich mit meiner Musik lieber auf eine Bank statt auf eine Decke.

Ärgerlicherweise war „unsere Bank“ am Ende des Parks besetzt. Die Bank, auf der meistens Krücke und ich sitzen und wo wir schon ganze Ozeane an Kronen-Pils in uns hineingestürzt haben. Dann sitzen wir dort, lösen ein paar Probleme der Menschheit, vergessen die Lösungen im Suff wieder, machen uns darüber lustig, wie hässlich und dumm alle anderen sind, um kurz zu überspielen, dass die natürlich alle weniger hässlich und dumm sind als wir selbst. Die Bank liegt im Schatten, die Toiletten(-Bäume) sind direkt um die Ecke und man hat einen guten Blick auf den Boule-„Centercourt“, wie wir ihn getauft haben. Der perfekte Platz!

Heute war aber wie gesagt der Platz belegt. Ich drehte noch eine Runde durch den Park und fand dann eine Bank an der Ecke, von der aus man auf den „Dancefloor“ schauen kann. Ja, wir haben tatsächlich einen Park mit Tanzfläche! Ich setzte mich, sah dem Treiben ein wenig zu und dann erst traute ich mich, den Bluetooth-Speaker anzumachen. Manchmal will man eben nicht mit der Musik allein sein, sondern will auch die Menschen hören, etwas von der Natur mitbekommen und sich nicht ganz so abgekapselt fühlen.

Also schaltete ich den Speaker ein und hörte. Petit Biscuit – Sunset Lover. Irgendwie passte es so schön zu der Stimmung im Park mit der untergehenden Sonne, obwohl ich eigentlich ganz andere Musik hören wollte.

Danach entschied ich mich für eine andere Playlist. In einer Art Größenwahn habe ich mal eine Playlist gebastelt, die ich „Best Playlist Ever“ getauft habe. Das finde ich nach wie vor lustig, nicht nur weil sie mit Harry Styles und Lewis Capaldi losgeht und schon bald zu The XX, Interpol und Ice Nine Kills führt, bevor es dann irgendwann Tokio Hotel, Tove Lo, Years & Years und noch jede Menge Sachen mehr zu hören gibt, die partout allesamt nicht zusammenpassen wollen.

„Band of Horses“ waren irgendwann an der Reihe mit „The Funeral“. Ein Song, den ich echt abgöttisch liebe. Aus irgendeinem Grund kam ich mir beobachtet vor und als ich meine Birne ein wenig nach rechts neigte, erkannte ich auch wieso. Ein paar Meter entfernt saß ein Mädchen auf einer Decke und schaute in meine Richtung. Sie trug eine schwarze Jeans mit den fast schon obligatorischen Löchern an den Knien. Gerade noch klein genug, dass man von einer Hose mit Löchern reden konnte anstatt Löchern mit etwas Hose drumherum.

Außerdem trug sie ein ebenfalls schwarzes T-Shirt, allerdings so verwaschen, dass es eher als dunkelgrau durchging. Aus meinem Winkel konnte ich nicht genau erkennen, was draufstand, aber ich vermutete direkt, dass es ein Band-Shirt war. Sie schaute jetzt nicht direkt unfreundlich – ehrlich gesagt konnte ich überhaupt nichts in den Blick deuten. Und wie immer, wenn das der Fall ist, vermute ich zunächst einmal nichts überwältigend Gutes. Vermutlich ging ihr meine Musik auf den Sack, die man auf die kurze Distanz sicher auch auf ihrer Decke noch gut hören konnte, mit der sie sich auf einem Stück Wiese etwa zwischen einem Baum und einem Grabstein niedergelassen hatte. Ja, unser Park hat nicht nur einen Dancefloor, er hat auch Grabsteine, weil es mal ein Friedhof war.

Sicherheitshalber machte ich meine Musik ein wenig leiser und las weiter. Ich hab mir tatsächlich ein Magazin zum Lesen eingesteckt. Sehr empfehlenswert übrigens: Katapult – sollten viel mehr Leute abonnieren 😉 Tatsächlich lag das Teil aber nur neben mir auf der Bank und stattdessen las ich irgendwelchen Kram im Internet auf meinem Smartphone.

Hin und wieder blickte ich vom Smartphone-Display auf und linste vorsichtig in ihre Richtung. Schließlich wollte ich mitbekommen, wenn sie angesichts meiner Musik genervt rüber glotzte. Außerdem sah sie interessant aus irgendwie. Sie war recht jung, schätzte ich – vielleicht so 23 oder 24 Jahre alt. Sie hatte dunkles, irgendwie ein wenig zerzaust aussehendes Haar mit einer blauen Strähne über der Stirn und die Haare fielen ihr knapp bis auf die Schultern. Sie las in einem Buch und so, wie sie sich beim Lesen nervös auf die Lippe biss, musste es gerade wohl schrecklich spannend sein. So oder so: Sie schaute jedenfalls nicht mehr rüber. Nicht genervt, aber auch erst recht nicht interessiert.

Jetzt lief Voltaire – vermutlich einer der gleichzeitig am meisten unterschätzten und talentiertesten deutschsprachigen Musiker, die ich kenne. Bekomme ich irgendwie nicht in den Kopf, wieso er nicht Coldplay-berühmt ist …

Warum bin ich so alleine
Warum seid ihr so kühl
Warum seid ihr so komisch
Warum sagt keiner was er will
Warum fühl ich mich so scheiße
Warum seid ihr alle so still

„Wieso haste die Musik eigentlich so leise gemacht“, tönte es jetzt plötzlich von der Seite. Erstaunt schreckte ich hoch, als mich die Stimme aus irgendwelchen Facebook-Kommentarspalten riss. Es war das Mädel mit der blauen Strähne und wieder war ich unsicher, was ihr Blick bedeuten könnte. Es war irgendwas zwischen skeptisch und belustigt, zumindest deutete ich es so. „Weil die Musik nur für mich ist!“ Meine geheime Superkraft ist es, wie aus der Pistole geschossen sehr merkwürdige Dinge zu sagen und diesen Superskill präsentierte ich ihr mit diesem Satz direkt mal.

Schnell hing ich noch ein „aber eventuell dachte ich auch, dass Dir meine Musik auf die Eier geht“. Sie lachte, sagte sowas wie „alles gut“ und erklärte mir, dass sie die Musik mochte und ich ruhig wieder lauter machen könnte – also für den Fall, dass ich die Musik nicht doch lieber für mich allein haben wollte. Okay, das fand ich ein bisschen witzig. Ich rief ihr noch ein „abgemacht“ rüber mit einer gespielten Coolness, die rückblickend doch eher ziemlich uncool auf mich wirkte.

Wir vertieften uns wieder in unsere Leserei – sie steckte ihre Nase wieder in ihr Buch, Ich tat so, als würde ich wieder irgendwas auf meinem Smartphone lesen. In Wirklichkeit liefen bei mir aber gerade diverse Gedanken durcheinander und ich konnte mich unmöglich darauf konzentrieren, irgend so einen AfD-Alfons für seinen dummen Facebook-Kommentar anzupöbeln, oder was ich da gerade auch immer getrieben habe. Stattdessen halt Gedankenkarussell:

  • Wieso spricht die mich an?
  • Ist die wirklich nicht von der Musik genervt?
  • Was kommt in der Playlist als Nächstes? Hoffentlich nichts peinliches!
  • Wie süß waren eigentlich diese Grübchen im Gesicht, als sie eben gelächelt hat?
  • Wieso bin ich nicht betrunken? Dann würde ich zwar nur Quatsch reden, würde mir dabei aber immerhin schrecklich souverän und unterhaltsam vorkommen!

Meine Playlist lief lustig weiter: Panic! At the Disco, Walking on Cars, Nothing More, Spoon und schließlich kam Blackmail mit „Ken I die“. Ich war tatsächlich wieder ins Smartphone versunken, nachdem ich meine Gedanken sortiert hatte und schon dachte, dass es das schon war mit meiner neuen Bekanntschaft. Aber da war sie wieder und fragte mich, von wem der Song da gerade wäre. Mit gespielter Unfreundlichkeit und in der Hoffnung, dass sie diese auch als solche erkennt, pöbelte ich sie an, ob es denn wohl das gute, alte Shazam nicht mehr gäbe.

Weil ich aber auch ein unfassbarer Kackenhauer bin, erzähle ich ihr von Blackmail und dem ehemaligen Sänger Aydo Abay. Ich referierte kurz darüber, dass ich mich bei Blackmail ebenso wie bei Voltaire drüber wundere, dass sie nie wirklich im Mainstream angekommen sind, weil sie für deutsche Bands einfach so unglaublich gut waren. Mittlerweile hatte sie ihr Buch beiseite gelegt und ich konnte jetzt auch lesen, was auf dem Shirt stand: „Tame Impala“. Eine Band, die ich auch mag – oder besser gesagt: Ich kenne ein paar Songs von denen, die ich echt toll finde. Ich ärgere mich immer noch darüber, dass mir in dem Moment partout kein Songtitel der Band einfallen wollte. Sehr ärgerlich tatsächlich!

„Ich komm ma rüber“, sprach’s und dann kam sie tatsächlich und setzte sich neben mich auf die Bank. Sie tat das so selbstverständlich, ohne mich zu fragen, ob das okay ist, oder ob sie vielleicht stört, so dass ich vermutete, dass es vermutlich auch tatsächlich selbstverständlich ist. Als Abstandhalter zwischen uns fungierte mein Rucksack, auf dem ich den Speaker und auch meine angebrochene Cola-Light-Pulle geparkt hatte.

Jetzt sah ich sie das erste Mal aus der Nähe. Sie war recht dezent geschminkt und ich glaube, ihre Sommersprossen gefielen mir fast noch besser als die Grübchen. Wir kümmerten uns erst einmal um die Formalitäten und verrieten uns gegenseitig unsere Namen. Ich brachte einen haarsträubend schlechten Spruch, den ich hier jetzt lieber nicht nochmal wiederhole und sie ließ mich wissen, dass sie Alina heißt.

Sie lachte amüsiert, als ich sagte, sie wäre wohl eine von sehr wenigen „Alinen“, die ich kenne und fragte mich: „Casi? Heißt Du eigentlich Casimir?“ Puh, das werde ich natürlich echt öfter mal gefragt, wenn ich mich vorstelle. Es sind so Fragen, bei denen die fragende Person nicht wirklich eine Antwort haben will, sondern eher glaubt, gerade einen fantastisch originellen Spruch gebracht zu haben. Mag ich nicht so richtig, stört mich aber auch nicht. Alina hab ich es sowieso verziehen, ist ja klar.

Ich erinnere mich noch, dass wir uns dann am Thema „Musikhören im Park“ entlang gehangelt haben. Wir waren uns einig, dass Bluetooth-Speaker und selbst laute Smartphones okay sind, solange die gespielte Musik auch okay ist. Merkwürdiger Aggro-Deutsch-Rap hingegen ist zu ächten, auch da tickten wir identisch. In der Folge erzählte ich ihr, dass ich nur super selten mal auf meine Kopfhörer verzichte, wenn ich draußen irgendwo Musik höre. Außerdem gestand ich ihr, dass ich durchaus auch Rap höre, wenn auch nicht den zuvor gescholtenen Möchtegern-Gangsta-Scheiß.

Zum Glück blieben wir beim Thema Musik. Musik ist Casi-Land, da bin ich zuhause und da fühle ich mich sicher. Ganz unabhängig davon fühle ich mich auch mit Menschen einfach wohler, die meine Leidenschaft für Musik teilen – ganz unabhängig davon, ob wir einen ähnlichen Musikgeschmack haben, oder nicht. Nichts lässt mich ratloser zurück als Menschen, die sowas sagen wie: „Musik? Och, ich höre alles, was so im Radio läuft“. Alina war da zum Glück nicht so.

Depeche Mode? Ach, die gibt’s noch?

Sie sprach mich auf mein T-Shirt an und ich musste ihr erklären, dass „Empathy Test“ nun was ganz anderes ist als die Musik, die sie da in meiner aktuellen Playlist hörte. Ich machte direkt mal einen Song der Engländer an und sie sagte, dass sie die Stimme sehr mag und ihr auch der Song gefällt, obwohl es anders klingt als das, was sie sonst so hört. Kann ich gut mit leben. Wir bewarfen uns gegenseitig mit Bandnamen, um zu wissen, was wir so alles hören und schätzen.

Ich staunte, dass sie sehr viele Bands hörte wie Pearl Jam, Nirvana oder Soundgarden, bei denen ich vermutlich vorschnell geurteilt hätte, dass sie dafür zu jung ist. Logischerweise berichtete ich von meiner Depeche-Mode-Leidenschaft und dass ich die bereits seit 1982 höre und gespannt auf ein neues Album warte. Sie brach mir daraufhin gleich doppelt das Herz: Erst teilte sie mir mit, dass ihre Mama drei Jahre alt war, als ich anfing ,Depeche zu hören. Danach stellte sie nüchtern fest: „Depeche Mode – wusste gar nicht, dass es die noch gibt!“

Wie sich das gehört, blaffte ich sie an: „Okay, das reicht – runter von meiner Bank!“ Sie hatte sich mittlerweile an mein merkwürdiges Humorverständnis offensichtlich gewöhnt und gluckste fröhlich, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, die Bank zu verlassen. Zwischendurch staunte ich immer wieder mal darüber, wie selbstverständlich wir uns unterhielten, obwohl wir uns erst wenige Minuten kannten. Tatsächlich passierte mir das nicht wirklich oft. Ich glaube, das letzte Mal war es Nina, die ich am Oberhausener Bahnhof kennenlernte und bei der man auf Anhieb wusste, dass man sich mag.

Wir saßen tatsächlich eine ganze Weile zusammen und sprachen dann auch längst nicht mehr über Musik. Ich erzählte ihr von meiner Arbeit, schwärmte von meiner verstorbenen Mama, referierte über hörenswerte Podcasts und verkündete, dass ich die Fickerei vor Jahren an den Nagel gehängt habe. Sie wiederum verriet, dass sie an der TU Dortmund Rehabilitationspädagogik studiert, auf Frauen und Männer steht, ein Scheidungskind ist und bei ihrer Mutter lebt.

Manchmal sagt man mir, dass ich mich zu schnell zu nackt mache, ich also viel zu schnell Menschen vertraue und zu viel von mir preisgebe. Manchmal fällt mir das auch selbst auf tatsächlich. Allerdings bilde ich mir auch was auf meine Menschenkenntnis ein und bei Alina hatte ich das Gefühl, dass meine Geschichten gut aufgehoben sein sollten. Also erzählte ich ihr, dass ich meinen Dad und meinen Bruder mittlerweile für ziemliche Schwachköpfe halte, dass mir Depressionen das Leben schwer machen und Drogenbeichten gab es auch.

Kurz, bevor sie ihre Sachen packen musste, sprach ich auch noch darüber, wie ungewöhnlich das ist, jemanden im Westpark kennenzulernen. Oder generell eine Frau kennenzulernen, die nicht halb so alt ist wie man selbst. Sehr, sehr viele Informationen in sehr, sehr wenig Zeit, ich weiß. Bevor sie ging, schnappte sie sich noch mein Smartphone und tippte schnell ihren Namen und ihre Nummer hinein – dann stand sie auf.

Ich bedankte mich dafür, dass sie mir so einen feinen Abend bereitet hat und dass sie sich überhaupt zu einem fremden, alten Glatzkopf gesetzt und mir so viel Zeit geschenkt hat. „Ist doch nichts dabei, war doch nur ein Gespräch“ sagte sie lächelnd, winkte nochmal – und dann war sie weg.

Bestenfalls unsichtbar

Ob Alina das wohl recht ist, wenn ich hier so viel über sie rede? Ach, ich denke schon, habe ich sie mir doch eh nur ausgedacht. Ach kommt schon, das hättet Ihr Euch doch denken können! Ich bin kein Womanizer, ich bin Geschichtenerzähler. Mädchen wie Alina sehe ich ganz viele im Park, in der Stadt und sonst wo. Aber sie sprechen natürlich nicht mit mir. Sie sprechen nicht nur nicht mit mir, sie fühlen sich sogar unangenehm, wenn sie mir über den Weg laufen.

Ich schrieb ja schon mal darüber, dass Frauen oft Angst vor mir haben, wenn wir uns nachts über den Weg laufen. Habe ich absolutes Verständnis für! Aber tagsüber ist es auch nicht viel anders. Da ist es sicher keine Todesangst, wenn man mir am hellichten Tag im vollen Park entgegenkommt, aber freundliche Blicke ernte ich dennoch keine, glaubt mal.

Woran das liegt? Am Alter, am Aussehen, was weiß ich denn. Ganz ehrlich: Würde ich als 25-jähriger Typ durch den Park rennen, hätte ich vermutlich auch kein Interesse an einer optisch wenig ansprechenden Frau, die doppelt so alt ist wie ich. Ich soll mich selbst nicht immer so schlecht machen? Ja, weiß ich. Aber Ihr steckt doch auch nicht in meinem Körper und seht nicht die Welt durch meine Augen. Seit Jahrzehnten bin ich es gewohnt, dass Frauen mich öfter ansprechen, um einen meiner Freunde kennenzulernen statt mich. In der Regel spricht einen aber niemand an. Ich mache mich nicht schlecht, ich schätze lediglich eine Situation realistischer ein, weil ich sie wieder und wieder erlebe.

Im Club, im Park, auf Konzerten – Frauen schauen bestenfalls durch mich durch und nehmen mich schlicht nicht wahr. Oft genug sieht man aber auch, dass Frauen genervt oder regelrecht angewidert sind. Ich halte mich optisch nicht für Quasimodo oder den Schrecken vom Amazonas. Trotzdem bin ich ein 50-jähriger, dicker Mann ohne Haare. Es ist nun mal so, wie es ist. Wir leben in einer Zeit, in der wir in Sekundenbruchteilen in einer App entscheiden, ob wir einen Menschen kennenlernen wollen oder nicht. Okay, ich jetzt nicht – Apps wie Tinder sind für jemanden wie mich zu deprimierend.

Aber in der Regel läuft es oft nun mal so. Deswegen bin ich ja auch so dankbar fürs Internet. Oder zumindest war ich es lange. Man kann sich hier mit Leuten unverbindlich austauschen. Ich kann mich erklären, Sichtweisen erläutern, meinen Musikgeschmack preisgeben und lustig sein. Das kann ich auch alles offline, klar. Aber da hört niemand zu. Niemand, außer den Menschen, die man sowieso schon kennt, meine ich.

Ich bin ein sehr schüchterner Typ, das kommt noch dazu. Wenn ich mich in einer Gruppe von Freunden befinde, kann ich natürlich auch viel erzählen, bin schlagfertig und mitunter sogar unterhaltsam. Aber das gilt nicht für Situationen, in denen man eine Person besonders ansprechend findet. Merke ich, dass jemand anders in dieser lockeren Runde ebenfalls an dieser Person interessiert ist, bin ich direkt raus. Ich komme mir blöd vor, mich da mit Sprüchen oder sonst was zu duellieren. So ein Gegockel ist eben nicht meine Welt. Da halte ich mich dann lieber an meine Getränke und an die Leute, die ich schon kenne.

Ihr erzählt mir so viel von Selbstliebe, also dass man sich akzeptieren und selbst lieben muss. Ich höre Euch – und ich höre Euch auch zu. Ich reflektiere das auch und komme zu dem Schluss, dass ich mit mir eigentlich ziemlich im Reinen bin. Natürlich hadere ich mit meiner Figur und dem generellen körperlichen Verfall. Aber ich halte mich gleichzeitig auch für ein cooles Schwein. Ich kann drei Sätze geradeaus schreiben, ohne dass andere entgeistert die Hände überm Kopf zusammenschlagen.

Ich glaube sogar, dass ich unterhaltsam schreiben kann. Oder informativ. Oder analytisch. Ich singe für meine sehr parteiischen Ohren richtig klasse und schreibe Songs, die ich persönlich zwar für deutlich schlechter als Songs von Martin Gore, aber auch deutlich besser als die von Rroyce halte. Ich kann Euch jede Menge über Musik erzählen und kann meine Gefühle offenbaren. Ja, letzteres halte ich tatsächlich für einen erstrebenswerten Skill. Außerdem glaube ich, dass ich fair bin. Ich betrachte Dinge meistens von mehreren Seiten, reflektiere und hinterfrage. Ich meine nicht dieses Querdenker-Geschwurbel-Hinterfragen, sondern wirkliches Hinterfragen. Die Art von Hinterfragen, die beinhaltet, dass man seine vorherrschende Meinung zu irgendwas gegebenenfalls korrigiert.

Aber das findet niemand raus, wenn er mich ansieht. Egal, ob im Park oder beim Konzert. Außerdem habe ich natürlich eine Vollmeise. Wenn mir nämlich jemand mal doch lächelnd entgegenkommt, checke ich erst mal flott, ob meine Hose zu ist, ob ich eventuell noch einen Klecks vom Mittagessen auf dem Shirt habe, oder ob ich unterm Kopfhörer nicht merke, dass vielleicht alle anderen ebenfalls meine Musik hören, meine Schuhe quietschende Geräusche machen oder sonst irgendwas absurdes.

Dass mich jemand einfach nur so freundlich anlächeln könnte und mich nicht auslacht, kommt mir gar nicht in den Sinn. Da kommen also zwei denkbar schlechte Dinge zusammen: Das Desinteresse der anderen und mein merkwürdig funktionierender Kopf. Apropos merkwürdig funktionierender Kopf. Seit einigen Absätzen denke ich darüber nach, wieso ich Euch all das hier überhaupt so ausführlich erzähle.

Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Vielleicht, weil ich das alles lieber Euch erzähle, statt mir „Ich bin nett, weiß coole Sachen und bin auch ein bisschen lustig“ auf ein T-Shirt zu schreiben. Wobei mir die T-Shirt-Idee immer besser gefällt, je länger ich drüber nachdenke. Vielleicht erzähle ich es Euch auch aus Verzweiflung. Weil ich alleine bin. Weil ich einsamer bin, als es für einen Menschen richtig sein kann. Weil mich diese Einsamkeit auffrisst. Weil ich mir Eure Leben anschaue und feststelle, dass ich im Vergleich dazu das Leben einer Person führe, die so viele Ziele verpasst hat und langsam realisiert, dass viele dieser Ziele einfach auch nicht mehr zu erreichen sind.

Es sind wieder so Tage, an denen mir die Luft ausgeht. Es fühlt sich an, als sitzt ein schwerer Typ, noch schwerer als ich, auf meinem Brustkorb und hindert mich am Atmen. Er hindert mich daran, richtig Luft zu holen – hindert mich aber auch daran, klar zu denken und mich zu bewegen. Also bleibe ich liegen. Ohne Luft, ohne klaren Gedanken, ohne mich zu bewegen.

So gesehen ist es vermutlich besser so, dass mich im Park keine Alina angesprochen hat. Ich hätte keine coolen Dinge über Bands und Songs erzählt und wäre vermutlich weder lustig noch unterhaltsam gewesen. Ich hätte stattdessen viel von meinen Unzulänglichkeiten erzählt und mich dann vermutlich noch gewundert, dass sie nach zwei Minuten wieder das Weite sucht.

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