20 Jahre und ein Tag

Verdammt, ist es wirklich schon wieder ein ganzer Monat, seit ich hier das letzte Mal was geschrieben habe? Shame on me! Eigentlich wollte ich auch gestern schon geschrieben haben, habe mich offensichtlich aber dann lieber für „Schritte machen“ und „auf der Couch vergammeln“ entschieden. Zum Wahlkampf wollte ich was schreiben, ebenso zu ABBAs Comeback und auch einen Song der Woche möchte ich endlich mal wieder küren.

Diesen Beitrag habe ich mir aber ganz bewusst für heute vorgenommen: Es ist der 12. September 2021 und es ist 20 Jahre und ein Tag her, dass in New York die Twin Towers von Terroristen zerstört wurden und Tausende in den Tod gerissen wurden. Schon seit Tagen gab es Gesprächsrunden und Dokus zu dem Thema zu sehen. Für mich ein reiner Spießrutenlauf mit der Fernbedienung in der Hand, denn ich wollte die Bilder nicht sehen.

Ich wollte nicht wieder und wieder sehen, wie Flugzeuge in den Gebäuden einschlagen. Nicht wieder sehen, wie die Türme in sich zusammensacken. Keine Menschen sehen, die todgeweiht mit weißen Flaggen wehen oder aus nackter Verzweiflung in den Tod springen. Ich wollte auch nicht noch einen Bericht lesen, der zum x-ten Mal damit einleitet, dass jeder Mensch genau weiß, was er vor 20 Jahren gemacht hat, als es passierte.

Ein Konzert und ein Spiel

Dabei ist es ja tatsächlich so: Wir alle wissen, wo wir waren, als wir von den Anschlägen erfuhren und was wir gemacht haben. Ich war damals nach meiner Trennung wieder zu meinen Eltern gezogen. Bedeutet, ich saß nach der Arbeit am 11. September in meinem Zimmer in Unna. Der übliche Reflex nach dem Feierabend griff auch an diesem Tag: Rechner hochfahren und Fernseher einschalten.

Ich bin nicht nur Internet- sondern auch Informations-Junkie. Damals gingen die Uhren noch ein bisschen anders, wir waren nicht jederzeit über alles passiert, was in der Welt los ist. Somit war eine Runde n-tv zum Feierabend immer Pflichtprogramm. Als ich einschaltete, war der erste Turm bereits in Rauch aufgegangen. Als kurze Zeit später ein Flugzeug in den zweiten Turm einschlug, war ich längst schon in Tränen aufgelöst.

Es waren Bilder, die wir so noch niemals gesehen haben. Wart ihr schon mal weit oben in so einem Wolkenkratzer? Seid minutenlang mit dem Fahrstuhl hochgefahren und habt euren Kopf dann gegen die Scheibe gepresst und runter auf die Stadt geschaut? Nein, nicht die Menschen sehen aus der Höhe aus wie Ameisen, es sind die Autos, die man ganz winzig erkennen kann. Habt ihr nur eine Sekunde lang darüber nachgedacht, was im Kopf eines Menschen los sein muss, der im 100. Stock aus 400 Metern Höhe runterschaut auf diese Ameisen-großen Autos und sich überlegt, dass ein Sprung aus dem Fenster jetzt das kleinere Übel ist?

Wenn ich drüber nachdenke, wie ich diese Bilder damals gesehen habe, was es mit mir gemacht hat und immer noch macht, dann glaube ich, dass ich auch in den nächsten Wochen keine Doku über 9/11 sehen möchte.

Damals war ich übrigens noch Schalke- und Depeche-Mode-Fans. Ach, Moment – bin ich ja beides immer noch 😉 Ich erwähne das, weil auch für uns Fans dieser Tag ein besonderer war. Depeche Mode spielten Ihr Konzert in Wien. Ich war leider nicht vor Ort, aber damals ging es los, dass man durchs Depeche-Forum so viele andere Fans kannte. Man war also irgendwie eh immer auf Empfang und verfolgte aufmerksam mit, ob die Band vielleicht etwas besonderes im Set geändert hatte (naiv, ich weiß). Martin Gore sagte Jahre später in einem Interview:

„Am Tag des 11. September spielten wir in Wien, Österreich. Und nachdem wir all die Bilder im Fernsehen gesehen hatten, versuchten wir zu entscheiden: „Was sollen wir tun? Sollen wir auf die Bühne gehen? Spielen wir heute Abend?“ Es schien alles ein bisschen sinnlos, auf die Bühne zu gehen und zu singen und zu tanzen. Dave, unser Sänger, rief seine Frau an, sie leben in New York, nicht weit von der Stelle, wo das World Trade Center stand. Und sie sagte: „Natürlich solltest du weitermachen. Deine Musik bringt Freude in die Welt. Du solltest weitermachen.“ Und ich fand, das war eine tolle Antwort.“

Martin L. Gore

In der Folge machte immer wieder das „Enjoy the Silence„-Video die Runde, welches die Jungs auf der Aussichtsplattform eines der Twin Towers gedreht hatten.

Es war aber auch ein ganz besonderer Tag für uns Schalke-Fans. Zum allerersten Male für die Champions-League qualifiziert, stand das allererste Heimspiel der Blauen in diesem Wettbewerb auf dem Programm. Könnt Ihr Euch sicher denken, wie viel Bock die Mannschaft auf Fußball hatte nach den Bildern aus New York. Der S04 wollte das Spiel gegen Athen absagen lassen, aber die UEFA war unerbittlich und bestand darauf, dass es stattfindet. Wir verloren das Spiel, unterm Strich interessierte es aber irgendwie auch niemanden so richtig.

Und wo stehen wir heute?

Schon vor 15 Jahren stand – an anderer Stelle – ein erstes neues Gebäude des World-Trade-Center-Komplexes und vor acht Jahren wurde der 1 WTC fertiggestellt. Es ist mit über 500 Metern der höchste Wolkenkratzer der westlichen Welt und wurde an Ground Zero errichtet. Häuser kann man wieder aufbauen. Aber die vielen Toten bringt man dadurch nicht wieder zurück und man kann auch nicht alle Wunden heilen, die dieser schwarze Tag aufgerissen hat.

Übrigens wurden auch in der Folge viele weitere Wunden aufgerissen. Selten war das deutlicher zu erkennen als in diesen Tagen, nachdem sich die westlichen Streitmächte aus Afghanistan verabschiedet haben und viele unserer langjährigen Partner vor Ort im Stich ließen. Die Welt war nach 9/11 ganz sicher eine andere. Der Terror hat die USA mitten ins Herz getroffen und ich fürchte, 20 Jahre Krieg in Afghanistan konnten nicht wirklich irgendwas davon kompensieren.

Mir tun Menschen leid, die dort jetzt mit den Bedingungen leben müssen, die u.a. die westlichen Mächte zu verantworten haben. Und mir tun auch diejenigen leid, die dort waren. Die Menschen geholfen haben, die für ihr Land gekämpft haben und die vielleicht Freunde dort verloren haben. Die stellen sich allesamt heute die Frage, wofür sie all das geleistet haben.

Aber wisst Ihr, was mich auch fertigmacht? Dass man durch die Kommentarspalten unter entsprechenden Postings und Artikeln huscht und so eine Vielzahl von YouTube-Uni-studierten Vollpfeifen ertragen muss, die einem unisono erzählen, wie das wirklich damals alles gelaufen ist, Stichwort: Inside Job!

Irgend so ein „Schule des Lebens“-Udo erklärt dort der versammelten Facebook-Welt, an welchen Merkmalen man haargenau erkennen kann, dass die US-Regierung den ganzen Bums einfach selbst gesprengt haben. Schließlich brauchten die USA einen Vorwand, um wieder mal in ein Land einmarschieren zu können, weiß Udo.

Ja genau: Da sitzen die Geheimdienste der US of A zusammen und sagen sich, dass sie was ganz Spektakuläres brauchen als Vorwand, in Afghanistan und sonst wo einzumarschieren. Und die beste Idee, die ihnen kommt, ist das Sprengen von Hochhäusern, die so zusammenkrachen, dass selbst der kritisch hinterfragende Facebook-Udo (sorry an alle Udos dieser Welt, ich hab den Namen fürs Beispiel blind gewählt) auf den ersten Blick erkennt, dass da irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Dieser Irrsinn macht mich bescheuert, ganz ehrlich. Egal, ob geimpft wird, ob eine Demo erlaubt oder abgesagt wird, ob ein Attentat stattfindet, oder was auch immer: Querdenkende dieser Nation ahnen stets sofort, dass die Regierung (oder irgendeine Regierung) da Schlimmstes im Schilde führt. Im Fall 9/11 halt die US-Regierung.

Ich mag die USA in diesem Fall gar nicht verteidigen. Dieses „wir bestimmen, wie Länder geführt werden müssen“ hat mich schon immer genervt und wenn man jetzt sieht, was man einem so wundervollen Land wie Afghanistan (ich hoffe, ich komme da irgendwann mal hin!) angetan hat, platzt mir da echt der Arsch. Aber der platzt mir eben auch bei all den Leuten, die alles mit lachenden Emojis kommentieren und immer ihr sorgfältig recherchiertes Geheimwissen mit uns teilen.

(Ja, Casi – weiter so: So lange Du Dich über Schwachkopf-Kommentare auf Facebook aufregst, vergisst Du den unsäglichen 11. September vielleicht langsam)

Ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht so genau, wo ich mit diesem Text hinwollte. Ich hatte dieses Schalke-Spiel im Kopf und die Diskussionen, die wir damals schon wegen des Depeche-Mode-Konzerts geführt haben. Und ich glaube, ich wollte wirklich los werden, dass ich mich unwohl fühle, immer und immer wieder diese Bilder nochmal sehen zu müssen.

Wir alle sind Zeitzeugen, was 9/11 angeht. Vielleicht sollten wir – so wie das Menschen machen, die den 2. Weltkrieg miterlebt haben – erzählen, wie wir das damals wahrgenommen haben und wie wir das bewerten, was in der Folge passierte. Die nachfolgende Generation ist pfiffig. Die kümmern sich mehr um Nachhaltigkeit und um den Planeten an sich. Die denken Teilhabe ganz anders mit als wir alten, weißen Säcke. Deswegen sollten wir vielleicht im Gespräch bleiben mit diesen jungen Menschen und von „damals“ berichten. Berichten in der Hoffnung, dass die jungen Menschen auch hier einen Wandel herbeiführen können.

Wäre doch cool, wenn das Learning aus 9/11 wäre, dass wir andere Wege finden, als mit Waffengewalt in Länder einzuziehen, um den Menschen dort zu erzählen, wie eine Gesellschaft zu funktionieren hat. Wir müssen global denken und ja, wir müssen auch denen auf die Finger klopfen, die Menschenrechte nicht achten, die Land annektieren und ihrerseits übergriffig in andere Länder einmarschieren. Aber wir können uns nicht mehr die Rosinen rauspicken und aus fadenscheinigen Gründen fremde Länder besetzen, während wir andere Nationen wie Russland, China, Saudi-Arabien, Katar bei Menschenrechtsfragen gerne übersehen.

Puh, während ich schreibe, merke ich, wie ich mir selbst schlechte Laune mache dadurch. Einfach, weil es so viele schlimme Baustellen in der Welt gibt und wir tatsächlich Zeit damit verschwenden, über krude Verschwörungstheorien zu reden und über Gender-Sternchen zu streiten und über Regenbogenfahnen und Impfungen. Ich glaube, ich mach meine miese Laune jetzt komplett, indem ich mir im TV das zweite „Triell“ reinziehe und nebenher die sozialen Medien verfolge.

Ich verspreche jedenfalls jetzt schon, dass der nächste Artikel hier ein positiver wird. Irgendwas mit Musik oder so. Ich brauche das für mein Seelenheil und da passieren zum Glück ja tatsächlich genügend positive Dinge. Also stay tuned, Ihr Täubchen!

Artikelbild von David Z auf Pixabay

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