Rock & Roll Hall of Fame: Depeche Mode entern den Rock-Olymp

Gestern war der 7. November 2020 — ein Tag, der wirklich in die Weltgeschichte eingehen wird. Die USA sind weit weg und noch unerreichbarer in Zeiten der Pandemie, aber dennoch schauten gestern Nacht viele Millionen Menschen ergriffen in die Vereinigten Staaten. Man spürte förmlich, dass man jetzt gerade dabei sein darf, wie Geschichte geschrieben wird und ja, so war es ja wohl auch tatsächlich: Nach Jahren des Darbens ist es gestern endlich passiert: Depeche Mode wurden in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen! (Was dachtet ihr denn, was ich meine? Joe who? 😀

Aber im Ernst: Viele Jahre dachte ich nicht, dass sowas jemals passieren würde. Allein schon deswegen, weil ich Depeche Mode natürlich lange nicht als eine Rockband gesehen habe. Gerade zu Beginn ihrer Karriere wurden sie reihenweise verrissen und von Musik-Kritikern als eine beliebige Synthpop-Boygroup betrachtet, die allenfalls für kreischende Teenagerinnen sorgt und nicht etwa für höher schlagende Kritiker-Herzen. Während die Basildoner Mitte der Achtziger in Deutschland längst zu Stars herangewachsen waren, wurden sie in England nicht mal eingeladen, bei Live Aid mitzumachen.

Über die Jahre änderte die Band ihre musikalische Ausrichtung, gewann an Einfluss und auch seriöse Musik-Schreiberlinge wurden hellhörig. Gleichzeitig hat sich auch die Rock & Roll Hall of Fame weiter entwickelt und wenn man sieht, dass neben Depeche Mode auch Künstler wie Whitney Houston oder Notorious BIG dieses Jahr in die Ruhmeshalle aufgenommen, so wird „Rock & Roll“ mittlerweile sehr großzügig ausgelegt.

Nichtsdestotrotz war ich mir natürlich lange dessen bewusst, wie meine Helden Depeche Mode unzählige Künstler und verschiedenste Stilrichtungen beeinflusst haben. Da ist es mir dann auch egal, ob man Ehrungen und Musikpreise abräumt oder eben doch nicht so häufig. Dementsprechend war es mir über die Jahre auch immer komplett Latte, ob Depeche Mode in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen wird.

Gestern, gleichzeitig mit dem Augenblick, in dem der Demokrat Joe Biden zum President Elect gekürt wurde, fand die — dank Corona nur virtuelle — Feier statt, mit der Depeche Mode und andere Künstler in die Hall of Fame aufgenommen wurden. Leider gab es keine Performance der Band, was angesichts unserer globalen Situation leider zu erwarten war.

Dennoch war es sehr schön, sich den Clip der Zeremonie anzusehen, der aus zwei Teilen bestand: Einmal gab es Rückblenden und Ausschnitte aus der 40-jährigen Karriere der band, dazwischen immer Statements der Band und von anderen Musikern, auf die Depeche Mode einen Impact haben. Schauspielerin Charlize Theron nannte die Musik von Depeche Mode in diesem Teil des Videos direkt zu Beginn den „Soundtrack ihres Lebens“ — eine Phrase, die vermutlich jeder Fan der Band irgendwann mal gesagt oder zumindest gedacht hat. Ich selbst habe es bestimmt eine Million mal gedacht.

Im anderen Teil kamen dann Dave, Martin und Fletch zu Wort und bedankten sich sichtlich gut gelaunt für die Ehre. Es wurde rumgealbert und ja, auch Dave wirkte auf mich deutlich sympathischer als der Mick-Jagger-Zirkusdirektor-Hybrid, der da auf der letzten Tour zumeist auf der Bühne herumgesprungen ist. Wir Fans neigen ja dazu, in jede Geste und jedes Wort immer schrecklich viel reinzudeuten und so war es letzte Nacht auch: Als Dave sagte, dass man sich ja bald sehen würde und er Martin aufforderte, zurück ins Studio zu gehen, sah ich natürlich direkt wieder ein neues Album mit anschließender großer Welttournee vor meinem geistigen Auge auftauchen.

Ich hab keinen Schimmer, wann es soweit sein wird und was man sowohl von Musik als auch Live-Performance dann erwarten darf, wenn sich die drei längst etwas betagteren Herren nochmal aufraffen können. Ihr könnt euch aber sicher sein, dass ich das hier mit unanständig vielen Artikeln und Instagram-Stories begleiten werde. Schließlich werde ich dann zwar über 50 Jahre alt sein, aber immer noch im Herzen der kleine Fanboy bleiben, der diese so andere und besondere Band 1982 für sich entdeckte.


Eigentlich hatte ich auch erst überlegt, in diesem Artikel hier nochmal die Zeit Revue passieren zu lassen: Die Jahre vorm Radio in den frühen Achtzigern, das erste Konzert 1986, der magische „Enjoy The Silence“-Moment in Dortmund, die verrückten Touren mit meinen Freunden und so vieles mehr, was mein Leben jahrzehntelang geprägt hat. Aber teilweise hab ich es ja längst aufgeschrieben, teilweise werde ich es noch in separaten Beiträgen. Daher belasse ich es heute dabei, der Band nicht nur zum vierzigsten Geburtstag zu gratulieren, sondern auch zur Aufnahme in diesen Rock-Olymp. Ich teile diesen Moment mit euch, indem ich hier das Video von letzter Nacht einbinde und werde jetzt mal an die frische Luft gehen und in die ganz alten Alben reinhören.