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Ich hab geguckt!

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass in eineinhalb Stunden Spanien gegen Argentinien um den Titel des Fußballweltmeisters spielen wird. Ein Blick in die sozialen Medien verrät mir, dass sehr viele Menschen sich dieses Spiel reinziehen werden. Ein Blick in mein Inneres schließlich verrät mir: Jau, ich hab von der fast beendeten FIFA-Weltmeisterschaft so ziemlich jedes Spiel gesehen, das ich sehen konnte.

Da, ich hab es gesagt! Ich hab geguckt. Wer meinen weniger gewordenen Beiträgen in den sozialen Medien folgt, wusste das längst, dass ich dieses Turnier nicht boykottiert habe. Dass ich eingeschaltet habe, obwohl Infantino und Trump Idioten-Trolle aus der Hölle sind und man ihnen tunlichst nicht in die Karten spielen sollte. Auch nicht, in dem man ihnen Grund gibt, sich selbst in irgendeiner Form zu feiern.

Und klar, natürlich feiern die sich königlich, wenn ihnen bestätigt wird (oft vom jeweils anderen), dass dieses WM-Turnier das größte, beste und einmaligste ist, welches jeweils auf diesem Erdenball gespielt wurde. Ist natürlich auch einfach, wenn man einfach mehr Länder mitspielen lässt, dann zu erklären, dass das Turnier größer ist als alle davor. So ähnlich muss es bei der EM 1980 schon mal gewesen sein. Beim Turnier in Italien wurde nämlich die Zahl der Teams einfach mal verdoppelt! … auf acht Mannschaften! Jau, mehr gab es nicht. Zwei Vierer-Gruppen, der Gruppensieger stand im Finale, der Gruppenzweite im Spiel um Platz 3, insgesamt 14 Spiele, fertig, aus!

Und jetzt schaut Euch an, was aus der WM geworden ist. Ein aufgeblähtes Ungetüm, bei dem es viel zu oft um Kohle geht und welches in vier Jahren mit 64 Mannschaften noch einmal größer werden könnte.

Ich hab geschimpft!

Ja, wie schon zuvor bei der WM in Katar habe ich im Vorfeld viel geflucht und viel überlegt, ob ich mir den Scheiß überhaupt geben soll, oder halt nicht. Zur WM in Katar habe ich groß und breit erklärt, wieso ich dann doch nicht einschalten wollte. Übrigens hab ich damals bereits KI-Bilder verwendet. Junge, waren die kacke! 😀

Sei es drum! Angesichts von US-Präsident Trump, jenem 4-jährigen Egomanen, gefangen in einem orangenen Körper eines 150-jährigen Egomanen, konnte einem auch bei dieser WM wieder früh die Lust vergehen. Und dann noch Infantino, den ich Verbrecher nennen würde, wenn ich keine Angst hätte, dass ich vielen Verbrechern damit Unrecht täte, sie in einen Topf mit diesem Fußball-Zerstörer zu werfen. Wieder habe ich vollstes Verständnis für jeden, der für sich entschieden hat, nicht einzuschalten. Und wie gesagt: Ich hab auch über so vieles geschimpft:

  • dieser unnötige Gigantismus, der das Turnier komplett verwässert
  • ein Turnier, welches das absolute Gegenteil von „nachhaltig“ ist, allein durch die vielen Reisemeilen von Teams und Fans
  • Trump, der so tut, als hätte er allein das Turnier organisiert
  • Preise jenseits von Gut und Böse inklusive des allseits beliebten „Dynamic Pricings“.
  • Einreiseverbote und Einreise-Erschwernisse für Nationen wie Iran, Elfenbeinküste, Senegal usw.
  • Trinkpausen, die nichts als verkappte Werbepausen sind

Ich fürchte, ich könnte diese Liste noch ein wenig so weiter führen. Und jetzt, am Ende des Turniers, wo uns noch die glamouröse Halbzeit-Show bevorsteht, Trump den Pokal überreichen wird und die Spieler erstmals auch Weltmeister-Ringe nach dem Vorbild des American Super Bowls bekommen, sind die meisten Punkte davon noch akut.

Aber wisst ihr was? Ich schreibe diesen Artikel nicht, weil ich schon wieder nur über Infantino, Trump und Kommerz abledern will. Stattdessen erzähle ich euch, dass die WM irgendwie merkwürdigerweise richtig Bock gemacht hat. Trotz 48 Teams, oder vielleicht sogar gerade wg. 48 Teams.

Ich hab’s aufgesogen!

Schon im Vorfeld musste ich meinen Freunden gestehen: Sorry, aber ich hab Bock! Ich bin hyped! Und vor allem bin ich in einer Verfassung, in der ich für jedes bisschen Ablenkung absolut dankbar bin. Einfach mal ein paar Wochen nicht nur an Weltschmerz leiden. Nicht nur über Trump und Merz aufregen und die Hände überm Kopf zusammenschlagen wegen der Ukraine, wegen ICE, wegen Krieg im Iran, wegen Korruption im Weißen Haus und und und.

Einfach mal einreihen in die Riege de r84 Millionen Bundestrainer und alles immer besser wissen. Spekulieren, andere Teams dissen, vier Spiele täglich genießen und Trikots auf dem Platz sehen, die man noch nie gesehen hat.

Wenn ich vorm Finale behaupte, dass mir die WM richtig Spaß gemacht hat, dann nicht, weil ich mich etwa in Trump oder Infantino geirrt hätte. Das sind exakt die korrupten Arschlöcher, für die wir sie halten. Die WM hat für mich funktioniert – nicht wegen, sondern trotz dieser beiden Spinner!

An einem Punkt irrte ich mich komplett: Ich dachte, mit der Erhöhung auf 48 Teams hätte man uns einfach nur Kanonenfutter ins Turnier gekegelt. Unser 7:1 gegen Curacao hätte man eigentlich als Bestätigung für diese These sehen können. Aber selbst da wusste ich, dass ich falsch gelegen hatte. Wenn man diese Spieler und ihre Fans gesehen hat, sich über die Bilder aus ihrer Heimat erfreute und dann mitfühlte, wie diese Mannschaft nicht nur ihre erste Teilnahme, sondern vor allem ihr allererstes Tor feierten – wie sollte man da behaupten, dass das keine Bereicherung sei?

Andere Teams, allen voran Kap Verde, überraschten komplett. Aber selbst die weniger erfolgreichen Usbeken oder die Mannschaft Haitis glänzten mit so viel Freude am Sport und an der Begegnung und sogar mit schönen Toren.

Afrikanische Teams sind keineswegs mehr Exoten! Stattdessen haben Teams wie Marokko, Ägypten, Elfenbeinküste oder Senegal gezeigt, dass sie jederzeit mit den starken Nationen aus Südamerika und Europa mithalten können.

Ich hab gefeiert!

Diese „Kleinen“ hab ich gefeiert, aber auch die US-Amerikaner. Die Amis haben so sympathisch wenig Ahnung von Fußball und auch davon, wie groß dieser Sport außerhalb ihrer Bubble ist. Denen klappten komplett die Kinnladen herunter, wenn norwegische Wikinger, Dudelsack-spielende Schotten-Kolonnen oder tonnenweise Kolumbianer ihre Städte in reine Feier-Meilen verwandelten.

Ich hab mir eine Menge Videos von heulenden Amis angeschaut. Wieso die heulten? Weil sie es nicht glauben konnten, wie einfach und schön die Welt sein konnte. Dass da Menschen aus dem Nahen Osten, aus Afrika, Europa und Nordamerika auf einem Platz stehen und sich gegenseitig feiern, sich kennenlernen wollen und feststellen, wie gleich wir dann letzten Endes doch alle sind. Fußball als Problemlöser für alle Sorgen dieser Welt? Sicher nicht! Aber ja, dennoch sieht man, dass ein Sport Menschen zusammenbringen kann. Und man sieht, dass der andere, wenn er direkt vor dir steht und dich anlächelt, einfach ein genauso guter Typ ist wie jeder andere.

Das Spiel läuft aber auch umgekehrt: Wir haben seit Trump eine deutlich miesere Meinung von den Vereinigten Staaten uns den Bürgern dort. Aber man konnte deutlich sehen, wie liebevoll Fans aus aller Welt aufgenommen wurden. Mit wie viel Gastfreundschaft sich dieses Land präsentierte. Die Amis sind nämlich bei aller Kritik an vielen MAGA-Idioten eben auch wirklich open minded und sehr herzlich. Auch davon zeugen unzählige Videos im Netz.

Ach, und wen ich noch gefeiert habe? Haaland! und Mbappé … und Messi … und Kane und Jude und so viele mehr! Die Topstars lieferten! Wenn gleich das Spiel angepfiffen wird, hat Messi noch die Chance, sich an Mbappé vorbeizuschieben. Sowohl beim Torschützen des Turniers, als auch in der ewigen Torschützenliste. Die gerne als „Scheiß-Millionäre“ beschimpften Megastars drehten für ihre Nationen schwer auf. Klar, mehr Spiele denn jemals zuvor öffnen die Tür für Torrekorde. Aber Mbappés 10 Tore und auch die nicht viel weniger erzielten Treffer der nachfolgenden Stars sprechen dennoch eine deutliche Sprache. Oder nehmt allein das sonst doch sehr trostlose Spiel um Platz Drei, welches gestern mit 6:4 für England gegen Frankreich ausging!

Es gab ein paar lahme Kicks und gerade die beiden Finalisten konnten nicht immer überzeugen. Aber trotzdem gab es tollen Fußball, wunderbare Tore, dramatische Wendungen, grenzenlosen Jubel und schmerzhafte Trauer. Ich hätte mir gewünscht, dass vieles anders gewesen wäre: Das Turnier inklusiver und günstiger. Südamerikanische Teams weniger brutal. Schiedsrichter einheitlich gut. Trump unsichtbar. Keine Fake-Getränkepausen. Aber hey: Unterm Strich hat mir das sehr viel Spaß bereitet. Gleich ist Anstoß, also nutzt die Gelegenheit und schaut nochmal auf die Ränge. Seht die jubelnden, glücklichen Menschen, die mit Herzblut und Stolz die Farben ihrer Nation feiern.

Wie ihr gemerkt habt, habe ich mit keiner Silbe das deutsche Team erwrähnt. Auch habe ich ganz viel unfassbar miese, negative Aktionen nicht angesprochen. Es gibt Zeiten, in denen man das angesprochen hat und künftig auch ansprechen wird. Aber heute wollte ich einfach nur sagen, dass ich geglotzt habe, das Turnier wirklich genossen habe und ich finde, man sollte es niemandem übel nehmen, der eingeschaltet hat.

In einer schwierigen Zeit hat mich das Turnier abgelenkt, mich oft begeistert mit der Zunge schnalzen lassen und gerade mit Blick auf die Fans wirklich oft ein Lächeln ins Gesicht und ein wohliges Gefühl ins Herz gezaubert. Das ist gut so und das nimmt mir niemand mehr weg.

Wenn wir künftig wieder über Boykotts, Korruption und Kapitalismus reden wollen, können wir das gerne tun. Denn ja, dieser miese Kuhhandel – drei Ausrichter-Kontinente 2030, damit danach Saudi-Arabien übernehmen kann – pisst mich längst schon an. Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, hat sich meine Meinung über die Jahre ein wenig verändert. Ich glaube jetzt, dass generell der Zeitpunkt für Protest zwischen den Turnierern ist, nicht pünktlich zum Anpfiff.

Oh, apropos Anpfiff: Ich muss aufhören, das Spiel geht gleich los! Mein Tipp: Sorry, Messi – Spanien liegt in meiner Gunst weit vorne. Die Mischung aus Weltklasse und Ausgewogenheit sollte hoffentlich reichen, das Turnier zu gewinnen und Messi in die Fußball-Rente zu ballern.

Artikelbild: Sagenhaft bescheuertes KI-Bild von mir, das so gar nichts mit der WM zu tun hat ^^

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