Song der Woche [8]: Depeche Mode – „Somebody“

Eigentlich hatte ich einen anderen Song für heute Abend auf dem Schirm. Aber dann schaut man Tatort und dort läuft wenige Sekunden lang „Somebody“ von Depeche Mode und man wirft die eigentlichen Pläne direkt wieder über Bord. Momentchen noch, Mr. Corner – heute ist der Herr Gore nochmal dran. Jau, das bedeutet nämlich, dass es zwar erst die achte Folge meiner kleinen Song-Reihe gibt, aber bereits zum zweiten Mal Depeche Mode für den ausgewählten Song verantwortlich sind. Verwundert vermutlich aber kaum jemanden, der mich kennt, oder?

Wie gesagt lief das Lied eben im Dresdner Tatort und das nur kurz in einer eher so mittel-romantischen Szene. Unabhängig davon ist es für mich eines der wundervollsten Liebeslieder, die ich in meinem Leben gehört habe und für den abstrusen Fall, dass irgendjemand hier diese Zeilen liest und „Somebody“ nicht kennt, poste ich den Clip hier mal:

So, weiter im Text. Der Tatort eben war okay, nicht besonders herausragend, aber auch nicht unterirdisch. Typische Sonntagabend-Unterhaltung irgendwie. Aber dann ertönen die ersten Töne von „Somebody“ und man befindet sich direkt in einem ganz anderen Film. Der Film heißt „1984 in Unna“ und die Hauptrolle dort spiele ich – im Alter von 13 Jahren. Depeche Mode waren damals schon meine Helden und ich liebte einfach diese Wucht von Songs wie „People are People“ und diese Sound-Vielfalt von „Blasphemous Rumours“.

Damals war ich noch der typische Radiohörer und ich muss zugeben, dass ich nicht nur das Album „Some Great Reward“, sondern auch sämtliche 84er-Singles erst gekauft habe, nachdem ich 1985 die Singles-Collection gekauft hatte. Da wurde es also erst zur Manie und somit lernte ich auch „Somebody“ erst 1985 kennen, denn obwohl das Lied Teil der Doppel-A-Seite mit „Blasphemous Rumours“ war, hörte man überall nur den von Dave gesungenen Song und nicht Martins Ballade. Wenn ich mich recht erinnere, war diese Doppel-A-Seite auch eh nur ein Zugeständnis, weil man schon vorausahnte, dass ein Lied, welches sich so kritisch mit der Kirche auseinandersetzt wie „Blasphemous Rumours“ als Single Probleme bereiten könnte.

Der Sound von Depeche Mode wurde sehr „Industrial“-lastig, was sich ja bereits vorher schon mit „Construction Time Again“ abzeichnete. Die Technologie, die anspruchsvolleres Sampling ermöglichte, Berlin, Einflüsse von Bands wie „Einstürzende Neubauten“ – all das ergab einen so eigenen Sound, der diese Band noch tiefer in mein Herz trieb, weil sie einfach so anders waren als alles andere, was es gab.

Und dann gibt es auf diesem so wuchtigen Album diese beiden sehr zarten Gegenpole von Martin, der neben „Somebody“ auch noch das ebenso göttliche „It doesn’t matter“ singt.

Ich schrieb schon mal in einem anderen Text, dass die Lyrics von Martin Lee Gore der Grund waren, wieso ich endlich mal anfing, mich mit damit auseinanderzusetzen, wovon da überhaupt gesungen wird. Ihr könnt euch ja sicher denken, dass sich dann so ein Liebeslied mit einem so großartigen Text nachhaltig ins Gedächtnis eines unerfahrenen Teenagers brennt, wie ich damals einer war. Noch heute staune ich darüber, wie unfassbar Martin Gore dieses abgenudelte Thema „Liebe“ in so außergewöhnliche Texte kleiden kann.

Keine Ahnung, wie oft ich schon mit dem Textblatt in Händen da gesessen habe beim Hören neuer Depeche-Songs und wieder einmal kopfschüttelnd davor saß, weil ich nicht kapieren konnte, wie man so mit Worten umgehen kann. Etwas beschreiben, was jeder kennt, mit Worten, die noch niemand so dafür verwendet hat – das ist der ultimative Songwriter-Skill und Martin Gore beherrscht das mit einer Perfektion, die ich noch heute manchmal nicht begreifen kann.

Depeche Mode experimentierten damals jedenfalls sehr viel mit Sounds. Auf allem wurde herumgehämmert, alles wurde Treppen heruntergeworfen und erstaunlich viele dieser Geräusche schafften es tatsächlich in ihre Pop-Songs. „Somebody“ ist da musikalisch so ganz anders, aber selbst da merkt man die Liebe zu den Details und zu der neuen Technologie an, wenn man im Hintergrund Züge hört, irgendwelche Hintergrund-Sounds von Berliner Straßen, Kinderstimmen usw. Zwischen diesem neuen Industrial-Sound wirkt „Somebody“ daher wie so ein zartes Pflänzchen und dass alles daran so zerbrechlich klingt, ist vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass Martin Gore den Gesang tatsächlich nackt aufgenommen hat.

Vermutlich gibt es kaum ein Lied, welches so oft auf Hochzeiten von Depeche-Fans läuft, wie dieses. Einfach, weil Martin so eindringlich beschreibt, wie dieser eine Mensch sein sollte, der einen mit all seinen Macken nimmt und akzeptiert. Ich glaube, lediglich der letzte Satz des Songs würde mich im Falle einer eh nur sehr theoretisch denkbaren eigenen Hochzeit davon abhalten, dass er mein Hochzeits-Lied wird.

Though things like this make me sick, In a case like this I’ll get away with it

Auch, wenn die Nummer mit dem Heiraten für mich wohl eher durch ist: Dieser Text ist so ziemlich genau die Schablone für den Menschen, nach dem ich suchen oder Ausschau halten würde. Ich hatte schon mal genau so einen Menschen, daher weiß ich, dass die Worte nicht nur schöne Theorie sind. Falls ihr also auf der Suche seid nach der Person, die das Leben mit euch verbringen soll, legt genau diesen Maßstab an, den Martin da besingt. Nichts Geringeres sollte euer Anspruch sein.

Ehrlich gesagt habe ich den Tatort eben übrigens gar nicht mehr wirklich zu Ende geschaut. Das ist bei mir eben so, wenn ein Song-Schnipsel die Achtziger-Jahre-Zeitmaschine anwirft. Ich glaub, daher bleibe ich jetzt auch dabei und höre einfach nochmal die komplette „Some Great Reward“ durch – kann ja nicht schaden.

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