Nie mehr 2. Liga

Heute ist der 9. Mai. Gestern gedachten wir dem Ende des 2. Weltkriegs und der Beendigung des Nationalsozialismus. Außerdem war Muttertag. Heute blickten wir nach Moskau, wo Russland eine riesige Parade abhielt und Putin versuchte, den 2. Weltkrieg und seine „Spezialoperation“ in der Ukraine irgendwie aufs gleiche Level zu heben. Und heute ist auch der 60. Geburtstag von Dave Gahan. Sänger der Band, die mein Leben seit 40 Jahren begleitet.

Es gibt also wahrlich genug Themen, über die ich heute schreiben könnte. Aber der Titel oben hat es längst verraten: Heute rede ich über Fußball, oder präziser: Über den Aufstieg des FC Schalke 04! „Nie mehr 2. Liga“ ist dabei denkbar langweilig als Headline. Es ist das absolut abgenudelte, alljährlich hoffnungsfroh wiederholte Mantra eines jeden Aufsteigers. Und es gibt noch zwei Sachen dazu zu sagen, die feststehen dürften:

  1. Der Claim „Nie mehr 2. Liga“ ist in der Regel falsch! Es gibt lediglich eine Handvoll Clubs, die dieses Lied einmal anstimmten und in der Folge nicht wieder in der 2. Liga landeten. Nürnberg allein ist schon neun Mal abgestiegen und ich bin sicher, beim nächsten Aufstieg wird „Nie mehr 2. Liga“ dennoch wieder voller Hoffnung skandiert werden.
  2. Außerdem steht aber auch fest, dass es unfassbar scheißegal ist, ob man tatsächlich nie wieder in der zweiten Liga landet, wenn man gerade glücksbesoffen diesen Satz anstimmt.

Samstag war dieser Satz vielfach auf Schalke zu hören und ja: Nachdem ich das letzte Mal, als ich hier auf dem Blog über Fußball schrieb (konkret über die WM in Katar), ließ ich kein gutes Haar an diesem Sport. WM-Vergaben nach Russland und Katar, bis zur Unkenntlichkeit zersplitterte Spieltage, ebenso defragmentierte TV-Rechte, Kommerz, Ablösesummen in dreistelligen Millionenhöhen und auseinandergehende Scheren – kein Wunder, dass der Fußball als Ganzes immer wieder angezählt wird.

Und trotzdem: Für diese Saison habe ich augenscheinlich meinen Frieden geschlossen mit dem Sport an sich und mit meinem Club S04 im speziellen. Wir erinnern uns: In der letzten Saison spielten wir nicht nur eine haarsträubend schwache Serie. Spieler des S04 wurden sogar um die Arena gescheucht, es gab eine reine Jagd auf Menschen“ Hoffen wir, dass wir sowas nie wieder bei egal welchem Club zu sehen bekommen.

Aber jetzt, am 9. Mai 2022 ist das alles plötzlich ganz weit weg.

Wenn wir nur wenige Monate zurückspulen, war das alles noch nicht abzusehen. Der gefühlt falsche Trainer konnte uns Fans nicht vermitteln, dass er für die Elf tatsächlich eine Spielidee entwickelt hat. Mein lieber Freund Tom und ich träumten beide nicht vom Aufstieg. Im Gegenteil: Wann immer wir drüber sprachen, waren wir eigentlich sehr gechillt bei dem Gedanken, dass der Club mindestens noch ein Jahr zweitklassig bleibt. Wieso? Weil keiner von uns Bock hatte, dass der S04 in der kommenden Saison bestenfalls Kanonenfutter für die Erstliga-Clubs ist und direkt eine Saison später wieder abgeht.

Das war aber auch okay, ehrlich gesagt. Auf Schalke herrschte verdächtige Ruhe über die ganze Saison. Das liegt sicher auch an Rouven Schröder, der da ganz unterm Radar der BILD-Zeitung souverän seine Arbeit machte und aus dem Krisen-Club wieder sowas wie einen Fußballverein formte.

Dann begann der Krieg und Schalke wurde tatsächlich auch noch Gazprom los. Schalke ist einer der wirklich ganz echten Clubs, bei dem es jenseits von trockenen Geschäftsberichten und Unternehmenszahlen auch immer noch wirklich um Emotionen und Werte geht. Und dass dieser Club dann sowohl den Ausbeuter Tönnies als auch den russischen Sponsor loswerden konnte, hat sehr viele Fans happy gemacht. Wie glaubwürdig kann man sich als authentischer Club präsentieren, wenn man sich mit dem Geld von Tönnies und Putin am Leben erhalten lässt? Eben! Von daher: Wären wir zweitklassig geblieben, wäre das kein Problem gewesen – weil genügend andere Dinge diese Saison einfach richtig gemacht wurden.

Aber dann kam „Buyo“ und hat die Truppe so ein bisschen wachgeküsst. Nicht nur die Mannschaft, auch uns Fans … irgendwie. Nicht falsch verstehen: Wir waren vorher Sechster oder Siebter. Wir waren also nicht scheintot, sondern lediglich ein wenig weggedöst, würde ich mal sagen. Der Fußball ist auch unter Büskens immer noch meist nicht das Gelbe vom Ei. Wo soll es auch herkommen? Wir hatten zum Glück eine Lebensversicherung namens Terodde und augenscheinlich das Herz am rechten Fleck.

Irgendwie fühlte sich das wieder ein bisschen an wie früher, ein bisschen mehr nach Malocher-Club. Das kristallisierte sich für mich dann ganz deutlich in Sandhausen heraus. Dieser verdammte Club hat sich über die letzten Wochen doch wieder in mein Herz geschlichen – und in Sandhausen war mir dann klar, dass wir aufsteigen würden. Die Art und Weise, wie sich die Mannschaft präsentiert hat. Die Dramaturgie mit dem späten Ausgleich und dem noch späteren Siegtor. Die Fans, die das Ding zu einem Heimspiel gemacht haben. Die Energie, die jeden Betreuer und Ersatzspieler zur Eckfahne laufen ließ nach dem Siegtor.

Das erinnerte so in Summe an 1990, als Deutschland Weltmeister wurde. Ich war damals 19 und hatte natürlich keinen Weltmeistertitel bewusst erlebt. Irgendwo tief in mir war ich bei aller Nervosität dennoch absolut zuversichtlich, dass Deutschland diesen Pokal gewinnen würde. Und das, obwohl man die Finalspiele 82 und 86 im Hinterkopf hatte. Und nach dem Sandhausen-Spiel hatte ich beim Spiel gegen St. Pauli exakt das Gefühl. Selbst beim 0:2 fühlte es sich nie so an, als würde es nicht mehr reichen. Als würde auch nur einer der elf Jungs da unten auch nur für den Hauch einer Sekunde daran zweifeln, dass die Mission noch erfüllt werden kann.

Und dann geschieht eben genau das, von dem man in einem Film sagen würde, dass es ein bisschen zu offensichtlich inszeniert ist und zu unrealistisch. Erst der 2-Tore-Rückstand, dann diese Chancenflut, insgesamt zwei (berechtigterweise) nicht gegebene Tore. Schließlich dann schnürt Terodde, der Chancentod der 1. Halbzeit, einen Doppelpack und ausgerechnet der eingewechselte Zalazar – letzte Saison noch im Trikot der Kiezkicker unterwegs – nagelt den Ball zum 3:2 unter die Latte. Das alles kann man sich so eigentlich nicht ausdenken und wird bei Fußballübertragungen gerne unter „Das sind diese Geschichten, die nur der Fußball schreibt“ wegkommentiert.

Und jetzt stehen wir da. Zurück im Oberhaus. In der Beletage des Deutschen Fußballs. Und niemand weiß, was uns da erwartet. Wir wissen nicht, ob wir nicht ein Jahr später wieder abgehen. Wir wissen nicht einmal, wer unsere Truppe trainieren wird. Aber das ist gerade echt egal tatsächlich. Weil sich Fußball für einen kleinen Augenblick mal wieder nach Fußball angefühlt hat.

Für einen kurzen Augenblick hab ich das Gefühl, dass auch dieser Sport noch zu retten ist. Ungefähr so, wie man die Hoffnung aufgibt, dass wir die Klimakrise bewältigen können – und dann sieht, wie viel sich in vielen Ländern plötzlich tut. Die Bundesregierung mit grüner Beteiligung ist dafür ein Paradebeispiel. Man ahnt, dass es noch lange kacke sein wird, aber dass die Dinge am Ende in Ordnung kommen können.

Und genauso fühlt es sich gerade beim Fußball auch an. Es ist ein zartes Pflänzchen, klar. Aber in Gelsenkirchen wächst nicht das einzige Pflänzchen. Wir sehen es auch in Köln und Freiburg und bei Union Berlin. Wir sehen es in Frankfurt – einer Truppe, die um den Europapokal kämpft. Und exakt 25 Jahre, nachdem ich meinen Geburtstag in einem riesigen Mailänder Stadion verbrachte und heulend vor Glück Wilmots, Anderbrügge, Max und all den anderen zujubelte, blüht in Frankfurt eine ganz eigene Generation dieser legendären Eurofighter auf. Hinkt der Vergleich? Ja, vielleicht! Aber auch in Frankfurt sieht man diese Leidenschaft der Fans und diesen unbedingten Willen und die mannschaftliche Geschlossenheit in der Mannschaft.

Als Rami Samstag eine Einladung in eine kleine „Aufstiegs“-WhatsApp-Gruppe schickte, in der außer Ihr und mir nur noch Tom drin war, pöbelte ich sie im Spaß kurz an. Aber genau so fühlte sich das alles eben richtig an. Jammern, hoffen, albern und schließlich jubeln dreier Fußball-Bekloppter im Chat, gleichzeitig verbrachte ich irgendwie 100 Minuten stehend vorm Fernseher. Abgesehen davon, dass ich das Spiel lieber mit den beiden zusammen gesehen hätte statt virtuell, war das mal wieder ein richtiges Fußballgefühl.

Die glücklichen Gesichter der Fans nach dem Spiel. Reporter, die angesichts der Stimmung im Stadion und dieser ganzen Dynamik erstaunt und begeistert waren. Wer weiß – vielleicht wird es irgendwann mal wirklich so sein, dass es nicht mehr nur um Kohle geht im Fußball. Dass Fußball wieder annähernd so viel Spaß macht wie früher. Die Chancen stehen vermutlich 1:1000, das ist mir klar. Aber für einen klitzekleinen Augenblick fühlte es sich zumindest mal wieder richtig an. Sport sollte eben nicht Kommerz sein. Keine Machtspiele, keine Gerichtsverhandlungen.

Stattdessen sollte Sport so sein wie Schalke am Samstag, wie Frankfurts Sieg in Barcelona, wo die Katalanen jetzt noch überlegen, wie die Deutschen an die ganzen Tickets kamen. Sport sollte so sein wie beim Biathlon, wo sich die meisten Athleten achten und respektieren und greifbar für die Fans sind. Sport sollte so sein wie es bei Boris Becker in seinen aktiven Jahren war: Mit dem haben wir gejubelt und gelitten. Wir haben ihn bewundert und fünf Minuten später den Kopf geschüttelt. Weil er nach ein paar Zauberbällen plötzlich die einfachsten Scheißbälle nicht mehr übers Netz bekommt und sich mehr auf seine Selbstgespräche konzentriert als auf den Gegner.

Ich genieße das echt, wenn sich Sport zumindest für einen kleinen Augenblick lang wieder richtig anfühlt. Weil es eben so selten geworden ist. Und genau deswegen war mir heute danach, einfach mal ein paar Sätze über Fußball zu schreiben. Über die Blauen und ihren Aufstieg – und nicht über Russen oder Putin oder die Ukraine. Nicht über Dave Gahan oder über meine Mama. Nicht über den Klimawandel oder Musik. Einfach mal nur Fußball. Auch als kleinen Reminder an mich selbst, dass man Dinge, die sich kacke entwickeln, ruhig auch so benennen darf – dabei aber nicht vergessen sollte, auch die positiven Aspekte noch erkennen zu können.

Nie mehr 2. Liga? Keine Ahnung, das weiß niemand. Ist aber gerade auch scheißegal, oder?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.