Das ist alles noch hier drin

Es ist heiß draußen. Richtig heiß. Hat den Vorteil, dass jetzt auch normale Leute schwitzen, nicht nur ich. Ändert nichts daran, dass es mir fast unerträglich schwerfällt, ein paar Schritte durch den Park zu machen. Ich bin unangenehm schwer gerade, selbst für meine Verhältnisse. Meine Waage zeigt „nur“ bis 150,9 kg an – und wochenlang versagte mir diese Waage ein präzises Gewicht. Zu fett für die Waage. Darf man echt keinem erzählen. Immerhin bin ich jetzt wieder im zählbaren Bereich angekommen. Somit traue ich mich jetzt auch, diesen Artikel zu schreiben, den ich eigentlich schon vor Wochen schreiben wollte.

Und keine Bange: Das ist kein Beitrag, in dem ich nur in einer Tour darüber rede, dass ich fett bin, oder wieso ich das bin, oder welchen irrwitzigen Plan ich nun wieder verfolge, um das irgendwann nicht mehr zu sein. Mir geht es heute eher darum, dass ich mir sehr viele – vermutlich zu viele – Gedanken mache, wie ich auf Menschen wirke. Teil der Wahrheit ist halt, dass man mehr wiegt, als man möchte. Ist aber eben nicht die ganze Wahrheit.

Das spielt sich ja auch auf mehreren Ebenen ab. Menschen im Netz nehmen mich anders war als Menschen, die mir offline über den Weg laufen. Das wird mir eben besonders bewusst, wenn ich mit Musik auf den Ohren durch den sommerlichen Park marschiere. Das mit der Musik ist ein wichtiger Teil der Geschichte. Sie verhindert nämlich, dass ich hören kann, was die Menschen sagen, an denen ich vorbeistiefle. Wenn man so ist wie ich, malt man sich dann einfach aus, was die sagen oder denken.

Und wenn man so ist wie ich, sagen oder denken die nichts Tolles – zumindest nicht in meinem Kopf. Laufe ich an lachenden Menschen vorbei, checke ich, ob meine Hose offen ist, oder ob ich mein T-Shirt vollgekleckert habe. Denn mir ist in meinem Kopf dummerweise ziemlich klar, dass die bestimmt über mich lachen. Natürlich weiß ich, dass das behämmert ist, aber sowas bekommt man halt nicht so leicht weg, wenn man eben so tickt. Wie sagt es Felix Kummer so schön: „Ich wollte immer unbedingt, dass alle denken – Es wäre mir egal, was alle denken“. Ja, wollte ich auch, gelingt mir nur oft nicht.

Aber es ist nicht nur das. Manchmal schauen Leute, die einem entgegenkommen, auch einfach durch einen hindurch. Ein Phänomen, das ich auch aus Clubs und Kneipen kenne. Oft macht mir das nichts und ich nehme es schulterzuckend hin. Ich schenke anderen Menschen ja auch nicht identisch viel Aufmerksamkeit. Und ich meine es dann ja auch nicht böse, wenn ich die eine Person deutlich wahrnehme und die andere überhaupt nicht. Manchmal trifft es einen aber dann doch mehr, als es einem lieb ist.

Kommen Euch diese Gedanken von mir eigentlich bekannt vor? Dann erinnert Ihr Euch vermutlich, dass ich Euch das auch schon mal ausführlicher geschrieben habe – in dem Artikel, in dem ich Euch Alina vorgestellt habe. Ist mir klar, dass ich mich wiederhole, aber das liegt daran, dass ich gerade eben wieder an genau dem Punkt stehe.

An dem Punkt, an dem es einem Stiche ins Herz verpasst, wenn man sieht, wie so viele (zumindest dem Anschein nach) glückliche Menschen miteinander rumhängen und so schrecklich normale Dinge tun, die ich aber dennoch gerade nicht so tun kann. Nicht falsch verstehen: Ich bin ja nicht missgünstig, und gönne diesen Menschen das absolut, dass sie Spaß haben. Es ist lediglich das Alleinsein, das einen bescheuert macht. Und traurig.

Überlege ich mir, wie ich früher – vielleicht als 20- oder 25-Jähriger – auf Leute geblickt habe, die 50+ sind, ist mir das völlig klar, dass jemand wie ich merkwürdig beäugt oder ignoriert wird, wenn er durch den Park schlufft. Ein 50-jähriger Mann ist jemand, der im Strickpulli auf der Couch sitzt, Siebziger-Jahre-Schlager hört und der sich ganz allmählich für seine Rente in Stellung bringt. So habe ich mir das jedenfalls damals ungefähr ausgemalt.

Und heute bin ich selbst bereits 51 Jahre alt, fühle mich aber nicht so. Klar – schaue ich in den Spiegel, dann fühle ich mich schon so … manchmal. Aber in meinem Kopf eben so gar nicht. Da bin ich immer noch 25 oder so. Ich denke oft immer noch kompletten Unsinn, bin noch der selbe Träumer, empfinde mich nicht als altes Eisen. Irgendwie sind wir doch alle so, oder nicht? Also gealterte, bestenfalls weisere Versionen unserer Selbst. Wir machen in der Regel nicht mehr die gleichen Dinge, die wir mit 22 Jahren oder so gemacht haben. Aber manchmal eben schon. Dann sitzt man eben doch wieder mit Dosenbier in der Sonne, erzählt politisch inkorrektes Zeuch und vergisst den Rest, der einen sonst im Alltag beschäftigt.

In so einem Moment bin ich von außen betrachtet für Euch immer noch der 51-Jährige. Aber in Wirklichkeit bin ich ein 25-Jähriger, gefangen im fetten, glatzköpfigen Körper eines 51-Jährigen. Dass das für tatsächliche 25-Jährige wenig spannend ist, liegt auf der Hand. Der Witz ist: Die werden da auch alle noch hinkommen. Die werden auch irgendwann 50 sein, sich aber innerlich ziemlich unverändert fühlen und darüber staunen, wieso die jungen Leute sie nicht mehr so cool finden.

Wo ich mit diesem Text hinmöchte? Ich hab keinen Schimmer, ehrlich gesagt. Vermutlich ist es so ein gruseliger Cocktail aus Einsamkeit, fehlendem Selbstbewusstsein und mittelschwerer Midlife Crisis, oder so. Aber vielleicht ist es auch nur ein Hinweis an jeden, der mich sieht: Ja, Ihr seht einen 51-jährigen Kerl – aber hinter dieser etwas fülligen Schale steckt immer noch derselbe, der ich auch in den Neunzigern war. Das ist alles noch hier drin.

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